Norwegen
Foto: [030] Magazin/Tim Schäfer

Mit Camper & Faltrad in Skandinavien: Klein gefaltet, ziemlich weit gekommen

Einmal mit dem Camper durch Skandinavien: Norwegen von Süd nach Nord, weiter durch Finnland und über Schweden zurück. Rund 7.000 Kilometer Straße, Fjorde, Berge, Fähren und sehr viel Landschaft. Mit an Bord: ein Brompton Electric P Line mit e-Motiq-Antrieb. Gedacht als praktisches Beiboot für den Camper. Am Ende war es eines der meistgenutzten Ausrüstungsteile der Reise.

Es gibt eine einfache Regel für längere Camperreisen: Alles, was man mitnimmt, muss seinen Platz rechtfertigen. Spätestens nach einer Woche weiß man ziemlich genau, welche Dinge wirklich nützlich sind und welche man seit Berlin vollkommen sinnlos durch halb Europa kutschiert. Beim Brompton war ich mir vor der Abfahrt nicht ganz sicher, in welche Kategorie es fallen würde. Ein elektrisches Faltrad? Klar, klingt praktisch. Aber brauche ich das wirklich, wenn direkt daneben ein Camper steht? Nach ein paar Tagen in Norwegen war die Frage beantwortet. Ja. Und zwar erstaunlich oft.

Das Beiboot für den Camper

Brompton Faltrad P-Line
Kompaktes Maß, passt in jeden Camper. – Foto: [030] Magazin/Tim Schäfer

Unser Plan war einigermaßen ambitioniert: Norwegen von Süden bis weit in den Norden, anschließend durch. Finnland und über Schweden wieder Richtung Heimat. Ein klassischer Roadtrip also – nur in ziemlich groß. Der Camper ist dafür natürlich perfekt. Küche, Bett und Zuhause fahren einfach mit. Er hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Er ist groß. Das merkt man spätestens, wenn man für einen Liter Milch noch einmal den Stellplatz verlassen soll. Oder wenn die Innenstadt drei Kilometer entfernt liegt. Oder wenn man an einem schönen Platz steht und sich fragt, was eigentlich hinter der nächsten Bucht kommt. Genau dort begann das Brompton seinen Job. Hecktür auf. Rad raus. Aufklappen. Los. Das berühmte Brompton-Faltsystem ist auf Reisen keine nette Spielerei, sondern der eigentliche Clou des Fahrrads. Zusammengefaltet misst unser Electric P Line gerade einmal etwa 64,5 × 60 × 32 Zentimeter. Es braucht keinen Fahrradträger und keinen festen Stellplatz außen am Fahrzeug. Vor allem steht es nicht permanent im Regen und Straßendreck. Und davon gibt es in Norwegen durchaus beides.

16 Kilogramm statt Fahrradträger

Unser Electric P Line bringt rund 16 Kilogramm auf die Waage. Nimmt man den Akku heraus, bleiben etwa 12,5 Kilogramm übrig. Für ein vollwertiges E-Bike ist das bemerkenswert wenig. Das merkt man im Camperalltag. Ein klassisches E-Bike wiegt schnell deutlich über 20 Kilogramm. Zwei davon verlangen praktisch automatisch nach einem stabilen Fahrradträger. Das Brompton verschwindet dagegen einfach im Fahrzeug. Und wenn man es nicht tragen möchte, kommt SuperRoll+ ins Spiel. Im gefalteten Zustand lässt sich das Rad auf seinen kleinen Rollen bewegen. Das klingt zunächst nach einer jener Produkteigenschaften, die in einer Broschüre wichtiger wirken als im echten Leben. Bis man das Rad zum ersten Mal über einen Campingplatz, einen Parkplatz oder durch eine Hotellobby rollt. Dann versteht man es. Aus dem Fahrrad wird in wenigen Sekunden eine Art Rollkoffer.

Norwegen hat leider Berge

Nun könnte man argumentieren, dass man dasselbe alles auch mit einem normalen Brompton machen könnte. Stimmt. Bis die Straße nach oben geht. Und in Norwegen geht sie ziemlich häufig nach oben. Ich fahre gerne Fahrrad. Meine Begeisterung dafür, nach einem langen Fahrtag noch freiwillig einen norwegischen Berg hochzustrampeln, ist allerdings überschaubar.

Genau deshalb machte der E-Antrieb auf dieser Reise einen größeren Unterschied, als ich erwartet hatte.

Im Electric P Line arbeitet Bromptons neues e-Motiq-System. Der 250-Watt-Hinterradmotor liefert bis zu 24 Nm Drehmoment. Auf dem Papier klingt das gegenüber manchen ausgewachsenen E-Bikes nicht spektakulär. Auf der Straße ist das vollkommen egal. Denn das Brompton wiegt eben keine 25 oder 30 Kilogramm. Entscheidender ist, wie der Motor unterstützt. Ein Drehmomentsensor misst permanent, wie viel Kraft ich selbst aufs Pedal gebe. Das System reagiert darauf unmittelbar. Trete ich stärker, unterstützt es kräftiger. Rolle ich entspannt dahin, hält sich der Motor zurück. Dadurch entsteht nicht dieses etwas künstliche Gefühl älterer E-Bikes, bei denen der Motor plötzlich einsetzt und einen gefühlt die Straße hochzieht. Das Brompton fährt sich eher wie ein Fahrrad, bei dem jemand meine Beine heimlich verbessert hat. Und das ist vermutlich das größte Kompliment, das man einem E-Antrieb machen kann.

„Komm, da fahren wir noch hoch“

Der eigentliche Effekt des Motors zeigte sich deshalb auch nicht auf dem Tacho. Sondern bei Entscheidungen. Ohne E-Unterstützung sieht man einen Aussichtspunkt oben am Berg und denkt: Sieht von hier unten eigentlich auch ganz schön aus. Mit dem Brompton denkt man: Komm, da fahren wir noch hoch. Das passierte ständig. Noch schnell vom Stellplatz in den Ort. Noch einmal zum Hafen. Den Weg am Fjord weiterfahren. Mal schauen, was hinter der nächsten Kurve liegt. Der Aktionsradius rund um den Camper wurde plötzlich erheblich größer. Und genau darin liegt für mich der entscheidende Vorteil eines E-Bikes auf Reisen. Es ersetzt nicht das Fahrradfahren. Es sorgt dafür, dass man das Fahrrad häufiger benutzt. Gerade wenn man vorher schon sechs Stunden Camper gefahren ist.

Das Fahrrad lernt mit

Eine Besonderheit des neuen e-Motiq-Systems bemerkt man erst mit der Zeit. Das System lernt während der ersten rund 100 Kilometer den eigenen Fahrstil kennen und berechnet daraus zunehmend individuellere Reichweitenprognosen. Das passt erstaunlich gut zu einer Reise. Am Anfang lernen wir das Fahrrad kennen. Gleichzeitig lernt das Fahrrad uns kennen. Natürlich bleibt Reichweite bei einem E-Bike immer relativ. Fahrergewicht, Temperatur, Unterstützungsstufe und Topografie spielen eine Rolle. Und Norwegen ist für theoretische Laborreichweiten ungefähr so geeignet wie die Sahara für einen Winterreifentest. Brompton gibt für den 345-Wh-Akku bis zu 90 Kilometer an. Für uns war diese Zahl allerdings nie wirklich entscheidend. Wir wollten mit dem Brompton schließlich nicht Skandinavien durchqueren. Dafür hatten wir den Camper.

Zehn Kilometer hier, zwanzig dort

Das Brompton war unser Beiboot. Mal zehn Kilometer. Mal zwanzig. Einkaufen. Stadt anschauen. Zum Wasser fahren. Aussichtspunkt suchen. Abends noch eine Runde drehen. Gerade im norwegischen Sommer entwickelt sich dabei ein merkwürdiges Zeitgefühl. Man sitzt um halb zehn vor dem Camper, schaut auf die Uhr und denkt eigentlich: Feierabend. Dann schaut man nach draußen. Es ist hell. Also Brompton raus. Eine Stunde später steht man irgendwo an einem Fjord und fragt sich, warum man nicht schon früher auf die Idee gekommen ist. Genau diese ungeplanten Touren blieben am Ende besonders hängen.

Vier Gänge reichen erstaunlich weit

Unser Testbike besitzt die 4-Gang-Schaltung. Auch hier war ich zunächst skeptisch.

Vier Gänge in Norwegen? Klingt ungefähr so sinnvoll wie Flip-Flops für eine Gletscherwanderung.

In Kombination mit dem Motor funktioniert das aber erstaunlich gut. Die vier Übersetzungen decken den normalen Reisealltag ab, während e-Motiq an Steigungen die fehlende mechanische Bandbreite kompensiert. Natürlich ist das kein Fahrrad für ambitionierte Alpenetappen. Soll es auch nicht sein. Für Stadt, Landstraße, Radweg und die typische Erkundungsrunde vom Camper aus passt das Konzept sehr gut. Und weniger Mechanik bedeutet eben auch weniger Gewicht und weniger Komplexität.

Kleine Räder, großes Fahrrad

Brompton Faltrad P-Line
Fürs Bild passend positioniert. Den Berg ist das Brompton aber hochgefahren. Foto: [030] Magazin/Tim Schäfer

Dann wären da noch die 16-Zoll-Räder. Ein Brompton sieht neben einem ausgewachsenen Trekkingrad immer ein wenig so aus, als wäre es beim Wachsen unterbrochen worden. Das täuscht. Die Räder rollen auf Asphalt ausgesprochen ordentlich, die “Kleinen” machen das Fahrrad extrem wendig. Vor allem in Städten macht das Spaß. Natürlich gibt es Grenzen. Auf grobem Schotter, tiefen Schlaglöchern oder echten Offroad-Passagen merkt man ziemlich schnell, dass man auf 16 Zoll unterwegs ist. Ein Gravelbike ist das Brompton nicht. Will es aber auch nicht sein. Auf Asphalt, befestigten Wegen, Hafenpromenaden und skandinavischen Radwegen fühlte es sich dagegen überraschend erwachsen an. Und genau das ist der Punkt: Man fährt kein Fahrrad, das sich trotz seiner Faltbarkeit irgendwie benutzen lässt. Man fährt ein gutes Fahrrad, das sich anschließend zusammenfalten lässt.

Vom Fjord nach Finnland

Je weiter wir nach Norden kamen, desto selbstverständlicher wurde das Brompton Teil unseres Reisealltags. Camper parken. Umgebung anschauen. Rad raus. In Nordnorwegen bedeutete das vor allem Küstenstraßen, Häfen und kleine Orte. In Finnland wurden Landschaft und Straßen weiter und flacher. In Schweden waren es Seen, Campingplätze und längere Wege.

Das Prinzip funktionierte überall.

Und irgendwann fiel mir auf, dass wir Strecken mit dem Rad zurücklegten, für die wir zu Hause vermutlich einfach das Auto genommen hätten. Das ist vielleicht eine der kurioseren Erkenntnisse eines Roadtrips mit Camper und E-Bike. Man fährt Tausende Kilometer mit einem Dieselfahrzeug durch Europa – und wird am Ziel plötzlich zum Radfahrer.

Strom ist im Camper sowieso Thema

Auch das Laden erwies sich als unkompliziert. Wer mit einem Camper unterwegs ist, betreibt ohnehin permanent irgendeine Form von Energiemanagement. Bordbatterie, Solar, Landstrom, Wechselrichter, Handys, Kameras, Laptop – irgendetwas hängt immer irgendwo an einer Steckdose. Da fällt ein Fahrradakku kaum noch auf. Der 345-Wh-Akku des Brompton lässt sich herausnehmen und separat laden. Für uns war das praktisch, weil das Fahrrad verstaut bleiben konnte.

Abends Akku rein. Morgens wieder ans Rad. Fertig.

Die eigentliche Stärke steht
in keinem Datenblatt

Nach mehreren Wochen und einigen tausend Kilometern durch Skandinavien ist für mich allerdings weder der 250-Watt-Motor noch die Reichweite noch das Gewicht das entscheidende Argument für dieses Fahrrad. Es ist seine Verfügbarkeit. Ein Fahrrad auf einem Heckträger muss man abdecken, abschließen, herunterheben und später wieder befestigen. Das Brompton steht im Camper. Man sieht einen Weg. Man nimmt das Rad. Vielleicht klingt das nach einem kleinen Unterschied. Auf Reisen ist es ein ziemlich großer. Denn je geringer die Hürde ist, etwas zu benutzen, desto häufiger macht man es.

Titan, Carbon und ziemlich viel Ingenieurskunst

Technisch gehört die P Line zu den leichteren Brompton-Baureihen. Beim Electric P Line werden unter anderem Stahl und Titan am Rahmen sowie Carbon an der Gabel eingesetzt. Dazu kommen e-Motiq-Hinterradmotor, 345-Wh-Akku, 4-Gang-Schaltung und das SuperRoll+-System. Das Ergebnis wiegt rund 16 Kilogramm und lässt sich auf ein Format zusammenklappen, das im Camper kaum größer wirkt als ein Reisekoffer. Das ist schon ziemlich clever konstruiert. Vor allem aber sind diese technischen Lösungen nicht Selbstzweck. Titan spart Gewicht. Der Faltmechanismus spart Platz. SuperRoll+ spart Schlepperei. Und der E-Antrieb spart genau dann Körner, wenn man eigentlich keine Lust mehr hätte, noch irgendwo hochzufahren. Auf einem Roadtrip ergibt das plötzlich sehr viel Sinn.

Würde ich es wieder mitnehmen?

Brompton Faltrad P-Line
Der Autor mit seinem elektrischen Brompton Faltrad der P-Line in Norwegen. – Foto: [030] Magazin/Tim Schäfer

Sofort. Nicht, weil das Electric P Line das perfekte Fahrrad für jede Situation wäre. Wer täglich 100 Kilometer fahren möchte, nimmt etwas anderes. Wer skandinavische Waldwege herunterballern möchte, ebenfalls. Und wer ausschließlich auf einem Campingplatz sitzt und morgens mit dem Camper zum 800 Meter entfernten Supermarkt fährt, braucht vermutlich gar kein Fahrrad.

Für unsere Art zu reisen war das Brompton dagegen nahezu ideal.

Es erweitert den Camper um einen zweiten Bewegungsradius. Der Camper bringt uns durchs Land. Das Brompton bringt uns hinein. Und genau das wurde auf dieser Reise immer wichtiger. Denn irgendwann merkt man, dass Skandinavien nicht nur aus den spektakulären Orten besteht, die im Reiseführer stehen. Es sind die kleinen Häfen. Der Weg am Fjord. Der Laden drei Kilometer weiter. Eine Seitenstraße. Ein Aussichtspunkt, den man eigentlich gar nicht auf dem Plan hatte. Mit dem Camper wären wir an vielen davon vorbeigefahren. Mit dem Brompton sind wir abgebogen. Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis nach rund 7.000 Kilometern durch Norwegen, Finnland und Schweden: Manchmal braucht man für ein größeres Abenteuer einfach ein ziemlich kleines Fahrrad.

Brompton Electric P Line – das Testbike in Kürze:

Modell: Electric P Line with SuperRoll+
Antrieb: Brompton e-Motiq
Motor: 250 Watt, Hinterradmotor
Drehmoment: 24 Nm
Akku: 345 Wh, herausnehmbar
Reichweite: bis zu 90 km
Unterstützung: 3 Stufen
Schaltung: 4-Gang
Räder: 16 Zoll
Reifen: Continental Contact Urban
Gewicht: ca. 16 kg inklusive Akku / ca. 12,5 kg ohne Akku
Faltmaß: ca. 64,5 × 60 × 32 cm
Rahmen: Stahl/Titan
Gabel: Carbon
Besonderheiten: Drehmomentsensor, lernende Reichweitenberechnung,
SuperRoll+-Rollensystem

Transparenzhinweis:
Das Fahrrad wurde uns für die Reise zur Verfügung gestellt. Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung des Artikels hatte dies nicht.

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