[030] Filmkritik: The Revenant – Der Rückkehrer

in Filmkritik/Kino

Nach »Gravity« und »Birdman« lässt der mexikanische Ausnahmeregisseur Alejandro González Iñárritu mit »The Revenant – Der Rückkehrer« seinen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio als zotteligen Entdecker durch die nordamerikanische Wildnis kriechen. Ein 157-minütiger Überlebenskampf, dessen Brutalität und Erbarmungslosigkeit nicht nur dem Hauptdarsteller, sondern auch seinen Zuschauern einiges abverlangt. 

Wer zu Titanic Zeiten ein Poster von Leonardo DiCaprio an seiner Wand hängen hatte, der dürfte dem US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln schon lange das Gefolge verweigert haben. Zu eigenwillig war DiCaprios Rollenwahl in den vergangenen Jahren, als das er weiterhin für den All-American Boy herhalten könnte. Und das will er ja auch gar nicht. Kürzlich berichtete er in einem Interview im Rahmen der »The Revenant« Promotiontour, wie er einst die Rolle des Robin in Joel Schumachers (unglaublich schlechten) »Batman & Robin« ablehnte. Ebenso entschied er sich gegen die Darstellung des Anakin Skywalker in den Star Wars Prequels II & III. Begründung: Er fühlte sich nicht bereit für diese Rollen. Was uns schmunzeln lässt und zu The Revenant bringt.

Worum geht es?

DiCaprio spielt den Entdecker Hugh Glass, der zusammen mit seinem halbindianischen Sohn eine größere Gruppe Pelzjäger unter der Führung des amerikanischen Colonels Andrew Henry durch die von Indianer kontrollierte Wildnis bis in den sicheren Hafen ihrers Forts führen soll. Henry wird  von Domhnall Gleeson gespielt, Sohn des irischen Schauspielers Brandon Gleeson (»Brügge sehen und sterben«), der im Gegensatz zu seinem wesentlich bekannterem Co-Star kein Reifeproblem bezüglich einer Rolle in einem Star Wars Film hatte. In »Das Erwachen der Macht« spielt er den First Order General Hux. Aber das nur am Rande. Nach einem Überfall verfeindeter Indianer, welcher die Größe der Gruppe auf 9 dezimiert, sieht Glass als einzige Möglichkeit die Pelze zu verstecken und statt über Wasser, den Landweg gen Lager zu nehmen. Während der Colonel der Expertise seines erfahrenen Führers vertraut, sieht John Fitzgerald (überragend: Tom Hardy) keinen Sinn darin die Arbeit von Wochen, einfach zum Teufel zu jagen. Nur widerwillig fügt er sich dem Befehl. Früh am nächsten Morgen bricht Glass alleine auf gen Westen, die Gegend zu erkunden. Er beauftragt seinen Sohn, ihm mit den Männern nach Sonnenaufgang zu folgen. Während Glass nun alleine durch den feuchten Wald zieht, kommt es in der Folge zu einer schwerwiegenden Konfrontation die Glass hilflos und mit dem Tode ringend beendet. Auf die Hilfe seiner Begleiter angewiesen die ihn bald suchen und finden, wird er immer mehr zum Ballast, was schlussendlich dazu führt, dass sie ihn zum Sterben zurücklassen müssen, weil mit ihm an kein Weiterkommen in den schneebedeckten Bergen zu denken ist. Nur sein Glass' Sohn und zwei Begleiter, darunter Fitzgerald, bleiben mit dem Todgeweihten zurück, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Doch zum Ärger Fitzgeralds, der keinen Sinn darin sieht einem Sterbenden mehr Beistand als nötig zu erweisen, stirbt Glass einfach nicht. Als Fitzgerald etwas nachhelfen möchte, kommt es zum Streit mit dem Sohn, der in der Folge unter den Augen seines schwerverletzen Vaters zu Tode kommt. Glass, an eine Trage gebunden, bleibt nur der Schmerz eines Vaters, der hilflos zusehen muss, wie sein Kind getötet wird. Während Fitzgerald sich aus dem Staub macht, beginnt für Leonardo DiCaprios Figur, angetrieben von dem Gefühl nach Vergeltung, der innere und äußere Kampf. Gegen den zerschundenen eigenen Körper und gegen die unwirtliche, menschenverachtende Natur. 

Fazit

Was DiCaprio hier für eine Performance abliefert, das hat es so im Kino der letzten Jahre nicht gegeben. Die Schmerzen, die Qual des Hugh Glass, wirken so unglaublich realistisch, was nebenbei auch an dem glaubwürdigen Make-up liegt, dass die stete Konfrontation damit für den Zuschauer nur schwer zu ertragen ist. Alejandro González Iñárritu und sein zweifach oscarprämierter Kameramann Emmanuel Lubezki (für »Gravity« und »Birdman«), der für seine langen Kamerafahrten bekannt und berüchtigt ist, halten so lange mit ihrer Linse drauf, bis sich auch der letzte Zuschauer im Kino mindestens einmal vor Entsetzen weggedreht hat. DiCaprio selbst sah sich schon genötigt, in einem Interview festzustellen, dass er bei dem Film nicht zu schaden gekommen ist. Schwer zu glauben bei den Bildern, denen man sich ausgesetzt sieht. Dass dieser Film für jeden der teilnehmenden Darsteller kein leichtes Unterfangen gewesen sein muss, ist offensichtlich. Iñárritu hat unter echten Bedingungen gedreht. Kein künstliches Licht, keine Hollywood-Wohlfühlatmosphäre. Man bekommt, was man sieht. Und mal abgesehen von ein paar technischen Tricks, wenn es um Tierszenen und Lawinen geht, ist die Stimmung und der visuelle Gesamteindruck phänomenal. Trotz seiner sportlichen Länge von 157 Minuten hat der Film keine gefühlten Längen. Im Gegenteil. Man folgt gebannt den beeindruckenden Bildern und seinen Figuren auf ihrem mehr oder weniger steinigen Weg. Wer es vorher nicht wusste, dem wird spätestens nach diesem Film klar, dass es keine Rolle gibt für die Leonardo DiCaprio nicht bereit wäre. Bei Robin und Anakin mangelte es einfach an der Herausforderung für diesen Ausnahmeschauspieler. Der Beste seiner Generation und darüber hinaus. Hoffentlich wird ihm das im Februar auch von der Academy vergoldet. Mehr geht einfach nicht. Bravo Leo!

»The Revenant – Der Rückkehrer« läuft seit dem 6. Januar im Kino.

Foto ©: 20th Century Fox

 

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