DOTA ›Keine Gefahr‹ ist die zwölfte Platte der Liedermacherin Dota Kehr aus Kreuzberg. Die Release-Show in Berlin war bereits vor Weihnachten ausverkauft. Die Erstpressung ist lange schon vergriffen. Das Zusatz-Konzert wurde kurzfristig vom Lido ins größere Astra umgebucht und wieder gab es fast keine Karten mehr. Beim Frühstück vor dem Tour-Abschluss haben wir mit der 36-jährigen ehemaligen Kleingeldprinzessin über die neue Erfolgs-Dimension gesprochen.
Dota: »Ich bin total begeistert, dass es gerade so gut läuft. Wir haben viel gearbeitet, fast ein Jahr lang nur vorbereitet, geprobt und gemacht, um jetzt endlich zu spielen und zu merken, hey, die Leute haben sich drauf gefreut.«
Aufgenommen im Oktober. Gemischt im November. VÖ im Januar. Die Produktion ging ziemlich zackig. Und chaotisch, wirft Dota ein. »Ich musste halt auch gleichzeitig noch ein bisschen spielen, um es zu finanzieren, ne. Is ja auch teuer so eine Albumproduktion«, lächelt die Musikerin in ihren zweiten Cappuccino. Trotz Angebot geht sie einen Deal mit großen Plattenfirmen aus Prinzip nicht ein und veröffentlicht nach wie vor auf dem eigenen kleinen Label KLEINGELDPRINZESSIN RECORDS in Eigenregie. Die Distribution übernimmt der unabhängige Musikvertrieb BROKEN SILENCE. Es kommt nicht oft vor, dass derartig situierte Künstler Hallen füllen.
»Ich mache, was ich mache, weil ich es will«
Man habe sich getraut, mit Erwartungen zu brechen. Dass es mit atmosphärischen Samples und Stimmendopplungen die bislang elektronischste DOTA-Platte geworden ist, hänge mit dem Zeitgeist zusammen. Drummer Janis Görlich wollte mit synthetischen Schlagzeugsounds experimentieren und programmieren. Den Bass aus der konventionellen Bandbesetzung ersetzt jetzt Jonas Hauer am Keyboard. Man ist immer noch zu viert, habe aber im Prinzip zwei Instrumente mehr. – Ist Elektro heute Mittel der Überraschung und nicht eher Kalkül? Darüber wolle Dota nicht nachdenken. Die Denke von Marketingstrategen stört sie merklich. »Das widerstrebt mir völlig. Ich mach einfach nur, was ich mache, weil ich es genau so machen will. Es werden schon die Leute finden, die es gerne hören wollen.«
Neu ist auch Dotas Einstellung zur Videokunst: Für das ›Vergiftet‹-Video beauftragte man erstmals eine Produktionsfirma, was anonymer klingt, als es ist. Schauspieler Christian Rodenberg, spielte früher mit Gitarrist Jan Rohrbach in einer Band und noch früher mit Jonas. Das neuste Video zum Titeltrack ›Keine Gefahr‹ hat eine Freundin gemacht. Annika Weinthal filmte, beleuchtete, schminkte und kreierte eine Art Meta-Ebene zur Rave-Ästhetik. Performancevideos habe man damit allerdings nicht neu erfunden, gibt Dota fröhlich zu.
Beim vergleichsweise albern-fröhlichen ›Rennrad‹, mit dem die schicke Schnitte von nebenan zu beeindrucken weiß, geht es dann wieder um die Beobachtungen aus der Mädchenperspektive. Die der Mutter findet sich u.a. im Experimentalstück ›Unter einem Jahr‹: Es war ursprünglich als Intro gedacht und erzählt rein musikalisch und ohne Worte die Gleichzeitigkeit von Glückseligkeit und Genervt-Sein. Babygeräusche kommentieren dabei die Melodie.
»Mit Kunst nicht zielen!«
Angefangen hat Dota mit Straßenmusik. Dann WG-Partys, Sommerfeste, autonome Läden. Mit Band. Aber auch solo. Oder mit Jan an der Gitarre. Er bucht die Konzerte. Ein Tour-Routing zum Neidisch-Werden, weil der Booker weiß, dass er mit im Auto sitzen muss. Man fahre selbst, meist nur zwei oder drei Stunden am Tag, ohne Tour-Manager. Nach einer desaströsen Erfahrung mit einem Hausmischer neuerdings dafür mit eigenem Techniker. Die Konzerte sind größer geworden. »Jetzt kann ich halt so viel touren, wie ich möchte. Vorher bin ich so viel getourt, wie ich musste, um davon zu leben. Es gab auf jeden Fall Jahre, in denen ich etwas über 100 Konzerte gespielt habe. Und das ist sau-anstrengend. Es gibt Städte, in denen ich noch nicht war. Aber es sind nicht so viele.«
Die DIY-Haltung der blonden Frau mit der kleinen Nase ist nicht aufgesetzt. Zu überzeugt schwärmt sie vom gemeinsamen Spiel mit der Band und einer drohenden Eitelkeit, gegen die sie sich wehre. Einen Kulturauftrag fühle sie keinen, sagt sie und lacht. Dann denkt sie lange nach: »Ich glaube, es liegt an jedem Hörer selbst. Ein Freund von mir, Christoph Stählin, hat immer gesagt: Mit Kunst nicht zielen! Wenn man getroffen hat, wird man's schon merken. Das Lied wird irgendwas bewirken. Es ist auf sich selbst gestellt damit.«
Keine Gefahr im Astra
Es ist eine wichtige, erwachsene DIY-Pop-Platte. Und es ist eine wichtigere Künstlerin, die deutlich macht: Ich brauche keinen Auftrag, um Kultur zu schaffen.
Text & Fotos ©: Steffen Rudnik
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DOTA ›Keine Gefahr‹
ist am 15.01.2016 bei Kleingeldprinzessin Records erschienen.

