Filmkritik: I, Tonya | Kinostart: 22.3.2018

in Filmkritik/Kino/Neustarts

Review

Filmkritik
7/10
Overrall
7.0/10

Wie verrückt das Leben manchmal spielen kann, zeigt das Biopic „I, Tonya“, das den Werdegang der früheren Eiskunstläuferin Tonya Harding und ihre Verwicklung in einen der größten Skandale im US-Sport skizziert. Anstelle einer bierernsten Aufarbeitung erwartet den Zuschauer ein satirischer Rundumschlag mit zahlreichen exzentrischen Figuren.

Von klein auf verbringt die talentierte Tonya Harding (im Kindesalter gespielt von Maizie Smith und Mckenna Grace) unter den strengen Augen ihrer Mutter LaVona (für ihre furiose Darbietung mit einem Oscar ausgezeichnet: Allison Janney) unzählige Stunden auf dem Eis, da aus ihr so schnell wie möglich ein großer Kufen-Star werden soll. Mithilfe der erfahrenen Trainerin Diane Rawlinson (Julianne Nicholson) entwickelt sie sich ständig weiter und stößt schließlich in die Spitze der amerikanischen Eiskunstszene vor. Als junge Frau (nun verkörpert von Margot Robbie) schafft sie es zum ersten Mal in der US-Geschichte, bei einem Wettbewerb den höchst anspruchsvollen dreifachen Axel zu stehen. Und doch muss Tonya ständig um Anerkennung kämpfen, weil ihr proletenhaftes Verhalten und ihre Auftritte in selbst genähten Kleidern das vom Verband propagierte Bild der Eleganz torpedieren. Als ihre Karriere ordentlich ins Stottern kommt, greift ihr Ex-Mann Jeff Gillooly (Sebastian Stan), den sie trotz Scheidung weiter sieht, zu unlauteren Mitteln, um Tonyas Olympia-Chancen zu sichern. Gemeinsam mit seinem tumben Kumpel Shawn (Paul Walter Hauser) plant er, Tonyas ärgster Konkurrentin Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) Schaden zuzufügen. Dass Regisseur Craig Gillespie („The Finest Hours“) und Drehbuchautor Steven Rogers („Alle Jahre wieder – Weihnachten mit den Coopers“) keine brave Nacherzählung im Sinn haben, ist vom Start weg zu erkennen. Schon in den ersten Minuten greifen die Macher auf den Mockumentary-Stil zurück und inszenieren ihre Schauspieler in Interviewsituationen, die teilweise stark widersprüchliche Aussagen und Meinungen zu Tage fördern. Regelmäßig durchbrechen die Figuren die vierte Wand, um das Geschehen mit einem Augenzwinkern zu kommentieren. Und immer wieder lassen fetzige Musikstücke den ohnehin schwungvoll geschnittenen Film noch dynamischer erscheinen.

Da Hardings Leben einer Räuberpistole gleicht, malt „I, Tonya“ vor allem die absurden Stationen in schillernden Farben aus. Besonders irrwitzig gestaltet sich die Rekonstruktion des skandalträchtigen Anschlags auf Kerrigan, bei dem sich Jeff Gillooly, sein Freund Stan und die angeheuerten Handlanger – so zeigt es zumindest das satirische Biopic – wie trottelige Möchtegerngangster aus einem grottenschlechten Krimi anstellen. Auch wenn es große Freude bereitet, den grotesken Wendungen und Verwicklungen beizuwohnen, hätten Gillespie und Co den tragischen Aspekten ihres Stoffes ruhig etwas mehr Aufmerksamkeit schenken können. Zwar hat der Film durchaus dramatische, unter die Haut gehende Szenen zu bieten. Der heiter-verspielte Tonfall verharmlost in manchen Momenten allerdings das Ausmaß des Schmerzes. Immerhin muss sich Tonya mit einer grausamen, gefühlskalten Mutter herumschlagen, sieht sich aufgrund ihrer White-Trash-Herkunft ständigen Demütigungen ausgesetzt und führt eine toxische, an Gewalteskapaden reiche Ehe. Vor allem die wiederholten Handgreiflichkeiten im häuslichen Umfeld sollten den Zuschauer eigentlich zutiefst erschüttern, ziehen aber leider häufig ohne großen Nachhall an ihm vorbei. Nichtsdestotrotz bietet „I, Tonya“ einen spannenden, unkonventionellen Blick auf eine schillernde Persönlichkeit aus der Welt des Sports und nimmt auch die allgemeine Sensationsgier ins Visier, mit der Hardings kurvenreiche Lebensgeschichte untrennbar verbunden ist.

I, Tonya

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Länge: 120 Min.

Regie: Craig Gillespie

Darsteller:
Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson,
Paul Walter Hauser, Caitlin Carver, Bobby Cannavale, Maizie Smith, Mckenna Grace

Kinostart: 22.3.2018