Draußen schiebt sich der Berliner Feierabendverkehr durch die Friedrichstraße. Menschen mit Coffee-to-go-Bechern laufen an Schaufenstern vorbei, U-Bahnen verschwinden unter den Asphalt, irgendwo hupt ein Lieferwagen. Drinnen im DRIVE. Volkswagen Group Forum dagegen steht ein alter Bulli wie ein eingefrorener Sommermoment. Ein paar Kratzer im Lack, dünnes Lenkrad, Vorhänge hinter den Fenstern. Sofort entstehen Bilder im Kopf: Atlantikküste. Rastplatzkaffee. Streit über Landkarten. Sonnenuntergänge auf Campingstühlen. Und plötzlich versteht man, worum es in der Ausstellung „ICONIC – A Timeless Journey of Culture, Society and Mobility“ eigentlich geht. Nicht um Autos. Sondern um Erinnerungen.
Mit der neuen Themenwelt „Ikonisches Reisen“ erweitert das DRIVE in Berlin-Mitte seine seit 2024 laufende Ausstellung um genau jene emotionale Ebene, die Mobilität oft erst bedeutend macht: Sehnsucht, Freiheit und die Frage, warum bestimmte Reisen ein Leben lang bleiben. Über 1,1 Millionen Besucher haben die Ausstellung bislang gesehen. Und schnell wird klar, weshalb. „ICONIC“ funktioniert weniger wie ein klassisches Museum als vielmehr wie ein kultureller Resonanzraum zwischen Design, Gesellschaft, Musik, Architektur und kollektivem Gedächtnis.
Die Sehnsucht nach dem Unterwegssein

Besonders stark wird das dort, wo die Ausstellung historische Reisekultur mit heutigen Formen des Unterwegsseins verbindet. Alte Fotografien zeigen Familien, die in den 1950er Jahren mit dem Volkswagen Käfer über die Alpen Richtung Italien fahren. Bilder voller improvisierter Freiheit. Vollgepackte Dächer, staubige Straßen, Menschen, die zum ersten Mal einfach losfahren konnten. Nicht luxuriös. Nicht perfekt organisiert. Aber mit diesem Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve vielleicht etwas Neues beginnt. Diese frühen Reisen stehen heute fast symbolisch für eine Zeit, in der Mobilität plötzlich Möglichkeiten schuf. Der eigene Wagen wurde zum Versprechen auf Selbstbestimmung. Genau deshalb sind Fahrzeuge wie der Käfer oder der Bulli längst mehr als Fortbewegungsmittel. Sie wurden zu kulturellen Ikonen. Interessant ist, dass sich dieses Gefühl bis heute gehalten hat — obwohl sich Reisen komplett verändert hat. Heute schlafen Menschen in ausgebauten Vans an portugiesischen Küsten, fahren tagelang zu Festivals wie Wacken oder suchen auf Landstraßen nach einer Form von Entschleunigung, die der Alltag kaum noch zulässt. Auch diese Gegenwart greift die Ausstellung auf. Festivalfahrten werden hier nicht als Nebensache behandelt, sondern als moderne Pilgerreisen verstanden: kollektive Bewegung, Gemeinschaft, Eskapismus. Der Weg wird Teil des Erlebnisses.
Maria Ehrich und die Freiheit des langsamen Reisens
Dass genau diese Sehnsucht nach Langsamkeit wieder so stark geworden ist, überrascht kaum. Vielleicht, weil Reisen heute oft effizienter geworden ist als jemals zuvor — und gleichzeitig emotional leerer. Flughäfen sehen überall gleich aus. Navigation ersetzt Orientierung. Alles ist sofort verfügbar. Maria Ehrich beschreibt in Interviews über ihre Weltreise mit einem alten VW Käfer genau dieses Spannungsfeld. Gemeinsam mit ihrem Partner Manuel Vering fuhr sie monatelang durch unterschiedliche Länder — nicht möglichst schnell, sondern bewusst langsam. In Gesprächen über die Reise erzählt Ehrich immer wieder davon, dass gerade das Unperfekte den eigentlichen Wert des Unterwegsseins ausmacht. Dass man Menschen anders begegnet, wenn man Zeit hat. Dass Unsicherheit oft intensiver verbindet als Komfort. Sinngemäß formulierte sie einmal, dass langsames Reisen den Blick verändert: Man sehe plötzlich nicht mehr nur Orte, sondern beginne, Stimmungen wahrzunehmen. Geräusche, Gerüche, Begegnungen. Kleine Momente, die in einem Flugzeugfenster längst verschwinden würden. Auch ihr Buch über die Reise kreist immer wieder um diesen Gedanken. Nicht die spektakulären Ziele stehen im Mittelpunkt, sondern das Dazwischen. Pannen. Umwege. Gespräche an Tankstellen. Das Gefühl, die Kontrolle für eine Weile abzugeben. Gerade deshalb passt Ehrich erstaunlich gut in diese Ausstellung. Weil ihre Reise nicht wie ein Influencer-Projekt wirkt, sondern wie die moderne Fortsetzung jener alten Käfer-Romantik, die bereits die historischen Fotografien im DRIVE erzählen.
Erinnerungen auf 4 Rädern
Besonders eindrucksvoll gelingt der Ausstellung dieser Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart bei einem Exponat, das fast beiläufig im Raum steht und trotzdem alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: „Irene“, ein historisches Volkswagen Typ 2 Westfalia Wohnmobil. Kein steriles Sammlerobjekt hinter Glas, sondern eher eine rollende Erinnerungskapsel. Man blickt hinein und denkt automatisch an verregnete Campingplätze, Gaskocherkaffee am Morgen und diesen seltsamen Luxus, einfach Zeit zu haben. Direkt daneben steht mit dem ID. Buzz die futuristische Gegenwart derselben Idee. Digitaler, leiser, cleaner. Und trotzdem basiert auch dieses Fahrzeug noch immer auf derselben kulturellen Sehnsucht: unterwegs zu sein, ohne komplett festgelegt zu sein. Fast noch spannender ist allerdings die interaktive „ICONIC Destination“-Karte. Besucher markieren dort Orte, die für sie persönlich ikonisch geworden sind. Manche Punkte stehen für Fernreisen, andere nur für einen See in Brandenburg oder einen Rastplatz irgendwo in Südfrankreich. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Ausstellung: Sie erklärt ikonisches Reisen nicht elitär. Sondern als etwas zutiefst Persönliches.
Warum Anders funktioniert, wenn man es unbedingt möchte
Vielleicht trifft „ICONIC“ deshalb gerade einen Nerv, weil sich unser Verhältnis zu Mobilität verändert. Lange galt Reisen vor allem als Frage von Geschwindigkeit und Effizienz. Heute scheint vielen Menschen wichtiger geworden zu sein, überhaupt wieder etwas zu spüren. Den Weg wahrzunehmen. Umwege zuzulassen. Nicht permanent erreichbar zu sein. Die Ausstellung im DRIVE Berlin versteht das erstaunlich gut. Sie romantisiert Mobilität nicht blind, sondern zeigt sie als Teil unserer kulturellen Identität. Zwischen Fernweh und Erinnerung. Zwischen Aufbruch und Überforderung. Zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Gegenwart. Und während draußen weiter Autos über Unter den Linden rollen, bleibt drinnen für einen kurzen Moment dieses Gefühl hängen, das wahrscheinlich jede gute Reise ausmacht: die Ahnung, dass hinter der nächsten Kurve vielleicht doch noch etwas Unerwartetes wartet.
„Ikonisches Reisen“ im Rahmen der “ICONS” Ausstellung
Wo? @ DRIVE.Volkswagen Group Forum.
Adresse: Friedrichstraße 84, 10117 Berlin
Der Eintritt ist kostenlos.