Die Tür öffnet sich, der Bass dröhnt, draußen drängeln die nächsten. Drinnen wartet nicht nur die Tanzfläche, sondern immer wieder auch eine Überraschung auf dem Kassenbon: Mindestverzehr. Wer in Berlin feiern geht, muss nicht selten mehr zahlen als erwartet – nicht wegen Eintritt oder Garderobe, sondern weil Clubs verlangen, dass ein gewisser Betrag an der Bar umgesetzt wird. Pflicht statt Wahl. Klingt nach cleverer Geschäftspraxis, fühlt sich für viele nach Verarsche an.
Wenn das Getränk zum Muss wird
Fast alle Clubs machen den Hauptumsatz mit Getränken und nicht mit dem Eintritt. Deshalb haben die Clubbetreiber ein riesiges Interesse daran, den Umsatz an Getränken zu steigern. Aber ist Zwang hier wirklich die beste Wahl? Gerade in Techno-Clubs ist es Gang und Gebe, sich ein mal ein Getränk zu holen und dieses dann auf der Toilette mit Leitungswasser aufzufüllen. Den Betreibern ist das natürlich ein Dorn im Auge. Deshalb gibt es bei vielen Clubs jetzt einfach die Eintrittskarte 10-15 Euro teurer und dafür mit 10-15 Euro “Getränkegutschein”. Wer sich beschwert, dass der Eintritt teurer wurde, der trinkt wohl einfach nicht genug.
Die Clubbesitzer argumentieren, dass Preise nunmal steigen und sie hohe Kosten decken müssen. Personal, Technik, Miete, größere Musiker und und und. Aber darf daraus eine Kostenverpflichtung werden? Was ist mit den Leuten, die nicht trinken wollen? Den Fahrern? Was ist mit Barhopping im Allgemeinen? Sollen Gruppen jetzt einfach in jedem Laden mindestens 3 Gin Tonics trinken, um keine Getränkegutscheine zu verschwenden? Die Szene steht dem ganzen kritisch gegenüber – und das zurecht.
Die rechtliche Grauzone
Juristisch ist der Mindestverzehr ein heikles Pflaster. Solange er klar kommuniziert wird, ist er erlaubt. Doch genau da liegt das Problem. Häufig fehlt es an Transparenz. Wer erst an der Tür oder beim Bezahlen davon erfährt, wurde faktisch überrumpelt. Die Verbraucherzentrale Berlin spricht von „intransparenten Preisgestaltungen“ und fordert bessere Kennzeichnungspflichten. Ein Schild an der Tür reicht nicht, wenn es keiner sieht. Oder wenn das Sicherheitspersonal es ignoriert. Und selbst bei klarer Kommunikation stellt sich die Frage: Ist es in Ordnung, dass Gäste zur Zahlung verpflichtet werden, ohne eine echte Wahl zu haben? Gerade in einer Stadt wie Berlin, die für Offenheit, Selbstbestimmung und Subkultur steht, wirkt der Mindestverzehr wie ein Anachronismus – ein Relikt aus einer Zeit, in der Clubkultur noch ein Nebengeschäft von Bars war.
Kulturelle Freiheit vs. ökonomischer Druck
Viele Clubgänger nehmen den Mindestverzehr in Kauf. Einige merken ihn gar nicht. Andere ärgern sich, zahlen zähneknirschend – und kommen vielleicht nicht wieder. Der wirtschaftliche Druck ist real, vor allem nach Corona. Doch wer Clubkultur erhalten will, muss auch das Publikum ernst nehmen. Und das wird sensibler. Junge Menschen haben ein feines Gespür dafür entwickelt, wo sie freiwillig konsumieren und wo sie dazu gedrängt werden. Sie schätzen Fairness – nicht nur bei Preisen, sondern auch bei der Atmosphäre. Ein Ort, der mit Konsumzwang arbeitet, verliert an Authentizität. Und das schlägt sich langfristig auch im Umsatz nieder. Es braucht neue Ideen, keine alten Tricks.
Digitale Parallelen: Umsatzdruck online
Was offline nervt, trifft Nutzer online genauso. Auch im Netz wachsen die Zweifel an Geschäftsmodellen, die versteckte Bedingungen an scheinbare Vorteile knüpfen. Besonders im digitalen Entertainment-Bereich mehren sich Beschwerden über intransparente Bonusregeln, Mindestumsätze oder automatische Verlängerungen. Immer mehr Menschen achten darauf, wo sie ihr Geld ausgeben – und vor allem unter welchen Bedingungen. Besonders in Bereichen wie Gaming oder Online-Plattformen meiden Nutzer zunehmend Anbieter, bei denen versteckte Umsatzbedingungen den echten Preis verschleiern. Stattdessen gewinnen transparente Modelle an Beliebtheit – etwa solche, bei denen man eventuelle Bonusangebote nutzen kann, ganz ohne Umsatzbedingungen. Die Parallele zum Nachtleben liegt auf der Hand: Wer weiß, woran er ist, fühlt sich wohler – ob digital oder auf der Tanzfläche.
Neue Wege für alte Räume
Ziel der Konversation ist es nicht einfach, den Mindestumsatz in die Knie zu zwingen. Zumindest sollte es das nicht sein. In der Debatte, die zu Recht geführt wird, steckt die Chance, dass Szene und Betreiber in Kontakt treten, um neue Wege zu finden, die schwierige finanzielle Lage der Clubs anzugehen. Kooperationsmodelle mit Bars, freiwillige Spenden, solidarische Ticketpreise, gestaffelte Einlassgebühren – viele Konzepte wurden schon getestet, manche mit Erfolg. Berlin war immer Vorreiter, wenn es um experimentelle Kultur ging. Und eines ist sicher – Berlin hängt an seinem Nachtleben. Und wenn Berlin an etwas hängt, dann wird es Mittel und Wege finden, es zu erhalten.