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Vom Händler zum Hersteller: Wie Sebastian Gollas mit Mara Cigars seine eigene Zigarrenmarke erschuf

Wer StarkeZigarren kennt, weiß: Sebastian Gollas ist kein Mann, der hinter einem Schreibtisch sitzt und Bestelllisten abarbeitet. Der Berliner Zigarrenhändler reist, probiert, führt Gespräche in Manufakturen und auf Plantagen, trinkt Kaffee mit Produzenten in Nicaragua, zieht Prototypen durch, verwirft sie wieder.

Diese Reisen haben ihn irgendwann an einen Punkt geführt, an dem der nächste logische Schritt nicht mehr der Kauf einer fremden Marke war, sondern die Erschaffung einer eigenen. Das Ergebnis heißt Mara Cigars, und die Geschichte dahinter ist eine ziemlich gute Unternehmergeschichte.

Von der Dominikanischen Republik nach Berlin: Wie alles anfing

Um zu verstehen, warum Gollas überhaupt eine eigene Zigarrenmarke aufbauen wollte, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Seine erste Begegnung mit der Welt der handgefertigten Longfiller war keine besonders glamouröse: Kurz nach dem Abitur reiste er in die Dominikanische Republik, die erste Zigarre beförderte ihn am Nachmittag flach ins Hotelbett. Trotzdem entwickelte sich eine Faszination, die nicht mehr wegging. 2005 besuchte er erstmals eine Manufaktur in Costa Rica, im selben Jahr gründete er seinen Online-Shop in Lübeck, neben dem Studium der Kulturwirtschaft in Passau. 2013 folgte das erste Ladengeschäft in Berlin, in der Pariser Straße in Wilmersdorf. Seit 2015 führt er das Unternehmen gemeinsam mit Martin Geisler, der sich um Website, Fotos und Videos kümmert. Die Eigenmarken, so Gollas selbst, sind eine gemeinsame Arbeit der beiden, die seit 2019 an Zigarren aus Ländern wie Nicaragua, Kolumbien und Peru tüfteln.

Das klingt nach einer geordneten Entwicklung, ist aber in Wirklichkeit das Ergebnis von unzähligen Reisen, Blindverkostungen und Gesprächen mit Produzenten, die Gollas über Jahre aufgebaut hat. Irgendwann reicht das Zusammenstellen fremder Marken nicht mehr, wenn man selbst weiß, wie Tabak aus Estelí schmeckt, wenn er mit diesem und nicht jenem Deckblatt verarbeitet wird. Da entsteht der Wunsch, selbst zu gestalten.

Der Name ist Programm: Was hinter Mara Cigars steckt

Der Name der Marke ist kein Zufall. „Maras” nennt man die berüchtigten Straßenbanden, die seit Jahrzehnten in Ländern wie El Salvador, Honduras und Nicaragua operieren und dort für erhebliche Unsicherheit sorgen. Wer in Deutschland Zigarren raucht, bekommt von dieser Seite Mittelamerikas so gut wie nichts mit. Gollas und Geisler wollten genau das ändern: eine Marke schaffen, die nicht nur nach Tabak riecht, sondern auch nach echten Geschichten aus der Region, aus der die Blätter kommen. Jede Zigarre der Linie trägt den Namen einer Figur aus diesem Milieu. El Sicario, der Auftragsmörder. El Corrupto, der bestechliche Politiker. Mara Marabunta, der Anführer, benannt nach der aggressiven Killerameise gleichen Namens. Das klingt provokant, ist aber im Grund konsequent: Der Aficionado soll beim Rauchen etwas erfahren und nicht nur etwas genießen. Branding mit Haltung, das ist selten in der Zigarrenwelt.

Estelí, Nicaragua: Wo ein Blend entsteht

Der eigentliche Anfang liegt in Estelí. Die Stadt im Norden Nicaraguas gilt als das Epizentrum des mittelamerikanischen Zigarrenhandwerks. Die meisten großen Manufakturen der Region haben hier ihren Sitz, der vulkanische Boden liefert Tabakblätter mit einem ganz eigenen Charakter: dunkel, ölig, kräftig im Rauchprofil, mit hoher Verbrennungsqualität. Gollas kennt die Stadt gut, er war mehrfach dort, hat Hersteller besucht, Proben mitgenommen, verglichen. Auf einer dieser Reisen entstanden die drei Blends, die später Mara Cigars werden sollten. Laut seiner eigenen Aussage nutzte StarkeZigarren drei der besten Blends aus Estelí für die Entwicklung der Linie.

Der Prozess selbst lässt sich nüchtern beschreiben, ist aber alles andere als einfach zu bewältigen. Man sitzt mit erfahrenen Rollern und Blenders zusammen, raucht Probe um Probe, diskutiert und verwirft. Was dabei auch auffällt: Ein Blend entsteht nicht am Computer, sondern durch geduldiges Ausprobieren. Welches Deckblatt harmoniert mit welcher Einlage? Wie wirkt sich der Umblatttyp auf das Brennverhalten aus? Das sind Fragen, die sich nur durch Erfahrung und Intuition beantworten lassen, nicht durch Kalkulation.

Was ein Blend eigentlich ist und warum er so viel über eine Zigarre entscheidet

Wer noch nie eine Blending-Session miterlebt hat, dem fehlt ein Bild dafür, warum dieser Schritt so entscheidend ist. Jede Zigarre besteht aus mehreren Tabaktypen: Ligero kommt von der Oberseite der Tabakpflanze, hat die meiste Sonne abbekommen und brennt langsam, gibt aber viel Aroma und Kraft. Volado kommt von den unteren Blättern, brennt gut, bringt aber wenig Geschmack mit. Seco liegt dazwischen und verbindet beide Extreme. Der Blender entscheidet, wie viel von welchem Typ in die Einlage kommt. Dann kommen Umblatt und Deckblatt hinzu, die nicht nur das Äußere einer Zigarre bestimmen, sondern ihren Geschmack ganz wesentlich mitprägen. Zu viel Ligero und die Zigarre wird so kräftig, dass sie Einsteiger überfordert. Zu viel Volado und sie verliert an Charakter und Tiefe. Das richtige Verhältnis zu finden ist ein handwerkliches und sensorisches Problem zugleich.

Für die Mara Marabunta, das Flaggschiff der Linie, entschied man sich für einen reinen Nicaragua-Blend: Einlage, Umblatt und Deckblatt stammen alle aus Estelí. Das Ringmaß 54 gibt der Zigarre einen stämmigen Körper, das sonnengereifte Deckblatt eine dunkle, leicht ölige Oberfläche. Was beim Rauchen passiert, ist typisch für diese Herkunft: ein kräftiger Start mit Toast-Aromen, dann eine Entwicklung Richtung Schokolade und Kaffee, Zimt und Lakritz im weiteren Verlauf, eine konstante Komplexität bis ins letzte Drittel. Die Rauchdauer liegt bei 60 bis 90 Minuten. El Sicario setzt auf ein US-Broadleaf Deckblatt und ein boxpresstes Spitzformat, beginnt mit viel Toast und öffnet sich dann zum vollmundigen Kaffee-Schokoladen-Profil. Tödlich für Einsteiger, sagen die Produktbeschreibungen, und das ist nicht nur Marketingsprache. El Corrupto dagegen spielt die mildere Karte: cremiger Rauch, verführerischer Einstieg, zugänglich auch für weniger erfahrene Genießer.

Kalkulation, Preis und Positionierung: Das unromantische Kapitel

Der unternehmerische Teil dieser Geschichte ist nüchterner, aber nicht weniger interessant. Wer eine eigene Zigarrenmarke aufbaut, braucht mehr als einen guten Geschmackssinn. Gollas kalkuliert vom Anbau über die Fertigung und den Versand bis zum Endpreis. Die Mara Marabunta kostet einzeln 8,90 Euro, die 20er-Kiste liegt bei 198 Euro. Das ist kein Einsteigersegment, aber auch keines, das nur gut verdienende Sammler anspricht. Die Positionierung ist erkennbar bewusst gewählt: eine Zigarre für Aficionados, die kräftige Blends schätzen und Vielschichtigkeit suchen, aber nicht bereit sind, allein für einen bekannten Namen aufzuzahlen. Gollas tritt unter eigenem Label auf, die Marke wird als Eigenkreation der Geisler & Gollas GbR, Berlin, in Verkehr gebracht. Der Inverkehrbringer ist kein anonymer Importeur, sondern das Unternehmen, das man aus dem Berliner Laden kennt. Das ist eine klare Identitätsaussage.

Branding und Packaging spielen dabei eine größere Rolle, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Banderole der Mara Marabunta zeigt eine aggressive Ameise, die anderen Linien tragen ihre Figuren ebenfalls visuell. Das ist kein generisches Zigarren-Design mit klassischem Muster, sondern eine eigene visuelle Sprache, die die erzählerische Idee der Marke in die Optik übersetzt. Ob das jeder Käufer so bewusst wahrnimmt, ist eine andere Frage. Dass es die Marke erkennbar macht und von der Massenware unterscheidet, ist das Ziel.

Wie es sich anfühlt, eine eigene Marke zu erschaffen

Gollas selbst beschreibt den Prozess vom ersten Gedanken bis zur fertigen Zigarre mit einem Vergleich, der auf den ersten Blick merkwürdig klingt, aber ziemlich treffend ist: Es sei wie ein Kind großziehen, von der Idee bis zum fertigen Produkt. Man fängt mit einer Vorstellung an, trifft hundert kleine Entscheidungen, wartet, überarbeitet, ist manchmal enttäuscht und manchmal überrascht vom Ergebnis. Und am Ende hält man etwas in der Hand, das seinen eigenen Charakter hat und das man nicht mehr verändern kann, ohne es zu zerstören.

Das klingt emotional für ein Produkt, das letztlich aus Tabak, Banderole und Holzkiste besteht. Aber wer versteht, wie viel Zeit, Reise und handwerkliches Urteilsvermögen zwischen der ersten Idee in Nicaragua und der fertigen Zigarre im Berliner Laden liegen, wird nachvollziehen können, was gemeint ist.

Was nach Mara Cigars kommt

Mara Cigars ist bei StarkeZigarren online erhältlich und im Ladengeschäft in der Pariser Straße in Berlin. Es ist nicht die letzte Eigenmarke aus diesem Haus geblieben. Mit Aureum Cigars arbeitet Gollas bereits an einem neuen Projekt, diesmal aus der Tabakregion Puriscal in Costa Rica, zusammen mit dem dortigen Produzenten Felipe von Tabacos de Costa Rica. Und für den neuen Laden in Leipzig plant er eine eigene Sonderedition, exklusiv für diesen Standort. Der Händler hat sich damit endgültig als Produzent etabliert, der nicht nur verkauft, was andere entwickeln, sondern selbst in den Blending-Raum geht und mit den Händen, der Nase und dem Gaumen entscheidet, was auf seinem Sortiment steht. Ob das eine natürliche Entwicklung war oder ein bewusster Strategieschritt, lässt sich von außen schwer sagen. Wahrscheinlich war es beides.

 

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