Sebastian Schipper, ROADS, VICTORIA, Regisseur
Foto: © Gerhard Kassner / Berlinale

»Der eigentliche Film entsteht im Kopf des Zuschauers.« | Sebastian Schipper im Interview

in Interview/Kino

Ein Spielfilm ohne eine einzigen Schnitt – das hatte es so bislang noch nicht gegeben. Sebastian Schipper, 51, wagte das verrückte Experiment mit dem Berlin-Krimi „Victoria“ und wurde auf der Berlinale für den Coup gefeiert. Bereits mit seinem Debüt „Absolute Giganten“ sorgte Schipper 1999 für Aufsehen. Als weiteres Kumpel-Kino präsentierte er „Ein Freund von mir“ mit Daniel Brühl und Jürgen Vogel. Als Kommissar Katz stand Schipper vier Mal mit Wotan Wilke Möhring im „Tatort“ vor der Kamera. Zudem tritt er regelmäßig bei den Filmen von Tom Tykwer auf.

Nun präsentiert er mit „Roads“ die Geschichte einer Freundschaft von zwei Teenagern, die mit einem Wohnmobil von Marokko nach Europa reisen. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Herr Schipper, Ihr Film behauptet, dass Umarmungen 20 Sekunden lang dauern müssen, damit Hormone ausgeschüttet würden. Ist das nur eine hübsche Erfindung oder die Wahrheit?

Schipper: Die Idee stammt von unserem Darsteller Ben Chaplin, der den Vater im Film spielt. Er hat das mit der Umarmung so behauptet und ich habe das spontan für den Film verwendet. Ob es funktioniert, kann jeder gerne selbst einmal ausprobieren! (Lacht)

„Roads“ erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem jungen Briten und einem Afrikaner, die von Marokko bis nach Calais reisen. Wie weit verstehen Sie das als Flüchtlingsfilm?

Schipper: Ich wollte keinen Film über Flüchtlinge machen. „Roads“ spielt im Europa der Migration, gleichwohl haben wir kein Sozialdrama oder einen Problemfilm gemacht. Die Migranten sind einfach eine Realität, an der meine Hauptfiguren nicht vorbei können. Aber ich habe vor allem einen Film über zwei Achtzehnjährige gemacht. Der eine kommt dabei eben aus London, der andere aus dem Kongo. Das ist eigentlich der erste Satz über diesen Film. Alle anderen Sätze kommen danach.

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Unterwegs nach Marokko: die Hauptdarsteller Fionn Whitehead (links) und Stéphane Bak.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft verläuft auffallend unaufgeregt, weshalb?

Schipper: Die beiden jungen Helden sind nicht gleich von Anfang an Freunde, das Entscheidende ist, dass sie einfach ganz viel Zeit miteinander verbringen. Dabei ergeben sich Momente, in denen sie sich von ihrem Leben erzählen. In denen sie gemeinsam lachen oder streiten. Und dann gibt es jene Augenblicke, in denen sie einfach nur nebeneinander in dem Wohnmobil sitzen, ohne viel zu quatschen. 

Wie wichtig sind solche Leerstellen für die Erzählung? Soll sich der Zuschauer das Mosaik lieber selbst zusammensetzen als alles vorgekaut zu bekommen? 

Schipper: Der eigentliche Film entsteht im Kopf des Zuschauers, so funktioniert Kino. Worum es wirklich geht, das passiert zwischen den Bildern. 

Zur Herausforderung für die Freunde wird ein ziemlich schräger Hippie, den Moritz Bleibtreu verkörpert. Wie bekommt man große Stars zu kleinen Auftritten. 

Schipper: Bei jedem meiner Filme gab es diesen Moment, an dem ich mich fragte, ob ich den nicht mit Moritz Bleibtreu machen müsste. Dazu ist es leider nie gekommen. Umso mehr habe ich mich sehr gefreut, dass dieser fantastische Schauspieler Lust hatte auf diesen kleinen, durchgeknallten Auftritt. Das hat uns beiden großen Spaß gemacht. 

Weniger vergnüglich wirkt die Atmosphäre im Flüchtlingslager von Calais. Wir wurden Sie dort empfangen?

Schipper: Die Bürgermeisterin von Calais hat uns keine Dreherlaubnis gegeben, weil sie um das Image als schöner Urlaubsort besorgt war. Die freiwilligen Helfer hingegen haben uns unterstützt und ließen uns in ihrer Lagerhalle drehen, in der die Kleiderspenden sortiert werden. Alle anderen Szenen, die in Calais spielen, haben wir an anderen Orten nachgestellt. Auch die Flüchtlinge wurden von Komparsen dargestellt, weil viele der Migranten keine Papiere haben. Und unsere Dreharbeiten sehr genau von den Behörden beobachtet wurde. 

Bei „Victoria“ haben Sie auf Schnitte völlig verzichtet, diesmal verbrachten Sie reichlich Zeit im Schneideraum. Hatten Sie diesmal einfach Nachholbedarf verspürt? 

Schipper: Die Zeit im Schneideraum habe ich tatsächlich genossen, zumal ich eine wunderbare Cutterin hatte. Den Film selbst hatten wir sehr schnell geschnitten. Nachdem wir dann die richtige Musik gefunden hatten, haben wir uns allerdings noch einmal Zeit genommen, um den passenden Rhythmus zwischen Sound und Bilder zu finden. 

Mit „Victoria“ haben sie sechs Lolas und einem Silbernen Bären geholt. Wie groß wird da der Erwartungsdruck für das nächste Projekt?

Schipper: Wenn man Kino macht, will man etwas Besonderes schaffen und muss dann immer wieder feststellen, wie schwierig es ist, einen überraschenden, glaubwürdigen und emotionalen Film zu schaffen. Es ist verrückt, was für eine komplexe, tiefgründige, alchemistische Arbeit das Filmemachen ist. Bei höherem Budget, mehreren Partnern, die alle etwas erwarten, gibt es zwar mehr Druck, aber die eigene Hoffnung ist immer der größte Druck.

Teilen Sie die Euphorie, dass durch Amazon, Netflix und Co. sich ganz neue Möglichkeiten für Autorenfilmer eröffnen? Oder ist das nur eine Blase?

Schipper: Mein erster Film „Absolute Giganten“ lief im Kino nur durchschnittlich, umso mehr Erfolg hatte er auf DVD. Ähnlich war es mit „Victoria“, der in den USA nur einen kleinen Kinostart hatte. Als er dort auf Netflix erschien, war er, soweit ich weiß, enorm populär. Damals herrschten allerdings sehr viel wildere Zeiten bei den Streaming-Diensten. Es gab noch ein Bewertungssystem, bei dem die Zuschauer Sterne verteilen konnten. Mittlerweile sind die ausgefalleneren Filme dort viel schwieriger zu finden. 

Nach dem Erfolg von „Victoria“ hatten viele dort die Premiere von „Roads“ erwartet. Weshalb kam es nicht dazu? Haben Sie versäumt, den Berlinale-Direktor Dieter Kosslick 20 Sekunden lang zu umarmen?

Schipper: Das müssten Sie Dieter fragen. Ich freue mich auf die glorreiche Zukunft der Berlinale. 

ROADS startet am 30.5. in den Kinos.

Foto: © Gerhard Kassner / Berlinale

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