Katastrophen über Katastrophen. Ein Blick in die Zeitung reicht, um die Abgründe der Menschheit zu sehen. Ed Harcourt geht es jedenfalls so. Nach „Time of Dust“ von 2014 ist er mit seinem siebten Solo-Album zurück. Gemeinsam mit Produzent Flood (Nick Cave & The Bad Seeds, PJ Harvey, Nine Inch Nails) ist eine apokalyptische Indierock-Platte entstanden, auf der Harcourt inmitten tribaler Rhythmen, orchestraler Hörner und melodischer Refrains Stellung bezieht: Fracking-Politik, Öl-Geschäfte, lügende Politiker und Fanatismus – worauf steuert die Welt eigentlich zu?

Einen Tag nach seinem Geburtstag erwischen wir den Singer-Songwriter am Telefon. Harcourt spaziert gerade durch London und klagt über seinen massiven Kater, was ihn nicht davon abhält, über Exzesse, Theresa May, Geschlechterunterschiede und den Mainstream-Pop zu sinnieren.

Erst mal alles Gute nachträglich, Ed!

Danke! Das war eine Nacht. Crazy. Mein Cousin war da und wir waren in der mexikanischen Bar von meinem Kumpel Carlo. An irgendeinem Punkt habe ich einen Wurm in meinem Tequila gegessen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Das übliche Ding: Laute Musik, Drinks, Drinks und noch mehr Drinks. Autsch.

Stichwort Kopfschmerzen: Die scheinst du auch zu bekommen, wenn du die Zeitung aufmachst. „Furnaces“ steckt voller Sozial- und Politikkritik. Gab es da einen Schlüsselmoment?

Yeah! „Lustre“ war eine positive Platte. Das ging nach hinten los: Plötzlich wollte ich das Gegenteil. Ich gehe immer von Extrem zu Extrem. Meine Tochter ist zwei geworden. 2011 kam noch ein Junge. Wenn man Kinder in die Welt setzt, boah, dann bekommst du eine andere Perspektive. Die Welt erscheint dir wie ein absurder Comic. Wo ist das Bewusstsein geblieben? Und was ist mit den Leuten los? Eine Katastrophe nach der anderen.

Welcher Song ist aus diesem Gefühl heraus als erstes entstanden?

„The World is on Fire“! Das war der Katalysator. Man hört darauf eine Glasharmonika. Die wurde von Benjamin Franklin erfundenen und im 19. Jahrhundert in Kirchen gespielt. Weißt du, was das Ding ausgelöst hat? Die hatten alle epileptische Anfälle. Wirklich. Hunderte Menschen sind gestorben vom Zuhören. Danach habe ich „Immoral“ geschrieben, weil ich so enttäuscht von meinem Geschlecht war.

Hitzig: Ed Harcourt (© Steve Gullick)

Hitzig: Ed Harcourt (© Steve Gullick)

Das musst du genauer erklären. Warum? Was ist mit den Männern los?

Schau doch mal, was wir in der Welt angerichtet haben und was wir immer noch anrichten. Keine Frau hat das gemacht.

Hatten in der Weltgeschichte ja auch noch nicht allzu häufig die Gelegenheit dazu. 

Sagst du gerade, dass Frauen noch nicht die Chance hatten, so böse wie Männer zu sein?

Ich sage, dass Frauen definitiv „böse" sein können und viel seltener an den Schalthebeln der Macht sitzen. Es kommen ja nicht automatisch sanftmütige Frauen und aggressive Männer aus der Fruchtblase geschlüpft.

Ich glaube schon, dass es grundlegende Unterschiede im Charakter gibt. Frauen müssen Männern sagen, wenn sie absolut falsch liegen. Wenn ich meine Frau nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich tot.

Exzesse?

Exzesse ohne Ende! (lacht) Ernsthaft: Es ist Zeit, dass Frauen an die Macht kommen. Wir würden auf einem sicheren Planeten leben. „Loop Garou“, „Occupational Hazzard“ und „Immoral“ sind die Songs, in denen ich mich mit meinem Geschlecht auseinandersetze. Es gibt diese dunkle, hitzige Natur in Männern. In ihnen schlummert immer die Gefahr. 

Auf „Last Of Your Kind“ stellst du dir vor, wie London in einem Wasserschwall untergeht. Klingt ganz schön euphorisch, wenn du von untergehenden Politikern singst.

Stimmt! (lacht) Dabei ist das ein Liebessong. Das ist das Ende der Welt? Okay, dann beende ich das alles mit dir. Kitschig, was? Gleichzeitig habe ich über unsere Regierung nachgedacht. Wann gibt es eigentlich mal Politiker, die nicht lügen? Kein Fracking? Theresa May trägt Fracking auf ein völlig neues Level. Wir brauchen Fracking nicht. Und dann auch noch das ganze Ölgeschäft. So ein Bullshit. „Furnaces“ handelt genau davon.

Die Welt in Flammen: Furnaces

Die Welt in Flammen: Furnaces

Im Studio hast du mit Flood gearbeitet. Wie lief die Zusammenarbeit zwischen euch?

Die… (Sirenen ertönen

Hast du nebenbei eine Bank überfallen?

London, Baby, London! Floods Arbeitsweise ist… interessant. Ich habe ihm immer wieder Songs vorgespielt. Er meinte: „Komm wieder, wenn du mehr hast“. Ich habe zehn geschrieben. Acht davon fand er scheiße. Er wollte mich so lange triezen, bis man ein konzeptionelles Gefühl hört. Der verrät dir seinen Masterplan nicht. Das war reizvoll. Ganz anders als all das, was so im Mainstream läuft.

Was stört dich am Mainstream?

Der Mainstream ist ganz am Boden. Ich liebe Pop-Musik, aber nicht Justin Bieber und so. Vielleicht bin auch einfach nur ein griesgrämiger, alter Mann. Schau dir mal die Top 40 an. Jeder will jedem gefallen. Ätzend. Du hast immer zehn Songschreiber – mindestens fünf davon aus Schweden – und dann noch ein paar Hip Hop-Dudes. Absoluter Müll. 

Da wir die ganze Zeit schimpfen: Ist „Furnaces“ ein negatives Album?

Ich denke, das ist eine konspirituelle Platte. Kennst du diesen Moment, wenn du im Kino sitzt? Jeder geht für eineinhalb Stunden in die Dunkelheit und guckt konzentriert einen Film. „Furnaces“ soll dieser Film sein.

Und nach dem Kino?

Hätte ich gerne, dass jedem ein bisschen mehr klar ist, was in der Welt vor sich geht.

"Furnaces" erschien am 19. August über Caroline / Universal Music.