Messer: Selbstreflexion, bitte!

in Interviews/Musik

Viel ist passiert, gehört hat man wenig: Messer haben sich in den letzten drei Jahren scheinbar zurückgezogen. Wie gesagt: scheinbar. Während der Arbeit am dritten Album „Jalousie“ ging es hinter den Kulissen der deutschen Post-Punk-Band wild her: Gitarrist Palle verließ die Gruppe, Manuel Chittkas Percussion wurde zum festen Bestandteil, Bassist Pogo McCartney wandte sich der Orgel zu und Milek kam als neuer Gitarrist. Man ahnt es: Umstände, die den Sound der dritten Platte nicht unberührt gelassen haben.

Herausgekommen ist ein komplexes, geradezu detektivisches Neo Noir-Album – brutal und schneidend in der Auseinandersetzung mit den alltäglichen Ängsten und der Finsternis der Welt hinter der Jalousie. »Es riecht nach Regen, riecht nach Metall, es schmeckt nach Blut“ eröffnet Hendrik Otremba die Platte. Messers Themen sind ähnlich geblieben, doch die Bilder sind poetischer, der Sound offener. Warum das alles? Im Interview spricht Songschreiber und Sänger  Otremba über musikalische Neuorientierungen und eigene Reflexionsflächen.

Drei Jahre Arbeit unter euch und jetzt wieder Promomarathon. Hast du bei so vielen Gesprächen eigentlich noch Bock auf Interviews?

Der Moment ist echt total krass. Mein Trick: Ich lege die Interviews einfach nie alle auf einen Tag. Kann ja sein, dass ich heute gute Laune habe und gerne rede und morgen gar nicht. So sieht man wenigstens Facetten. Ich lese hinterher dann echt alles – schließlich will ich ja, dass das wen berührt und Gefühle entstehen, die zurückgespiegelt werden. 

Hier mal mein Gefühl: Für mich klingt die Platte weniger nach dem reduzierten Post-Punk der Vorgänger und instrumentell vielfältiger. Plötzlich hört man auch mal eine Orgel.

Ja, Pogo hat sich der Orgel zugewandt. Auf einmal gab es Orgel-Skizzen, an denen jeder mal gearbeitet hat. Außerdem sind Punk-Schlagzeug und Percussions jetzt eins. Insgesamt haben wir die Stücke viel mehr produziert. Früher standen wir ständig im Proberaum und haben zusammen Songs geschrieben, um dann konzentriert aufzunehmen. Darauf hatten wir keine Lust mehr. In Münster haben wir uns dann ein Studio direkt am Kanal aufgebaut, um das selber zu machen.

Zusätzlich hattet ihr Gäste wie Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten. Wie waren die konkret an den Stücken beteiligt?

Die kamen hinzu, als die Songs schon fertig waren. Milek hat Jochen mitgebracht. Das ist so ein richtiger Künstlertyp. Ich habe dem einmal die Hand geschüttelt und weiß gar nicht, ob der wusste, wer ich bin. Dem sagt man natürlich nicht, was er machen soll. Er hat an Sachen gearbeitet und die uns überlassen. „Schwarzer Qualm“ habe ich mit Stella von Die Heiterkeit eingesungen. Das hat sich mir beim ersten Mal gar nicht erschlossen – bis wir komplett das gleiche gesungen haben. Naja, bis auf ein Wort.

Welches?

Deutschland. Ich habe das Wort gerade noch so dahingestottert, wie man auf der Platte hört. Sie hat das gar nicht gesungen. Um genau dieses Unbehagen geht es. Wir haben sowieso ein Problem mit Deutschland. Der Bezug des Songs ist das Gefühl, dass tausende Menschen vor Europa ertrinken. Ständig. Jetzt gerade. 

„Schwarzer Qualm" ist in dieser Hinsicht sicherlich das prägnanteste und sprachlich konkreteste Stück des Albums.

Absolut. Das war ein ganz anderer Schreibansatz. Sonst ist das ein Schreiben im Nebel und Unbewusstem mit Fragmenten, die irgendwann hoffentlich wieder auftauchen und sich zusammenfügen. Bei dem Titel hatte ich allerdings das Gefühl, diesen Luxus nicht zu haben. Ich habe mich dann ganz konkret zum Schreiben hingesetzt.

Bei all den zusammenhängenden Motivwelten der Platte: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, das auf die Theaterbühne zu bringen?

Noch nicht, aber warum eigentlich nicht? Das ist eine total reizvolle Idee. Ich würde das gerne weiter inszenieren. Weißt du was: Das schlage ich den Jungs vor.

Würdest du sagen, „Jalousie" folgt einem Konzept?

Das nicht, aber wenn ich jetzt ein Stück zurücktrete und mir das Ganze angucke, fällt mir auf, dass es ein Leitmotiv gibt. Im Nachhinein kann man das wirklich als Konzeptplatte begreifen. Ganz am Ende habe ich „Kachelbad“ geschrieben – für mich der Versuch, noch mal durch die „Jalousie“-Welt zu wandern und zu reflektieren, was ich entworfen habe. Ich empfehle, zuerst das zu hören.

Messer, Jalousie, Interview, 030, Berlin, Hendrik, neues Album
Manchmal auch vor der Jalousie: Hendrik Otremba (Mitte)

Von wo aus wird eigentlich durch die Jalousie geguckt? Steht der Protagonist davor, dahinter oder wandert er?

Ich würde sagen, der bewegt sich. Da steckt bestimmt viel von mir drin, aber wenn man mal von einem Erzähler ausgeht, dann gibt es Stücke, in denen er als Voyeur durch die Jalousie guckt. Manchmal wird auch jemand angeschaut. Ganz klar ist das nicht. Wir wollen irritieren. Wenn man alles decodiert, wird es von den Leuten zur Seite gelegt. Man soll sich schon herausgefordert fühlen. Ich denke selber auch noch über unsere alten Platten nach und merke dann, wie schon in den Texten der ersten Platte steckt, was mal passieren könnte – und das ist dann echt passiert.

Gruselig. Fast wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Total, aber ein schönes Gruseln. Am Ende will ich aber gar nicht, dass die Leute meine Welten darin entdecken, sondern ihre eigenen. Das ist manchmal unbequem, aber es geht nicht darum, was der Sänger macht, sondern um die Auseinandersetzung mit sich selber. Zumindest wünsche ich mir das.

„Jalousie“ von Messer erscheint am 19. August über Trocadero Records.

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.