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Bonez MC, RAF Camora, 187 Straßenbande

Die 187 Straßenbande hat eine Fanbase, deren Treue an Militanz grenzt. Allein deshalb war kaum jemand geeigneter, den Inselpop in der deutschen Sprechgesangsmusik zu etablieren. Nachdem es schon auf dem Gzuz-Album mit "9mm" und auch auf "High & Hungrig 2" mit "Blättchen und Ganja" und "Rum Cola" Tracks gab, die stark in Richtung Dancehall schielen und jedes Mal die einprägsame tiefe Singstimme von Bonez MC für die Hooks verantwortlich zeichnete, war es Zeit für den Rundumschlag.

Da es nur einen Mann im relevanten Deutschrapgeschäft gibt, der noch länger bekanntermaßen dancehallaffin ist als die Jungs aus Hamburg, war der nächste Schritt eigentlich Schicksal: RAF Camora und Bonez tun sich zusammen und produzieren für Camoras Album den Song "Geschichte". Der in der Schweiz geborene und in Wien aufgewachsene Wahlberliner Camora hat unter dem Alter Ego RAF 3.0 zwei Alben im Katalog, die ihrerseits stark mit Rhythmik, Melodik und Produktionstechniken jamaikanischer Popmusik spielten und konnte sogar mal einen Gastbeitrag von Konshens ergattern. Jetzt ist endlich die Platte da, die sich ein bisschen wie das Produkt all dieser Bemühungen anfühlt, das erste wirklich große und massenwirksame Statement zum Thema Dancehall auf Deutsch: "Palmen aus Plastik", die albumfüllende Kollaboration von Bonez MC & RAF Camora.

Die Thematik: Die Skreets sind kalt

Die Themen darauf sind die klassischen der 187 Straßenbande, es geht um Realness, Turnup, Girls, Crewloyalität, Autos, Schusswaffen. Auch der jamaikanische Dancehall ist auf der Straße aufgewachsen und auch ihm sind derlei Themen nicht fremd. Kleine Verschiebungen gibt es. Den karibischen Vibes entsprechend liegt der Fokus vielleicht noch etwas mehr auf dem Weedkonsum, Motorrollern und der Sonne als auf anderen 187-Releases. Der Tick Selbstironie, der nötig ist, wenn man diese Motive in die deutsche Großstadt überträgt, steckt schon im Titel. „Palmen aus Plastik“ war auch die erste Videoauskopplung und enthält dazu passend Formulierungen wie "Sonne aus der Röhre" oder die Feststellung, dass es nachts doch mal etwas frisch werden kann auf dem Roller. Dem inhaltlichen Konzept lässt sich somit zunächst wenig vorwerfen. Alles, was nicht altbekannte Straßenbande-Thematik ist, wird selbstironisch gebrochen. Dass RAF dann vom Kiffen rappt, obwohl er eigentlich nicht kifft, kann man inkonsequent und unreflektiert finden, man könnte aber auch diese Szenekrankheit Authentizität hinten anstellen und sich auf die Vibes konzentrieren, die die Musik erzeugt. 187 und Authentizität ist eine komplexe Angelegenheit. Dass vieles, was die Straßenbande textlich macht Genrekonventionen überzeichnet und stilisiert, steht außer Frage. Dass die Jungs wahrscheinlich nicht wirklich auf Menschen schießen, ist nicht relevant. Dass sie betonen, dass sie wahrscheinlich wirklich sehr loyal zueinander sind, sich nicht verbiegen lassen und alles selbst machen, ist aber durchaus relevant.

RAF liefert auf "Palmen aus Plastik" eine der unterhaltsamsten Performances seiner Karriere. Die RAF 3.0-Alben ausgenommen waren seine letzten Soloalben ehrlicherweise oft etwas gezeichnet von Themensongs zu bekannten Themen, die nicht so tiefgründig wirken wie sie sollen. Dass der Wiener so richtig Straße war ist eine ganze Weile her. Auf "Palmen aus Plastik" treffen er und Bonez sich nicht in der Mitte, RAF nähert sich schon eher den Themen der Hamburger an und die stehen ihm und seiner Delivery ganz ausgezeichnet.

Der Sound: Island Pop

Die Vortragstechniken der Beiden sind die gewohnten. RAF verwendet beim Gesang mehr Autotune, rappt dafür immer wieder wesentlich straighter. Bonez liefert dagegen kaum einen straighten Rappart und verlässt sich eher auf die Melodik, braucht dafür aber auf Grund seiner Stimmfarbe wenig Nachbearbeitung. Das Album klingt dadurch abwechslungsreich und nicht etwa unschlüssig, denn die Beiden wechseln sich sehr gleichberechtigt mit den Hooks und immer wieder auch innerhalb der Strophen ab und besitzen auch beide ein Händchen für den Ohrwurm. Man merkt, dass hier niemand einen Part verschickt hat, sondern gemeinsam an einem Soundbild gearbeitet wurde. Dieses ist gleichermaßen vielseitig. Die aktuelle Videoauskopplung "Ohne mein Team" klingt eher nach Soca und karibischer Karnevalsmusik oder dem Aftro Trap von MHD, "Ruhe vor dem Sturm" und "Dankbarkeit" arbeiten mit Reggaesoundbild und gen Ende der Tracklist wird es etwas weniger turnuplastig, durch Hooks von Trettmann und eine KitschKrieg-Produktion aber auch kein bisschen langweilig. Der letzte Turnup- und Battlemoment ist "Skimaske" mit Gzuz. Der ist bekanntermaßen auch Dancehall-Fan, hat aber an seinem Rapstil hier im Vergleich zu anderen 187-Veröffentlichungen nichts verändert. Wenn man kein Gesangstalent ist, sollte das vermutlich auch erlaubt sein. Obwohl wir uns Toasting- und Autotune-Experimente von Gazi schon recht unterhaltsam vorgestellt hätten.

Die Features auf "Palmen aus Plastik" ergeben allesamt Sinn, neben den Straßenbande-Kollegen Gzuz und Maxwell und der deutschen Dancehall-Koryphäe Trettmann ist da noch Reggaerapper D-Flame, der gemessen an seiner geringen Relevanz der letzten Jahre einen überraschend coolen Part liefert und Azzlackz-Member Hanybal, der unterhaltsame Autotune-Experimente macht. Den obligatorischen Gastbeitrag aus Kingston liefert Tommy Lee Sparta, der bereits im Video zu "9mm" zu sehen war und spittet allen Vorurteilen gegenüber ausländischen Artists, die für große Summen Features für ihnen unbekannte deutsche Rapper schreiben zum Trotz zwei absolut böse Parts, in denen er die versierte Variation der Stimmfarbe, die große Dancehall-Künstler auszeichnet überzeugend vorführt und "Evil" zu einem Highlight des Albums macht.

"Palmen aus Plastik" ist stilistisch eines der vielseitigsten und spannendsten Deutschrap-Releases seit Langem, klingt aber dabei zu keinem Zeitpunkt sperrig und allzu weit weg von der 187 Straßenbande, die man kennt. Turnup, easy listening, gute Unterhaltung und jetzt da schon September ist noch ein bisschen sommerliche Vibes dazu. Es würde uns freuen, "Mörder" demnächst einmal auf dem Dance zu hören. Bomboclat!

 

Palmen aus Plastik
Bonez MC & RAF Camaro
Label:
AUF!KEINEN!FALL!
Erscheint am: 09.09.2016
Online erhältlich: Amazon / iTunes
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