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Young Thug, No my name is Jeffrey

Rihanna und Drake wollen heiraten und Kinder kriegen – wir sind schockiert. Brangelina lassen sich scheiden – wir sind relativ desinteressiert. Wir lenken uns ab von derart irrelevanten Bunte-Prominenten mit einer viel sympathischeren und eigentlich auch viel bedeutenderen Ankündigung aus dem Feld des Ehe-Gossip: Young Thug heiratet im Kleid.

Young Thug ist der Inbegriff der neuen Schule im aktuellen amerikanischen HipHop-Geschehen. Über trippige Trap-Beats sprechsingt der 25-jährige aus Atlanta mit so undeutlicher Aussprache und so viel Autotune, dass man kaum ein Wort versteht, und trifft damit den Zeitgeist. Fast genauso interessant: Young Thug ist schon seit er auf der Bildfläche ist jemand, der für vielseitige Männlichkeits-Konstruktionen einsteht. Dazu genügt eigentlich schon ein Modebewusstsein per se, darüber hinaus trägt er aber mit Vorliebe Damenbekleidung. In der sehr normativen Welt des Mainstream HipHop ist das definitiv ein Statement und nochmal interessanter, da es nichts mit einer sexuellen Identitätskonstruktion zu tun hat: In einem Interview mit Billboard gab Thugger jetzt an, die Hochzeit mit seiner Freundin, der Bademode-Designerin Jerrika Karlae zu planen. Dabei werde es zwei Bräute geben.

Es ist stark zu vermuten, dass Thugger damit ankündigt, selbst ein Kleid zu tragen, wie er es auch auf dem Cover seines jüngsten Mixtapes „No, my name is Jeffrey“ bereits tat. Trotzdem griffen große Medien, die die Neuigkeit aufgriffen, mit ihren Beiträgen erstmal ins Fettnäpfchen. XXL, eines der größten amerikanischen HipHop-Magazine, behaupteten zunächst mit voller Überzeugung, Young Thug werde zwei Frauen heiraten. Die GQ begann sogar, Designs für Hochzeitsanzüge vorzuschlagen und dabei zu deklarieren, wie verrückt die Schnitte und Farben sein müssten. Dass der Rapper in noch größerem Maße ausbrechen könnte als sich das selbe Kleidungsstück wie jeder andere in einer grelleren Farbe anzulegen, war im Weltbild des Autoren offenbar keine Option. In den Kommentarsektionen der verschiedenen Newsseiten tummeln sich größtenteils sehr gestrige HipHop-Fans, die angeben, androgyne Männlichkeiten abstoßend zu finden oder unterdrückte Homosexualität attestieren.


(No) (No-)Gender-Agenda: Was passiert hier eigentlich?

In seinen Musikvideos, etwa zu "Turn up" oder kürzlich im sehr graphischen Short zu "Pick up the phone" zusammen mit Travi$ Scott umgibt sich Young Thug wenig untypisch gerne mit leicht bekleideten Damen in lasziven Posen. So relevant ein homosexueller Rapper mit seinem kommerziellen Erfolg auch für den Diskurs wäre, tatsächlich ist die Figur Thugs noch subversiver. Denn sie bricht nicht nur mit Binärvorstellungen von Geschlechtlichkeit, sondern verbindet in seiner öffentlichen Selbstkonstruktion auch eine Geschlechtlichkeit und eine sexuelle Orientierung, die in den Vorstellungen der konservativen Kommentierenden nicht vereinbar sind: Eine Androgynität und eine starke Heterosexualität.

Ein offensichtlicher potentieller Zweifel sollte angesprochen werden: Alles nur Marketing. Alles nur Provokation. Schließlich poste schon Kurt Cobain damals in Frauenkleidern. Ob im konservativen Rap-Genre, in dem Young Thug allein aus musikalischen Gründen bereits bei Puristen unbeliebt ist, derartige Schritte wirklich mehr Käufer für ein Album mit dem angesprochenen Cover generieren, ist schwer zu sagen. Natürlich erzeugt sie Aufmerksamkeit. Thuggers progressive Selbstkonstruktion scheint aber eine Geschichte zu haben: „When I was 12, my feet were so small I wore my sisters glitter shoes. My dad would whoop me: You're not going to school now, you'll embarrass us. But I never gave a fuck what people think.“, erzählt er im Interview. Thug versteht sich nicht als Crossdresser. In einem schon ein Jahr alten Interview mit GQ gab Jeffrey bereits an, dass er Damenbekleidung auch auf Grund des Schnitts bevorzugt und verweist wie auch in der Geschichte um die Schuhe seiner Schwester auf eine Veranlagung seiner Körperlichkeit. „Because women's clothes are [slimmer] than men's clothes. The jeans I got on right now, they're women's jones. But they fit how they're supposed to fit. (…) The only thing I probably have in men is like, briefs. T-Shirts. 90 percent of my clothes are women's.“

Darüber hinaus bewegte sich der Rapper aber in einem Video-Interview mit Calvin Klein durchaus auf eine politische Ebene und erklärte, es gebe in seiner Weltsicht keine monolithischen Geschlechtlichkeiten. „In my world of course, it don’t matter… You could be a gangster with a dress, you could be a gangster with baggy pants. I feel like there’s no such thing as gender.” Dementsprechend ist das Einkaufen in den verschiedenen Abteilungen eines Bekleidungsgeschäfts wertfrei. Alle Varianten gelten als gleichermaßen normal und es gibt auch kein Crossdressing. Thug modelt für die Herbst/ Winter 2016 Kollektion von Calvin Klein. In der Kampagne trägt er hauptsächlich Looks aus der Damenabteilung. Natürlich ist diese Tatsache ebenso wie die Ankündigung seines Hochzeitskleides keine No Gender-Agenda, sondern ein bewusstes Spiel mit dem Exotismus der Abweichung. Gleichermaßen legitimieren sie sich aber selbst durch die Reaktionen der Community. Wir beobachten also weiterhin argwöhnisch die Kommentar-Sektionen, freuen uns mit und über Thugger und sind uns sicher, er wird absolut fabelhaft aussehen.

Unter dem [030] Redaktionsprofil schreiben alle Autoren, die gerade Dienst haben. Klingt bürokratisch, ist es nicht.