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Mit dem Fahrrad an die Ostsee

Nicht nur die Corona-Krise ist lang, mittlerweile seit über einem Jahr. Auch der diesjährige Winter – so schön der Schnee auch war – scheint kein Ende zu nehmen. Und war die Kälte vorbei, kam der Regen. Das geht auf den Bewegungsradius. Kein Büroweg, weil Homeoffice. Kein wöchentlicher Sport, weil Lockdown. Langsam geht es auf die Kondition. Dass wollten wir nicht länger hinnehmen. Ein Plan musste her. COVID-19-konform. Ein Kurztrip an die Ostsee. Mit dem Fahrrad. Knapp 210 Kilometer von Berlin nach Ueckermünde. Ein Klacks, oder?

Neues Fahrrad nach einem halben Jahr Wartezeit und dann: Schnee, wie ihn Berlin seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Woche für Woche musste der Plan an einem Wochenende mit Overnighter in Templin, die Strecke abzureißen, verschoben werden. Minusgrade und eisglatte Strecken? Nee, so hart sind wir dann doch (noch) nicht. Es sollte schließlich die erste von vielen kommenden Herausforderungen in diesem Jahr werden. Das Ende der Trägheit, die in einem Fitnesszustand mündete, der hart in den Minusbereich zeigt. Von den 1-2 Kilo Zusatzgewicht mal ganz zu schweigen. In diesem Punkt war der Lockdown nicht gut zu uns. Aber egal, der Wille des Aufraffens ist da. Ende Februar war es dann endlich auch soweit. Die Meteorologen sagten frühlingshaftes Wetter voraus, der Mitfahrer hatte Zeit und die Familie signalisierte Entbehrlichkeit. „Fahr nur, wir kommen klar.“ Perfekt, danke dafür. Es war also an der Zeit die Ausrüstung für die Tour zusammenzustellen.

Wenig Gepäck: Leicht und kompakt. 

Klar, bei einer kurzen Tour braucht es nicht viel, aber ganz ohne geht es eben auch nicht. Wie es der Zufall wollte, besaß der Schwiegervater meines Reisebegleiters Mischa ein kleines Waldgrundstück mit Hütte und Baumhaus nahe Templin. Gute 90 Kilometer Strecke von Berlin bis dahin. Eine gute Distanz, um reinzukommen in die Radsaison 2021. Das Übernachtungsthema war damit relativ schnell abgehakt. Kein Zelt, keine Hängematte oder sonstige sperrige Schlafausrüstung. War alles vorhanden. Mit dieser Option war auch das größte Packmaß von der Liste. Somit reichten mir zwei Bikepacking-Taschen – eine am Rahmen – und die sogenannte Arschrakete. Darin Hygieneartikeln, Ersatzwäsche für die Nacht, ein kompakter Gaskocher, Tasse, Kaffeepulver, Stirnlampe und etwas Nervennahrung. Ready to bike.

Bikepacking Tour Berlin Ostsee mit Gravelbike und GORE-TEX Ausrüstung

Nur das Nötigste: Bikepacking mit Rahmentasche und Arschrakete. Foto: T. Schäfer

Der frühe Vogel schafft die Tour

Prenzlauer Berg. Samstag, 8.30 Uhr. Treffen beim Bäcker. Mit frischen Käsebrötchen und ’nem Kaffee zum reinkommen. Kurzer Tourcheck. Mischa hatte uns die Strecke bis Templin bei Google Maps zurechtgebastelt. Ich verzichtete daher auf mein GPS-Gerät und meine Handyhalterung. Weniger Technik, mehr im Hier und Jetzt. Mal abgesehen vom Tempomat und der Kamera an meiner Lenker zwecks Dokumentation der Tour. Dass der Navigator allerdings ein formschwaches iPhone 5 zur Streckenermittlung verwendete, dessen Bildschirm eher zu den kleinformatigen gehörte, ließ das Rauskommen aus der Stadt nicht gerade in einem Rutsch zu.

Alle paar Meter musste gestoppt werden, um die Lage und die Richtung zu checken, was schreib ich, überhaupt zu erkennen. Smallphone statt Smartphone.

Riskierte ich mal einen Blick, sah ich nichts. Wahnsinn, was man vor wenigen Jahren als Staus Quo erachtete. Also ließ ich ihn mal machen, was in regelmäßigen Stopp und Go mündete. Das ist das verdammte Leid mit der Technik auf Touren. Man schaltet seinen Verstand aus und checkt ständig die Datenlage. Als ob man Richtung Norden nicht auch so finden würde. Schrecklich. Schlussendlich fanden wir über Pankow den Weg raus aus der Stadt und fanden uns alsbald auf dem Berlin/Kopenhagen Radweg. Zeit den Groove zu finden. Dabei stellte sich schnell raus, dass Mischa einen ordentlichen Zug in den Beinen hatte. Ich musste da schon ordentlich beißen. Hielt aber mit.

Bikepacking Tour Berlin Ostsee mit Gravelbike und GORE-TEX Ausrüstung

Keep it simple: Geschwindigkeitsanzeige und Kamera zwecks Dokumentation, mehr brauchte es für die Tour an die Ostsee nicht. – Foto: T. Schäfer

Raus aus Berlin. Rein in die Natur.

Das schöne an Berlin ist, wenn man es erst einmal die Peripherie der Stadt hinter sich gelassen hat, ist man ganz schnell direkt in der Natur. Brandenburg meine Perle. Alsbald fuhren wir an kleinen Kanälen entlang. Vorbei Seen. Durch kleine Wälder. Bald darauf durchquerten wir die ersten kleinen Dörfern. Und dabei wunderschönes Wetter. Herrlich. Es brauchte nicht lange, bis wir im Flow waren. Nach zwanzig Kilometern der erste kurze Stopp an einem kleinen Kanal auf dem Berlin-Kopenhagen Radweg. Das hat es gebraucht. Natur pur. Da verweile ich innerlich doch ein wenig. Derweil ein paar Sätze zu meiner Ausrüstung. Neben meinem Fahrrad – wie bereits erwähnt ein Gravel Bike namens Backroad AL aus dem Hause Rose – war ich gespannt, wie sich meine neue Fahrradbekleidung schlägt. Ich bin auf dem Gebiet noch recht neu und habe mir erst kürzlich überhaupt einen Helm sowie eine Sportbrille gekauft. 

Normalerweise finde ich mittelalte Männer in Rennradkleidung eher Semi-Cool bis hin zu peinlich. Wurstpellen-Alarm!

Dennoch wollte ich natürlich gut ausgestattet auf Tour gehen, denn aus den anderen Bereichen in den ich sportlich unterwegs bin, weiß ich qualitativ hochwertige Funktionskleidung sehr zu schätzen. Zumal das gesteckte Ziel ja auch etwas von „ich fahr mal eben zur Arbeit“ abweicht. Nach der obligatorischen Recherche und diversen Kundenrezensionen habe ich mich letztendlich für GORE-Tex Produkte entschieden. Was diese so besonders macht, habe ich im Vorfeld versucht mit GORE-Tex Ambassador Hannu Haslach zu klären. Das Interview findet ihr hier. Mein Tour-Ensemble bestand aus Wärmekappe, Windstopper Handschuhe, einen Jacke als zweiten Layer, Windstopper Überzüge für die Schuhe und das auf langen Strecken wohl wichtigste Produkt: die Radlerunterhose in der Langbeinversion mit Trägern und – ganz wichtig – Polsterung für das Hinterteil. Damit man nicht aussieht wie Howard the Duck habe ich eine normale Shorts, die mich optisch mehr in die Mountainbike-Ecke drängte denn in die Racing Schiene, als Finish drübergezogen. So fühlte ich mich jedenfalls supersportiv und gewappnet für mein bis dato längstes Bike-Abenteuer.

ZWISCHENSTOPP TEMPLIN

Fahrrad an die Ostsee

Have a Break. – T. Schäfer

Mit 90 Kilometern am ersten Tag vor der Brust, gingen wir nach praktisch Null Bewegung in der Winterpause mit einem durchaus sportlichen Ansatz an die Sache ran. Ich hatte anfangs eigentlich geplant die komplette Tour in einem Rutsch zu meistern. Glücklicherweise brachte mich aber Mischa davon ab, so dass wir Templin als Übernachtungszwischenstopp einbauten. Gegen 15.30 trafen wir in dem Städtchen in der Uckermark ein. Besorgten uns etwas Grillgut, Salat, Getränke und Frühstückskram und nahmen die letzten 10 Kilometer bis zur Schlafstelle in Angriff. Diese lag in einem kleinen Waldstück mit Holzhütte und einem Baumhaus in dem ich später schlafen würde. In einem solchen hatte ich zuletzt vor drei Jahren auf einer Motorradtour über Belgien durch Nordfrankreich mein Lager aufgeschlagen. Damals eine tolle Erfahrung. Ich freute mich also auf den besonderen Zwischenstopp und mit mir mein Körper, der die Wegstrecke doch arg spürte. So war nach einem abendlichen Grillenhappening auch bereits um 19 Uhr Schicht im Schacht. Lange nicht mehr so platt gewesen. Zwischendurch bin ich immer mal wieder aufgewacht und konnte den Vollmond durch das Baumhausfenster beobachten. Dementsprechend hell war es in meiner Unterkunft. Ne Eule (oder war es ein Uhu) sorgte für die Soundkulisse, während ich immer mal wieder wegdämmerte. Aufwachte. Einschlief. Bis es schließlich hell war und ich meinen Mitfahrer unten in der Küche des Häuschens klappern hörte. Aus den Kissen geschält. Kaffee und Brot reingepfiffen. Ausrüstung verpackt. Alles so zurückgelassen, wie zuvor und ab auf die Piste. 

Hightech hin oder her: Biken hurts!

An oder Aus? Die Zehen sind taub. – T. Schäfer

9 Uhr steht auf dem Zeiger. Puh, erst einmal wieder reinkommen. Tut doch alles etwas weh. Vor allem sind die Schmerzen am Hinterteil schon nach kurzer Zeit wieder da. Ärgerlich. Da heißt es beißen. Bei leichtem Nieselregen reißen wir die ersten 10 Kilometer ab. Neben der körperlichen Erschöpfung des Vortages, spüre ich heute extrem, dass schon nach kurzer Zeit auf dem Bike die Zehen in den Schuhen taub werden. Ein ätzendes Gefühl und Grund mir vor der nächsten Tour mal ein Bike Fitting zu gönnen. Hier werden alle Einstellungen Sattelposition, der Sitz der Klickschuhe gecheckt. Im Idealfall löst eine Einlegesohle das Problem. Hilft mir nur aktuell mit noch 100 Kilometer vor der Brust herzlich wenig. Zudem zeckt am zweiten Tag die Kälte auch gut rein. Ich bin zwar gut gekleidet, habe aber wegen der Zehen auf die Überzüge für die Schuhe verzichtet, um zu checken, ob diese vielleicht zu eng saßen und deshalb meine Fußprobleme auftraten. Im Gegenzug friere ich nun in meinen Sommerschuhen.

Wie man es macht….. Aua!

Also, Überzieher wieder an. Kälte weg. Weitertreten. Aua am Hintern. Ihr merkt, am zweiten Tag ging es hauptsächlich im Befindlichkeiten. Mentaler Autopilot. Schön ist anders. Zumal am Sonntag und aufgrund der aktuellen COVID-Situation auch das Thema Pause und Nervennahrung, wie einen Kaffee oder ein kleiner Snack am Straßenrand kein Thema waren. Wenn überhaupt ein Laden oder eine Bude zu finden war, dann war diese geschlossen. To Go, in Brandenburg ein No Go. Da uns, bis auf trocken Brot, so langsam auch die Verpflegung ausging, wurde der Energieverlust noch extra beschleunigt. Während ich also mit meinen Schmerzen haderte, ließ sich mein Mitfahrer nichts anmerken. Keine Klagen. Nur treten und ab und zu ein Tässchen Tee. Zäher Hund. Respekt! Ob wir es am Ende an die Ostsee geschafft haben? Dazu mehr im Video zur Tour, welches wir die Tage uploaden. 

Ohne Sitzfleisch geht gar nichts

Ein Spoiler freies Fazit nach 180 Kilometern an dieser Stelle schieben wir aber vorweg: Ich habe geschwitzt, gekämpft, gelitten. Wenn der Hintern schmerzt, hilft auch kein Polster in der Radlerunterhose. Sitzfleisch hat man oder nicht. Meines scheint aus der Übung oder nicht vorhanden. Während der Tour dachte ich immer wieder: „Wie machen das nur die Profis?“ Dabei kam mir die Idee die nackten Hintern von Radprofis in einer Fotoserie zu verarbeiten. Da muss es doch irgendetwas geben, was deren Hinterteile so besonders macht. Erste Anfragen sind bereits raus. Also, wenn ihr demnächst an dieser Stelle nackte Hintern seht, nicht wundern. Ist Recherche und hat alles eines Sinn. Wir wollen ja vorbereitet sein, denn 2021 sind weitere – teils längere – Biketouren geplant und da soll es ja schließlich fitte rund mit weniger Schmerzen zur Sache gehen. An der Kleidung lag es jedenfalls nicht. War schon der Körper. Daran muss ich arbeiten!

Für die Tour wurden wir von GORE-Tex mit einigen Produkten ausgestattet.
Der Plan für die Tour stand vorher.
Geld floss nicht!