Punk-Attitüde, Pathos und Liebäugelei mit dem eingängigen Pop: So muss man sich die Musik von Betrügern vorstellen. „Ich will alles anders, als es heute aussieht“, singen Milliarden auf „Schall und Rauch“, dem letzten Song ihres Debüts. Das passt ganz gut zu zwei Jungs, die sich die Welt selber malen, auf Angepasstheit pfeifen und mit Texten rund um die Widersprüchlichkeiten des Lebens scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Freiheit? Eine Hure. Punk und Major-Label? Why not. Und dann bitte Kokain und Himbeereis. Im Prater sprechen Ben Hartmann und Johannes Aue über die Abkehr von der Sicherheit, warum Katy Perry sie verklagen soll und was es mit dem Morden und Ficken auf sich hat.

Jungs, ich habe gestern eure Platte in die Hände bekommen und…

Johannes: …ehrlich gesagt finde ich sie scheiße. (lacht)

…und mich gefragt, was es mit dem Cover auf sich hat. Ich als Frau musste mich erst mal über zwei Büsten unter einer Vagina wundern.

Johannes: Wir wollen morden und ficken!

Ben: Das sind unterschiedliche Konzepte, die du nicht zusammen erklären kannst. Wenn du sie zusammenstellst, sprechen sie etwas aus, was jeder für sich erklären muss. Ich kann nur sagen: Da sind zwei Büsten, das Album heißt Betrüger und dann sieht man Beine einer Frau. 

Morden und ficken? Betrüger.

Morden und ficken? Betrüger.

Stichwort Titelsong: Worin liegt der Betrug?

Ben: Es gibt dieses ambivalente Verhältnis von sich und der Welt. In „Betrüger“ geht es um die Projektion von sich selber, in der man sich genauso aufhalten kann, wie in der anderen Wirklichkeit. Es gibt Zeiten, in denen man öfter in seiner Projektion existiert.

Das an sich ist erst mal nicht negativ behaftet. Das Wort Betrüger schon.

Ben: Ich meine das wertfrei. Das ist ein spielerischer Umgang mit sich und der Welt. Es gibt nichts wahreres oder unwahreres an einer von ihnen. Sie sind gleich wirklich und unwirklich. „Ich bin Betrüger, ich schreib mir die Welt einfach um“ – um zu leben und zu verstehen.

Eure Texte wimmeln nur so vor Kontrasten. In Blitzkrieg Ballkleid" trifft Kinderleiche auf Unicorn. Warum diese ständige Ambivalenz?

Ben: Die Kontraste sind die wirkliche Welt. Wir sitzen zum Beispiel gerade im wundervollen Prater mit schönen Menschen und Kindern, die Maiskolben essen. Wir könnten uns aber auch mit dem Horror abfüllen, der existiert. Dafür muss ich gar nicht weit gehen.

Ein Schnauzbart kommt selten allein: Milliarden im Interview.

Ein Schnauzbart kommt selten allein: Milliarden im Interview

Eure Musik soll ein Gegenentwurf zu Lebensentwürfen sein. An welchen eckt ihr an?

Ben: Wir haben uns gegen ein regelmäßiges Einkommen entschieden, um uns mit der Musik zu verwirklichen. In Berlin gibt es dieses Kulturprekariat: Die entscheiden sich alle aus Romantik, etwas zu leben, was nichts mit Sicherheit zu tun hat. Und doch ist man sicher. Es muss einem nicht immer gut gehen, aber man wird nicht verhungern. Das steht fest. 

Grunsätzlich ist es eine Form des Luxus, sich für oder gegen Sicherheit entscheiden zu können. Würdet ihr sagen, ihr seid in einer behüteten Welt aufgewachsen?

Johannes: Na klar kommen wir aus der Komsumwelt, in der man alles hat. Schön abends Süßigkeiten vor dem Fernseher essen. Als Kind hat man mitgekriegt, was Sicherheit bedeutet: arbeiten gehen und den Rest des Tages frei haben, ein Haus bauen, Kinder kriegen. Das ist das Muster. Irgendwann entscheidet man sich für oder gegen diesen Weg.

Ben: Das mit dem Geld war in meinem Haushalt nicht immer easy. Trotzdem bin ich in einer relativ sicheren Welt aufgewachsen. Wir schreiben von genau diesen Sachen – in überhöhten Bildern. Ein kleines Kind, das Schokolade isst, sieht dann plötzlich wie ein fettes Monster aus. Es gibt diese Sehnsucht nach dem Behüteten, aber das existiert nicht mehr. Unseren Lebensentwurf kultivieren wir mit uns selber.

Johannes: Erst mal gucken, ob es klappt, mann. (lacht)

Ben: Ob das gut oder scheiße ist, müssen andere entscheiden.

Johannes: Oder wir machen das dann!

Und wenn rauskommt, dass es scheiße ist?

Ben: Machen wir ein neues Album.

Läuft aber gerade bei euch. Selbst klatschundtrasch.de sagt, ihr seid die Newcomer. Die hätte ich nicht in eurer Zielgruppe vermutet. Steht das im Widerspruch zur Punk-Attitüde?

Ben: Nein, das finde ich eher interessant. Ich kann das mit Humor nehmen. Ohnehin kann ich Klatsch und Tratsch nicht von angesagten Printmedien unterscheiden, was die Haltung angeht. Das sind subjektive Allgemeinstandplätze. Die einen tarnen sich seriös im sauberen Kosmos, die anderen sind im dreckigen, aber eigentlich sagen alle das gleiche. 

Musikalisch bringt ihr Punk mit Pop-Schemata zusammen. „Katy Perry“ kommt widerum als Pop-Kritik daher. Wie geht ihr denn nun mit Pop um?

Johannes: Natürlich sind wir im Pop verwurzelt. Ich spiele Klavier und hab die Pop-Riffs im Kopf. Man wird mit Pop groß und entscheidet sich dann, ob man dabei bleibt oder sich selber eine Gitarre nimmt und damit umgeht.

Ben: Naja, Jojo hatte ’ne Blockflöte, ich hab die Gitarre gekauft. Wer will sich vom Pop frei machen? Madonna, Prince, Michael Jackson – das ist geil! Trotzdem kann ich Pop-Kritik äußern. Es gibt Musik, die nur produziert wird, damit sie so viele Menschen wie möglich abgreift. Das sind Würmer, die sich in den Kopf fressen mit Messages, die Konsens sind. Die wirken wie Drogen. Opium für’s Volk!

Jeder kann ein Feuerwerk sein – juhu.

Ben: Genau! Du sagst den Leuten, alles wird gut. Im Video wird selbst das krebskranke Kind nicht ausgespart, was ich einerseits gut finde. Aber dann steht das Glatzenkind vor einem amerikanischen Krankenhaus und das Feuerwerk sprudelt aus der Brust. Da muss ich laut lachen. Ein Kunstwerk und gleichzeitig die ekelhafteste Maschine, die ich mir vorstellen kann. Hauen wir jetzt zu sehr auf Katy Perry rum?

In jedem fall habt ihr euch großzügig bei der "Firework"-Melodie bedient. Das wird im Zweifelsfall aber nicht ganz billig.

Ben: Soll uns Katy Perry verklagen!

Johannes: Da wir Milliardäre sind: kein Problem. Dann sitzen wir zusammen an einem Tisch. Sie auf der einen Seite, wir auf der anderen. Alles für den Moment!

Betrüger" erscheint am 12.08. über Vertigo Berlin / Universal Music.

Titelfoto: ©  Peter Kaaden / Vertigo Berlin