Remainder, Panorama, Berlinale, 030 Magazin

66. Berlinale: Remainder

in Berlinale 2016/Filmkritik

Etwas stürzt vom Himmel hinunter. Ein Metallteil, tonnenschwer. Es ist nicht zu erkennen, was es genau ist. Selbst in der gleichnamigen Romanvorlage von Tom McCarthy wird nicht klar, um was es sich bei dem fallenden Gegenstand wirklich handelt. Ein Mann ist zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und steht genau darunter. Es trifft ihn, den Hautcharakter aus Remainder, am Kopf. Darunter begraben liegt er auf dem Gehweg, sein Blut tränkt den Asphalt.

Vor dem Screening stellt Regisseur Omer für das deutsche Publikum klar: „Der Titel ist nicht Reminder. Das wird oft verwechselt. Es ist Remainder, so wie Rest.“ Was übrig bleibt. Von unserem Hauptcharakter, nach dem traumatischen Erlebnis. Der lange Krankenhausaufenthalt reißt ihn aus seinem Leben raus. Erst im Koma, dann in der Reha und plötzlich sitzt er wieder in seiner Wohnung, als ob nichts passiert wäre. Die Firma, die den Unfall verschuldet, zahlt ihm eine Summe von 8,5 Millionen. Damit er still bleibt und ein neues Leben anfängt. Doch was bedeutet ein neues Leben, wenn man sich noch nicht mal an sein altes Leben erinnern kann?

Remainder, Panorama, Berlinale, 030 Magazin
Kinder und Männer mit Maske versprechen nichts Gutes. – Foto ©: Berlinale

Der namenlose Protagonist, seltsam und tiefgründig gespielt von Tom Sturridge, entscheidet sich, all sein neu gewonnenes Geld darauf zu verwenden, seine Erinnerung wiederzuerlangen. Er orientiert sich an Bruchstücken, die ihm nach und nach zufliegen. Es sind Erinnerungsfetzen von Gerüchen, Tönen oder Musik. Das Aussehen eines ganz bestimmten Hauses oder die verschwommene Gestalt eines Jungens in einer blauen Jacke. Daran festhaltend baut er sich seine verlorene Realität nach. Das Leben wird zum Theaterstück und echte Menschen werden zu Statisten reduziert. Eine authentische Inszenierung soll ihm seine Erinnerungen zurück bringen. Je länger der Film läuft, desto mehr verliert er sich in diesem inszeniertem Leben und weiß nicht mehr, wo die Grenzen liegen.

Remainder, Panorama, Berlinale, 030 Magazin
Der Blick hinter die Fassade. – Foto ©: Berlinale

Remainder erkundet, was ein schweres Trauma mit dem menschlichen Gehirn macht. Und zweifelt gleichzeitig die Linearität von Zeit an. Irgendwo zwischen den intimen Nahaufnahmen des Protagonisten und abstrakten Bildern seiner gesichtslosen Statisten verliert sich die Grenze zwischen Spiel und Realität. Ein beeindruckendes, sehr seltsames Kinoerlebnis, das zahlreiche Fragen aufwirft.

Remainder

Großbritannien / Deutschland 2015

Länge: 104 Min

Regie: Omer Fast

DarstellerInnen:

Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers
Danny Webb, Nicholas Farrell

Panorama

 

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