Es gibt Sätze, die ein Vater besser nicht leichtfertig ausspricht. „Klar fahre ich da mit“ gehört definitiv dazu. Gesagt hatte ich ihn morgens auf dem Parkplatz des Hansa-Parks, noch bevor ich wusste, was genau „da“ bedeutet. Neben mir standen zwei zehnjährige Mädchen, die eben noch friedlich ihre Rucksäcke sortiert hatten und nun mit dem Blick professioneller Achterbahntesterinnen den Horizont absuchten. In der Ferne ragte ein gewaltiger Turm über den Park. Mein Schicksal hatte offenbar schon eine Silhouette.
Wir waren früh aus Berlin aufgebrochen und erreichten Sierksdorf mit jener Mischung aus Vorfreude, Müdigkeit und Reiseproviantkrümeln, die jeden Familienausflug begleitet. Bereits auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang begann die Rollenverteilung. Mädchen Nummer eins erklärte, sie fahre grundsätzlich alles. Mädchen Nummer zwei sagte, sie entscheide spontan. Ich behauptete, auf Achterbahnen völlig entspannt zu sein. Damit hatten wir innerhalb weniger Minuten drei Aussagen getroffen, die den Tag nicht unbeschadet überstehen sollten.
Der Einlass funktionierte angenehm schnell. Keine Hektik, kein rätselhaftes Herumirren zwischen Absperrbändern. Hinter dem Eingang öffnete sich eine detailreich gestaltete Welt aus historischen Fassaden, Plätzen und Themenbereichen. Der Hansa-Park erinnert an vielen Stellen eher an eine leicht überdrehte norddeutsche Handelsstadt als an eine mit Fahrgeschäften bestückte Betonfläche. Das macht ihn sympathisch – und sorgt dafür, dass man sich auch dann gut unterhalten fühlt, wenn gerade niemand kopfüber durch die Luft geschossen wird.
Erst mal langsam – theoretisch

Unser Plan lautete, den Tag mit einer harmlosen Attraktion zu beginnen. Ein bisschen ankommen, orientieren, das Nervensystem auf Betriebstemperatur bringen. Dieser Plan hielt ungefähr sieben Minuten.
Die Mädchen hatten Nessie entdeckt. Die klassische Loopingbahn gehört zu den Wahrzeichen des Parks und sieht aus der Entfernung gerade so freundlich aus, dass Erwachsene einer Fahrt zustimmen, ohne vorher ihr Testament zu aktualisieren. Im Wagen wurde dann plötzlich sehr genau verhandelt, wer neben wem sitzt. Das mutigere der beiden Mädchen wollte natürlich außen sitzen. Das andere ebenfalls. Ich landete dazwischen und wurde so zum menschlichen Sicherheitsabstand.
Der Zug setzte sich in Bewegung, erklomm die erste Steigung und gab für einen kurzen Moment den Blick über den Park frei. Dann ging es abwärts. Kreischen links, Kreischen rechts, ein überraschend hoher Ton aus meiner eigenen Richtung – und schon jagten wir durch den Looping. Als wir wieder ausstiegen, waren die Mädchen restlos begeistert. Ich auch, allerdings etwas langsamer.
Damit war die Rangordnung geklärt: Die Kinder wollten mehr, der Vater wollte zunächst Kaffee.
Doch wer mit zwei Zehnjährigen einen Freizeitpark besucht, muss verstehen, dass Pausen lediglich Fahrgeschäfte sind, die sich nicht bewegen. Entsprechend gering ist ihre Beliebtheit. Also ging es weiter zur Crazy Mine, einer wild kurvenden Achterbahn im Bergwerksstil. Die Wagen schaukeln und drehen sich durch enge Kurven, sodass man nie genau weiß, wohin der Körper im nächsten Moment unterwegs ist. Die Mädchen lachten ohne Unterbrechung. Ich versuchte währenddessen, gleichzeitig Haltung und Würde zu bewahren. Beides gelang nur eingeschränkt.
Der Turm der Wahrheit
Über allem thronte Der Schwur des Kärnan. Die Achterbahn verschwindet in einem monumentalen Festungsturm und macht schon von außen klar, dass sie nicht für eine gemütliche Rundfahrt gebaut wurde. Nun zeigte sich, wie belastbar die morgendlichen Ansagen waren.
„Ich fahre alles“, sagte Mädchen Nummer eins – diesmal deutlich leiser.
„Ich schaue erst mal“, sagte Mädchen Nummer zwei – diesmal erstaunlich entschlossen.
Bevor wir uns anstellten, prüften wir natürlich, ob Alter und Körpergröße passten. Denn im Hansa-Park entscheidet nicht das Selbstbewusstsein über die Teilnahme, sondern die jeweilige Sicherheitsfreigabe. Das Personal kontrollierte aufmerksam und freundlich, ohne daraus eine Staatsprüfung zu machen.
Die Warteschlange bewegte sich trotz des gut besuchten Parks kontinuierlich. Überhaupt blieben die Wartezeiten an unserem Besuchstag akzeptabel. Bei den besonders gefragten Attraktionen brauchten wir Geduld, aber nirgends entstand das Gefühl, einen wesentlichen Teil des Tages zwischen Metallgittern zu verbringen. Anzeigen und Beschilderungen erleichterten die Planung, die Wege waren nachvollziehbar und Mitarbeitende halfen unkompliziert weiter.
Dann kam Der Schwur des Kärnan.
Es gibt Fahrgeschäfte, bei denen man nach der Fahrt euphorisch aussteigt. Und es gibt Fahrgeschäfte, bei denen man zunächst überprüfen muss, ob alle wichtigen Bestandteile des Körpers noch in ungefähr der ursprünglichen Reihenfolge vorhanden sind. Der Schwur des Kärnan gehört zur zweiten Kategorie – gefolgt von sehr viel Euphorie.
Der Zug schraubte sich in den Turm, stoppte, überraschte uns mit einem Moment, den ich hier nicht verderben möchte, und stürzte schließlich hinaus auf die Strecke. Tempo, Höhe und Richtungswechsel verschmolzen zu einem kontrollierten Ausnahmezustand. Neben mir schrie eines der Mädchen vor Begeisterung, das andere hielt sich tapfer und erklärte direkt nach der Ankunft: „Ich hatte überhaupt keine Angst.“ Ihre Hände zitterten dabei ein wenig. Meine auch. Wir einigten uns darauf, dass dies am Fahrtwind lag.
Nass werden ist relativ
Nach so viel Geschwindigkeit musste etwas Ruhigeres her. Oder zumindest etwas, das auf den ersten Blick ruhiger wirkte. Störtebekers Kaperfahrt bot eine entspannte Bootsrunde durch eine inszenierte Piratenwelt und verschaffte uns eine willkommene Verschnaufpause. Hier zeigte der Park eine seiner Stärken: Zwischen den großen Adrenalinschleudern liegen Attraktionen, die Atmosphäre statt Höchstgeschwindigkeit bieten. Niemand muss den ganzen Tag Rekorde brechen.

Diese Erkenntnis führte uns direkt zu Super Splash. Wasserbahnen folgen einem simplen Prinzip: Alle hoffen, dass hauptsächlich die anderen nass werden. Vor der Abfahrt wurden strategisch Sitzplätze gewählt und physikalische Theorien über Spritzwasser entwickelt. Sie waren sämtlich falsch. Nach dem großen Gefälle traf uns die Welle mit jener norddeutschen Gründlichkeit, die keine halben Sachen kennt. Ein Mädchen blieb erstaunlich trocken und feierte dies wie einen persönlichen Sieg. Das andere betrachtete seine durchnässte Hose und mich mit einem Blick, der juristische Konsequenzen nicht ausschloss. Zehn Minuten später standen beide wieder lachend da. Freizeitparks verfügen über eine eigene Wetterordnung: Nass ist kein Zustand, sondern eine Anekdote.
Pommes, Ostseeluft und ein zweiter Anlauf
Irgendwann setzte sich der Hunger gegen den Bewegungsdrang durch. Das gastronomische Angebot ist breit genug, um unterschiedliche Wünsche zu bedienen, bleibt aber eben Freizeitparkgastronomie: praktisch, familienkompatibel und nicht der Grund, weshalb man nach Sierksdorf fährt. Dafür fanden wir ohne lange Suche einen Sitzplatz und konnten das bisherige Tagesgeschehen auswerten.
Die Mädchen führten Buch über Mutpunkte. Kärnan brachte offenbar fünf, Nessie drei, eine Wiederholungsfahrt einen Bonuspunkt. Erwachsene erhielten keine Punkte, weil sie nach Ansicht der Jury sowieso mitfahren mussten.
Zwischen den Attraktionen blitzte immer wieder die Lage an der Ostsee auf. Die frische Luft, das nahe Wasser und der weite Himmel geben dem Park eine Atmosphäre, die sich deutlich von vielen Anlagen im Binnenland unterscheidet. Wer mehrere Tage an der Lübecker Bucht verbringt, kann den Parkbesuch gut mit einem Strandtag verbinden. Wer aus Berlin kommt, sollte eher eine Übernachtung einplanen, statt Hin- und Rückfahrt samt Achterbahnmarathon in einen einzigen Gewalttag zu pressen.
Am Nachmittag waren wir eingespielt. Wir wussten, welche Attraktionen wiederholt werden mussten, wo die nächste Toilette lag und dass „nur noch eine Fahrt“ in der Sprache von Zehnjährigen mindestens vier weitere bedeutet. Das freundschaftliche Kräftemessen zwischen den Mädchen verlor dabei seine Schärfe. Mal zog die eine die andere mit, mal wurde ohne großes Drama gewartet. Mut bedeutete plötzlich nicht mehr, alles fahren zu müssen. Manchmal bestand er auch darin, ehrlich Nein zu sagen.
Als wir den Park am Abend verließen, waren die Stimmen heiser, die Haare zerzaust und die Schrittzähler in Regionen angekommen, die sonst nur Wanderurlaube erreichen. Im Auto dauerte es keine 20 Minuten, bis auf der Rückbank Ruhe herrschte.
Wem ist der Hansa Park zu empfehlen?
Der Hansa-Park ist besonders für Familien mit Kindern im Grundschulalter und frühen Teenagerjahren eine gute Wahl. Zehn ist nahezu das perfekte Alter: alt genug für viele größere Attraktionen, jung genug, um sich von Piraten, Themenwelten und Wasserschlachten vollständig mitreißen zu lassen. Entscheidend bleiben allerdings Körpergröße, persönliche Grenzen und die jeweiligen Zugangsregeln.
Für einen ersten Besuch sollte man einen kompletten Tag einplanen – besser von der Öffnung bis zum späten Nachmittag. Wer ohne Zeitdruck anreisen möchte, verbindet den Ausflug mit einer oder zwei Nächten an der Ostsee. Der Park ist gut organisiert, abwechslungsreich und schafft den Spagat zwischen echtem Nervenkitzel und familienfreundlicher Unterhaltung überzeugend.
Unsere Empfehlung fällt deshalb eindeutig aus: hinfahren.
Aber Vorsicht mit vollmundigen Versprechen auf dem Parkplatz.
Spätestens vor “Kärnan” holen sie einen wieder ein.
Aber Vorsicht mit vollmundigen Versprechen auf dem Parkplatz.
Spätestens vor “Kärnan” holen sie einen wieder ein.