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Foto: © Tim Bruening/UniversalMusic

»Wer die Freiheit liebt, sollte politisch werden.« | [030] Interview mit Bosse

in Interview/Musik

Wir treffen Bosse im Hof eines Hotels. Warschauer Straße. Am 12. Oktober erscheint sein siebtes Studioalbum: “Alles ist Jetzt.” Und “jetzt” ist erstmal Interview mit dem grundsympathischen Singer-Songwriter.

Ein Mikrofon-Check, dann die Bemerkung: „Technik. Kann so viel schiefgehen.” Bosse atmet durch und haucht: “Gut, aber ich bin ja nicht David Bowie.” Er hat recht, Bosse ist nicht Bowie. Ist auch gut so, denn wäre er Bowie, wäre er ja tot. Das kann keiner wollen. “Sonst rufst’ halt nochmal durch und dann machen wir das nochmal”, sagt er. Nö, wir reden lieber, im Hier und Jetzt. Passt ja auch besser zu seinem neuen Album. Aufnahme läuft. Bosse sitzt in einer Ecke des Hotel-Hofs. Saugt mit spitzem Mund an einem Strohhalm. Kokoswasser. By the way: Sein letztes Album „Engtanz“ stieg direkt auf Platz 1 in die Albumcharts ein. Dann Pause. Jetzt gibt’s zwölf neue Songs und eine Tour durch Clubs ab November. Am 11. November im Astra Kulturhaus, am 20. März 2019 in der Columbiahalle. Schnell noch eine Insta-Story. ‘Bosse, ne Botschaft für unsere Follower? “Das Runde muss ins Eckige”. Wie recht er hat, dieser Philosoph.

Bosse: “Ich bin nicht Bowie”

Dein Album-Titel: „Alles ist Jetzt“. Klingt nach einem typischen Titel von einem Singer-Songwriter-Album, der alles heißen kann. Wenn man reinhört, klingt es tiefgründig, sogar spirituell. Was sagst du?

Im Prinzip das selbe wie „Carpe Diem“. Das alte 90er-Jahre-Thema, das große Thema der Menschheit. Wenn mein Kind mich fragt: was ist wichtig? Würde ich sagen: Außer Amore und Empathie: das Jetzt. Am Ende ist alles Jetzt. Auf sich achten, auf andere achten und den Arsch hoch kriegen. Es geht um Glück, aber auch um Haltung zeigen in Zeiten des Rechtsrucks. Den Buddhismus finde ich von allen Weltreligionen am vorbildlichsten. Eigentlich war „Alles ist Jetzt“ nur ein Song. So ein Track, den Hip-Hopper schreiben, wenn sie wieder zurückkommen. So habe ich mir das vorgestellt.

BOSSE, Berlin, Musik, Alles ist Jetzt, Album, Interview, Berlin, 030, 3 ©TimBruening ©UniversalMusic
Wer ist hier der Boss(e)? Foto: © Tim Bruening/UniversalMusic

Mit 18-Jährigen im Club? “Muss ich nicht mehr”

Du singst über das Hier und Jetzt. Gibt es bei dir verpasste Momente? Wo du sagst: Hätte ich gerne anders gemacht…?

Ich bin sehr genügsam, was mein Leben angeht. Die letzten zwei Jahre waren so stark von Musik und Familie geprägt. Meine größten Träume: Gesunde Familie, gesundes Kind und eine Gitarre in der Hand. Mehr wollte ich gar nicht.

Du kannst ganz gut davon leben, wie man hört.

Alles in Ordnung. Ich habe mein halbes Leben hart dafür gearbeitet. Jetzt kann ich davon leben und meine Familie ernähren. Mein Leben fühlt sich nie an, als würde ich was verpassen, weil ich meine Arbeit liebe und mir alles gut einteilen kann. Aber ich muss nochmal nach Neuseeland und Australien, das mache ich in der nächsten Pause. Das Album wird mich aber noch zwei Jahre beschäftigen und dann mache ich einen Break, schnappe mir meine Familie und gehe mal ein halbes Jahr nach Australien.

Du gehst auf die 40 zu, machst seit 20 Jahren Musik. Ist älter werden ein Problem?

Meine beste Freundin ist gerade 50, sie sieht aus wie 32 und verhält sich manchmal wie 13. Alter hat viele gute Seiten, man weiß mehr, man fühlt eine Grundentspannung. Die hatte ich früher nicht. Mit vielen Sachen bin ich durch, ich muss nicht mehr mit 18-Jährigen im Club tanzen. Am Wochenende habe ich mit Olli Schulz und Olli Dietrich und Bjarne Mädel und anderen tollen Leuten ein Fußball-Turnier gespielt für eine Kinderherzstation in Hamburg, das war vor drei Tagen und ich habe heute noch Muskelkater. Mein Körper fühlt sich an wie der von Heidi Kabel oder Inge Meysel.

Was hat Bosse mit Inge Meysel zu tun?

Woher weißt du wie sich Heidi Kabel oder Inge Meysel gefühlt haben? Sind übrigens beide tot.

So müssen die sich gefühlt haben mit 100. Mein Körper merkt die Zahlen, aber meinem Kopf ist es egal, wie alt ich bin.

Auf dem Album geht es um inneres Gleichgewicht. In Songs wie „Ich bereue nichts“. Ist das jetzt nur dieses „Ich habe Gleichgewicht gefunden“ oder ist da im Hintergrund Angst vor der Midlife-Crisis?

Midlife-Crisis: vielleicht hab’ ich die schon durch. Ich kenne mich aus mit diesen Umständen, wenn man nicht weiß: wo soll das alles hingehen. Das heißt ja auch, man will sich nochmal jung fühlen. Bei mir ist es das Gegenteil: Ich hab’ mega Bock aufs Alter. Die Schweden sagen „lagom“, das Wort gibt’s hier gar nicht. Es steht für das richtige Maß. Besser als „Okay“. Das reicht mir manchmal.

Bei vielen Künstlern habe ich das Gefühl, sie schreiben für zwei, drei Feuilletonisten ihre Texte.

Klingt nach „angekommen sein“: So eine Floskel. Die wenigsten sind da angekommen, wo sie hin wollen…

Ankommen ist ein schwieriges Wort, das kann ja nicht stimmen. In der nächsten Sekunde kann schon etwas passieren, das alles über den Haufen wirft. Man sollte schätzen, was man hat und das es mehr ist, als genug. Wie bei „Ich bereue nichts“. Mit allen Hochs und Tiefs und jedem Umweg. Es ist alles in Ordnung. Wenn ich ehrlich bin: Ich muss nicht in den dicken Stadien spielen. So wie alles gerade ist, ist es super.

Midlife-Crisis? “Vielleicht hab’ ich die schon durch”

Von wegen Stadien: Auf deine Tourneen kommen 100.000 Leute, du spielst in Hamburg auf der Trabrennbahn.

Bei mir ist alles klein und angefangen, ich bin sechs oder sieben Jahre mit meinem Sprinter gefahren – für den ich einen Kredit aufnehmen musste, um ihn einer Blumenhändlerin aus Köln abzukaufen. Wir haben haben die Kilometer gefressen, an jeder Milchkanne gespielt. Oft stehe ich heute in einer großen Halle, vor der zwei große LKW stehen und mein Gitarrist tippt mich an: „Ey, das sind unsere“. Dann freuen wir uns wie Kinder.

Dein erster Plattenvertrag war schuld, dass du nach deinem Realschulabschluss Berlin gezogen bist?
Ja, aber der war schnell wieder weg. Der Vertrag war der Grund, warum meine Eltern gesagt haben: Achso, wenn das dein Beruf ist, dann kannst du nach Berlin gehen. Guck mal, dass war `97 / `98. Ich habe viel mit älteren Leuten rumgehangen, die hatten hier schon Läden aufgemacht. Da hatte ich es ganz gemütlich. Ich bin immer meinen Freunden instinktiv hinterher. Und ich wusste: Ich kann hier Mucke machen, einen billigen Probenraum haben. Ich habe auch im Callcenter gearbeitet, aber sonst nur Musik gemacht. Berlin war für mich immer schon der “Endgegner”.

Alle, die emphatisch sind und die Freiheit lieben, sollten politisch werden.

2005 ging es für dich richtig los, karrieremäßig. Mit dem ersten Album…

Ja, aber vorher habe ich noch ein Jahr auf Ibiza gewohnt. Danach wusste ich: Ich habe keinen Bock mehr auf Bands, weil die sich immer aufgelöst haben. Irgendwann habe ich alte Freunde angerufen, die haben mitgemacht. Das ganze habe ich dann Bosse genannt. Seit dem gibt es Bosse. Aber eigentlich war das keine richtige Band, die sind eher so locker dazugekommen.

Problem der Menschheit? “Unangenehme Menschen”.

Dir geht’s also mehr darum eine gute Zeit zu haben, um Lebensqualität. Du beutest dich nicht selbst aus, sonst könntest du nicht so gelassen sein..?

Ich werde immer mehr wie mein Alter. Der sieht aus wie Danny de Vito, der isst und trinkt gerne. Mein Vater macht sich braun in seinem Caravan und ballert ins Elsaß. So langsam kommen auch bei mir die innere Ruhe und der Genuss.

Soll nicht anbiedernd klingen: Wie schafft man es nach 20 Jahren im Geschäft hier im Innenhof zu sitzen und ein normaler Mensch zu sein?

Es gibt viele unangenehme Menschen. Das ist ja das Hauptproblem der Menschheit. Meine Standard-Antwort darauf lautet: Die Leute, die die größten Arschlöcher sind, sind die, die sich für geiler als andere halten. Punkt. Ich finde Leute völlig in Ordnung, die unsicher sind. Bei vielen total netten Kollegen sehe ich in Interviews eine Unsicherheit oder Angst.

Ich werde immer mehr wie mein Alter. Der sieht aus wie Danny de Vito.

Trennst du zwischen dem privaten Axel und dem Promi Bosse?

Etwas. Wenn ich durch Berlin gehe und ich werde angeglotzt oder auf einem Konzert oder im Interview – das ist ja wegen meiner Musik. In meinem Privatleben gibt es Leute, die mich so mögen wie ich bin. Nennt man glaube ich Freunde. Was ich tue ist auch begrenzt und ich will da die größtmögliche Freunde rausziehen. Mir ist seit vielen Jahren scheißegal, wie die Leute das finden, was ich mache. Bei vielen deutschen Indie-Künstlern habe ich das Gefühl, sie schreiben für zwei, drei Feuilletonisten ihre Texte. Das sind Korsette, auf die habe ich kein Bock.

Welchen Promi findest du richtig scheiße?

Ich kennen eigentlich keinen. Obwohl… Markus Söder? Genau. Aber ich will auch keinen beleidigen.

“Die größten Arschlöcher sind die, die sich für geiler halten”

Ein Song auf dem Album heißt „Robert de Niro“. Wie kamst du darauf?

Das ist ein politischer Song. Mir war es wichtig, politisch zu sein und Haltung zu zeigen. Ich war in Chemnitz und Jamel. Es ist Zeit für eine Gegenreaktion. Ich glaube, man kann als Mainstream-Künstler auf die einwirken, die die Idioten von der AFD wählen. Mit Musik und Empathie, als cooler Dude oder Girl, kannst du was bewirken. Alle, die emphatisch sind und die Freiheit lieben, sollten politisch werden. Das wichtigste ist Kommunikation. Und Bildung. Aber auch Sport, Musik, Dinge erleben. Ich habe große Hoffnung in die junge Generation.

Eine fiese Frage zum Schluss. Du engagierst dich viel: bei NGO’s, auf Festivals sammelst du Zelte für Obdachlose. Ist das PR?

Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Ich habe drei, vier Herzensthemen. Da habe ich das Gefühl, dass der Vorwurf des Marketings da nicht passt. Wenn auf dem Deichbrand 15.000 Zelte für Obdachlose gesammelt werden: Warum soll ich das nicht machen? Das ist eine geile Idee.

Axel, danke für das Gespräch.

Hier verrät Bosse uns übrigens seine zehn Lieblings-Platten.

Foto: © Tim Bruening/UniversalMusic

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