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Agnes, Neue Visionen, Kino

Eine Liebesgeschichte als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Wahrheit und Fiktion: Was der Schriftsteller Peter Stamm in seinem Debütroman „Agnes“ geschickt arrangiert hat, nimmt Filmemacher Johannes Schmid („Wintertochter“) mit großer Umsicht auf. Auch die Adaption der vertrackt konstruierten Literaturvorlage erweist sich als rätselhaft-betörendes Spiel mit unterschiedlichen Ebenen, das in besonderem Maße von der faszinierenden Präsenz seiner Hauptdarstellerin lebt.

Als der Sachbuchautor Walter (Stephan Kampwirth) der deutlich jüngeren Physikstudentin Agnes (Odine Johne) in einer Bibliothek begegnet, ist er sofort hin und weg. Nicht nur ihr zerbrechliches Aussehen hat es ihm angetan. Auch der Drang der jungen Frau, den großen Fragen des Lebens nachzuspüren, imponiert ihm sehr. Aus ungezwungenen Treffen entwickelt sich eine stürmische Romanze, die Agnes mit einem eigenwilligen Vorschlag in ungeahnte Bahnen lenkt. Da Walter ihr erzählt hat, dass er schon lange mit dem Gedanken spielt, einen Roman zu schreiben, ermuntert sie ihn kurzerhand, ihre Beziehung in Form einer Geschichte nachzuzeichnen. Während die beiden fortan leidenschaftlich über die ersten Entwürfe diskutieren, verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie.

Agnes, Neue Visionen, Kino

Titelheldin Agnes (Odine Johne). © Neue Visionen

Was auf den ersten Blick langweilig und spröde klingt, entwickelt sich in Schmids überlegter Inszenierung zu einem Verwirrspiel, das Intellekt und Gefühl gleichermaßen anspricht. Welche Szenen entspringen der filmischen Realität? Und welche Momente zeigen Teile des im Entstehen begriffenen Romans? Fragen, die der Zuschauer in manchen Fällen im Nachhinein beantworten kann. In anderen wiederum nicht, da sich das verschachtelt erzählte Liebesdrama mehrfach eindeutigen Auflösungen verweigert. Ein Beispiel für die mysteriöse, aber fesselnde Aufmachung bietet schon der Einstieg: Während auf der Tonspur diffus-unheilvolle Klänge zu hören sind, sehen wir die Titelheldin, die sich inmitten einer Schneelandschaft langsam entkleidet. Dass „Agnes“ trotz verkopfter Anflüge fast nie Langeweile aufkommen lässt, liegt nicht zuletzt an der feinfühligen Interaktion der beiden Hauptdarsteller. Ob in den erfrischend natürlichen Sexszenen oder den mitunter existenziellen Gesprächen – stets scheinen zutiefst menschliche Empfindungen durch, die das verschlungene, aus verschiedenen Möglichkeitsdimensionen zusammengesetzte Geschehen immer wieder erden. Eine Offenbarung ist vor allem das undurchschaubar-entrückte Spiel von Odine Johne, die Anfang 2016 beim Filmfestival Max Ophüls Preis für ihre Agnes-Interpretation als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wurde. Nach dem hypnotisch-flirrenden Albtraumtrip „Der Nachtmahr“ zeigt sich zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, dass auch das deutsche Kino mit herausfordernden, ungewöhnlich aufbereiteten Stoffen überraschen kann.

Agnes

Länge: 105 Min.

Regie: Johannes Schmid

Darsteller: Odine Johne, Stephan Kampwirth, Sonja Baum, Walter Hess, Berit Karla Menze, Oliver Bürgin, Maximilian Scheidt

Kinostart: 02.06.2016