Der Tod gibt Tipps zur Wäschepflege | Filmkritik: O Beautiful Night

in Film/Unterhaltung

Wenn ein preisgekrönter Zeichner, der auch für die „New York Times“ Animationsfilme macht, in seinem Spielfilm-Debüt ganz real einen jungen Hypochonder auf den vermutlich leibhaftigen Tod treffen lässt, darf einiges erwartet werden – zumal wenn die „Toni Erdmann“-Macher „Komplizen Film“ als Produzenten auftreten.

Tatsächlich erweist sich dieser nächtliche Trip sensibler Seelen durch die neonblinkende Großstadt als ziemlich grandioser Coup. Eine wahre Wundertüte famoser Bilder und visueller Ideen. Eine vibrierende Lovestory mit Tücken. Ein Darsteller-Trio vom Feinsten. Dazu lässig servierte Humor-Sahnehäubchen, bei dem der Tod sogar Tipps zur Wäschepflege gibt. Mehr Wow-Effekte findet man bei Erstlingsfilmen selten – ein poetischeres Schlussbild sowieso nicht. Wenn Style auf Substanz trifft!„Alles was bei mir läuft ist Darmspiegelung!“ klagt der weinerliche Opa im Waschsalon. Für den jungen Juri ist das nichts Neues. Als überzeugter Hypochonder frönt er gerne seinen Zipperlein. Aktuell macht ihm das Herz zu schaffen. Google sei Dank, kennt er sämtliche Symptome. Dass im Traum ein Rabe ihm sein Herz aus der Brust pickt, löst allerdings akute Ängste aus. Panisch flieht Juri aus der Wohnung und gerät in einen Spielsalon. Am Geldautomaten wartet ein Mann mit Würstchen auf ihn: Es ist der Tod höchstpersönlich – zumindest besagt das dessen Visitenkarte. Wie ein Coral auf den Abgesang. Als in finstrer Gasse alsbald des Helden letztes Stündlein droht, bleibt ihm nur noch ein letzter Wunsch: „Ich möchte noch etwas erleben!“, fleht Juri verzweifelt. Es soll prompt die rauschendste Nacht seines Lebens werden. Nach kurzer Stippvisite in einer schummrigen Bar, wo Juri sich sofort in die mysteriöse Nina verliebt, radelt der Satan mit seinem Schützling durch die Nacht. Man philosophiert über Schicksal, Schönheit und Gerechtigkeit. „Findest du nicht, dass Menschen unterschiedlich attraktiv sind, noch ungerechter?“, will der Gevatter Tod wissen. „Aber schöne Menschen müssen auch sterben!“, entgegnet der hübsche Hypochonder mit Model-Aussehen („Egon Schiele“-Mime Noah Saavedra). „Aber da wird hinterher viel mehr geweint.“ bleibt der Sensenmann (Marko Mandić) stur. Dem Palaver folgt das Abenteuer. In einer Go Kart-Bahn wird mit höchstem Einsatz gezockt, „Wenn du das überlebst, kann dich nichts mehr umbringen!“, weiß der Tod. Dem Nervenkitzel folgt die Romantik, deren Ouvertüre in einer Peep-Show (!) stattfindet. Dort tänzelnd hinter Scheiben jene Nina (Vanessa Loibl), die der verknallte Juri seit der Korea-Bar nicht mehr vergessen kann. „Ich dachte, es wäre schon zu wissen, wie du heißt“, lautet die formvollendete Anmache. „Hast du schon mal Opium geraucht?“ kommt als Flirt-Antwort. 

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Der Blick ist nicht immer voll von Klarheit. Foto: © Komplizen Film

Schlafes Bruder und die Liebenden fahren fortan als Trio im (natürlich gestohlenen) Straßenkreuzer über den glitzernden Asphalt. Man plaudert über Liebe, Leben, Tod. „Küssen ist doch das Beste auf der Welt“, jubiliert Juri, der dank neuer Herzensdame all seine Herzkrankheiten plötzlich vergessen hat. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie noch heute? Das letzte, poetische Wort bekommt in einer furiosen Schlussszene ein Kronenkranich – und der wird in seiner Heimat schließlich als Glückssymbol verehrt. Story, Stimmung und Figuren dieses faustisch-bizarren Trips durch die surreale Nacht wirken wie aus einem Comic. Kaum verwunderlich bei einem Regisseur, der sich mit ambitionieren Animationsfilmen einen Namen machte. Sein preisgekrönter Abschlussfilm „Roadtrip“ war auf über 100 Festivals eingeladen, die „New York Times“ engagierte Xaver Xylophon für einen Trickfilm-Spot. Bei seinem Spielfilm-Debüt greift Xaver Böhm, wie er jetzt mit richtigem Namen auftritt, gleich in die Vollen und präsentiert mit souveräner Stilsicherheit eine Wundertüte visueller Einfälle. Auf den ersten Blick mag man sich an das neongrelle Glitzerkino von Nicolas Winding Refn erinnert fühlen. Doch von dessen angestrengt parfümierter Seifenblase unterscheidet Böhm sich mit Bravour. Sein glitzerndes Märchen hat bei aller Coolness stets auch Charme und Seele. Mehr noch: Es bietet jene notwendige Prise Humor und Selbstironie, die sich als vergnügliches Salz in der Style-Suppe erweist. Die smarte Situationskomik präsentiert sich mit umwerfender Lässigkeit. Die originellen Dialoge funkeln so wortwitzig wie verlässlich durch den ganzen Film. „Bei mir im Schulorchester waren die Hornisten die versautesten Jungs.“ könnte allemal als Lehrbeispiel für jedes Drehbuchseminar taugen. Je rigoroser das visuelle Konzept, desto schwieriger die Arbeit für die Schauspieler. Doch Noah Saavedra und Marko Mandić geben Softie und Sensenmann im schillernden Licht mit sichtlichem Vergnügen sowie großer Leinwandpräsenz. Mehr Wow-Effekte findet man bei Erstlingsfilmen selten – ein poetischeres Schlussbild sowieso nicht. Wenn Style auf Substanz trifft! Vom talentierten Xaver Böhm wird noch einiges zu hören und zu sehen sein. – Dieter Oßwald

 

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