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Fran Healy, TRAVIS, Everything At Once, Steffen Rudnik, Berlin, 030, Interview

TRAVIS-Sänger Fran Healy: »Ich frage nicht mehr nach Erlaubnis.«

in Interviews/Musik

TRAVIS, das waren die Britpopper, die um die Jahrtausendwende mit Liedern wie ›Why Does It Always Rain On Me?‹ oder ›Sing‹ gefühlt jeden Tag auf MTV und VIVA zu sehen waren. Damals flog in Zeitlupe ein Oktopus in das Gesicht eines feinen Herren bei Tisch. Das ist lange her. Am 29. April bringen die Schotten mit ›Everything At Once‹ ein neues Studioalbum heraus – ihr achtes. Wir haben TRAVIS-Frontmann Fran Healy getroffen und mit ihm über Autonomie und Business, das gute alte Radio, Film und Vaterschaft gesprochen.


Francis ›Fran‹ Healy ist ein höflicher, dünner Mann mit einer unprätentiösen, kommunikativen Art, die er gerne mit Geräuschen untermalt. Er ist älter geworden, trägt Vollbart, lange graue Haare und sitzt hinter einem Obstteller auf dem Sofa im Kreuzberger Büro des unabhängigen Musikvertriebs CAROLINE.

Als ich Freunden erzählte, dass ich Dich treffe, sagten Sie ›Ah, der Typ mit dem Oktopus. Die gibt’s noch?‹ Ihr habt seitdem noch vier Platten gemacht. Was stimmt mit meinen Freunden nicht?

Das letzte Album war in Deutschland sogar sehr erfolgreich. Ich kann Deine Freunde aber verstehen. Auch ich messe den Erfolg eines Albums nicht an den Verkaufszahlen oder an der Chart-Platzierung. Mir ist wichtig, wie gut das Musikvideo ist. So bin ich aufgewachsen. Du guckst Dir das Video an, bekommst einen Eindruck und erkennst dann das Lied im Radio wieder. Neulich schrieb mir ein Freund »Hey, ich habe gerade Deinen neuen Song im Radio gehört«. Das heißt, sie müssen ihn ziemlich oft spielen. Das ist zwölf Jahre lang nicht passiert.

Was ist passiert?

2006 bin ich Vater geworden [beißt in einen Apfel]. Das wurde dann zu meinem Projekt. Wir sind zwar eine Band, aber wir haben auch Familien. Als sich unser Drummer 2003 das Genick brach und fast gestorben wäre, war das eine wichtige Erkenntnis. Wir dachten, shit, die Band bringt uns um, wenn es weiter nur um uns vier Männer geht. Also wurden wir Väter. Mein Sohn wird morgen zehn.

Ganz schön langer Vaterschaftsurlaub…

Ich glaube, dass die ersten acht Jahre die natürliche Vorbereitungszeit für den Rest des Lebens sind. In dieser Zeit musst Du Deinem Kind so viel wie möglich von Dir geben. Danach kannst Du auch wieder mehr Dein Ding machen. Die letzten beiden Jahre habe ich mir also gesagt, ok, wir können die Bandsache weiter machen. Und es ist unglaublich: ich war noch nie so kreativ und ambitioniert. Ich bin jetzt 42 und fühle ich mich, als hätte ein neues Kapitel meines Lebens begonnen. ›Woosh!‹

In den neuen Clips spielt das Thema Kindheit eine Rolle: TRAVIS lassen sich an den Bäuchen von starken Türstehertypen durch Berlin tragen, Daniel Brühl tritt als Moderator einer Kindershow auf. Du führst die Regie und hast zum Album einen halbstündigen Film gemacht. Worum geht es?

Der Film zum Album beginnt in einem Nachtclub in Berlin. Ich tanze mit dem falschen Mädchen. Ihr Freund tut mir daraufhin etwas in den Drink. Die nächste halbe Stunde ist der Trip. Alle Single-Videos kommen quasi aus diesem Glas.

Auf seinem Laptop zeigt Fran den neusten Clip. ›Magnificent Time‹ sieht aus, als hätte Andy Warhol mit den Simpsons gemeinsame Sache gemacht. Frans Kopf lugt aus einem Papp-Auto, das wie eine freundlich-belämmerte Variante von Godzilla alleine durch die grellbunte Papp-Stadt gleitet. Dann kommt die Band dazu und alle tanzen.

Vielleicht stimmt was mit meinem Gehirn nicht, weil ich jetzt all die Dinge mache, die ich vorher nie gemacht habe. Aber es bringt Spaß. Ich war noch nie so ›f-f-f-f‹. Die gute Sache beim Filmemachen ist, dass wenn Du eine gute Kerntruppe hast, plötzlich ein unglaublich talentiertes Team von 30 Leuten bereit steht. Ich habe einfach Leute angerufen: »Hi, ich mache diesen Film. Ich weiß, Du bist sehr busy. Nur zwei Tage. Ich kann nicht viel zahlen. Kannst Du mir helfen?« So haben wir z.B. auch die Leute, die VICTORIA gemacht haben, bekommen. Und ich führe Regie. Aber es ist ganz leicht, weil ich genau weiß, was ich will. Versteh‘ mich nicht falsch, es ist nicht APOCALYPSE NOW oder TAXI DRIVER geworden. Aber ein schönes Pop-Video. Mein TAXI DRIVER kommt in ein paar Jahren [lacht].

Ist Berlin dafür geeigneter als andere Städte? Du lebst seit 12 Jahren hier.

Berlin ist nach wie vor eine der Städte auf der Welt, where you can make shit happen. Du musst dafür aber auch ein bestimmter Typ sein. Was ich an Berlin liebe, ist der Spirit, einfach »Fuck, ja, lass machen!« zu sagen. Es geht darum, Spaß zu haben, ein Video zu machen und das Beste zu versuchen. Wenn ich erstmal angefixt bin, bin ich lasergesteuert, ›Sssiup‹. Das Ding ist, dass Du die Lasersteuerung nicht splitten kannst. Kind und Band zusammen geht nicht. Darum: Zehn Jahre mein Sohn, ›Sssiup‹, und jetzt ›Sssiup‹, die Band. Wenn jemand weiß, was er will, soll er es machen. Er wird die beste Zeit haben.

Auch ohne großes Label im Rücken? Warum wollen TRAVIS jetzt unabhängig sein?

Wenn Du als Band nach London gehst, um einen Plattenvertrag zu unterzeichnen, landest Du in eine Lehrer-Schüler-Situation: Es gibt die Erwachsenen (das Business) und die junge Band. Du musst dauernd nach Erlaubnis fragen, wie ein kleines Kind. »Darf ich? Darf ich? Darf ich?« Du tippst ihnen immer wieder auf die Schultern, aber sie drehen Dir alle den Rücken zu, weil sie um den Roulette-Tisch stehen und auf Deine Karriere wetten. Sie benutzen dabei Deine Songs und Ideen. Sie kontrollieren Dich. Aber so läuft es halt. Das ist Business. Und sie sind schließlich die Business-Dudes und nicht Du.

»Ich werde nicht um Erlaubnis bitten!«

In den letzten drei-vier Jahren habe ich gesagt »Hey, lasst uns unser Ding hier drüben in Berlin machen. Ich will nicht mehr nach Erlaubnis fragen müssen. Und wenn ich es bezahlen muss, scheiß drauf, dann zahl ich eben. Ist mir egal. Ich will meine Autonomie wieder haben, meine Band, meine Karriere – und zwar so wie ich will. Ich werde nicht um Erlaubnis bitten!« Und so haben wir es gemacht. Es ist großartig, schneller, kreativer und fühlt es sich gut an, einfach machen zu können.

Aber DIY ist doch viel mehr Arbeit?

Ich habe noch nie so viel gearbeitet, man. Aber es läuft.

Kannst Du von der Musik leben?

Ja, das kann ich, weil ich vor zehn Jahren acht oder neun Lieder geschrieben habe, die immer noch im Radio laufen. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist nicht selbstverständlich. Für das, was ich jetzt mache, muss ich touren. Das ist der direkte Weg.

Jon McClure, der Sänger von REVEREND & THE MAKERS, hat gesagt, dass ein Grund für den schweren Stand unabhängiger Musik der ist, dass das UK-Radio von der Regierung kontrolliert wird.

Ich kenne Jon. Er ist ein cooler Typ und hat schon Recht: Wer das Geld hat, kontrolliert auch den Inhalt. Vielleicht bestimmt die Regierung wirklich das Programm, es gibt keine gute Musik im Radio und schon gar kein Indie. Aber mal im Ernst: Wie war es denn als Indie in war? Es lief doch genauso viel schlechter Indie im Radio wie schlechter Pop. In der Regel sind 90% von dem, was Du hörst, einfach Scheiße. Die restlichen 10% sind dafür richtig stark – egal ob Pop oder Schlager. Wenn Du Dir heute die Top 20 der britischen Airplay-Charts anguckst, was ich tue, weil unser Lied dabei ist [lacht], dann ist fast jeder Song ›Blabla feat. Blablabla feat. Blabla‹… Was soll das? Es gibt aber auch immer eine Kehrseite: Der Standard verkehrt sich irgendwann ins Gegenteil, wie die Geschichte zeigt: George Bush, George Bush, George Bush, Barack Obama. Ein schwarzer Präsident in Amerika war vorher undenkbar. Aber die Leute waren fertig mit Bush. Dafür kommt jetzt halt Trump, einfach weil er auf der anderen Seite steht. Auch im Musikgeschäft kann plötzlich etwas passieren und alles ändern. Es muss nur neu und irre genug sein und das Business aufspringen. Und plötzlich sieht innerhalb von drei Jahren die ganze Musiklandschaft anders aus.

  Text & Foto ©: Steffen Rudnik

TRAVIS, Cover, Everything At Once, Album, 2016, Caroline, Red Telephone Box, BerlinEverything At Once‹ erscheint am 29. April auf dem eigenen Label RED TELEPHONE BOX via CAROLINE INTERNATIONAL. Der Kurzfilm ›Everything At Once The Film‹ liegt der Deluxe-Version bei.

Am 23. Mai spielen TRAVIS live im HUXLEYS.

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.

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