Er ist ein Strippenzieher hinter den Kulissen: Werd alias Andrew Shuch ist Musical Director und Bandleader bei Sido, mit Chefket, Amewu und Max Herre getourt und spielt in der Live Band von "The Voice of Germany". Nach vielen Jahren im Hintergrund erscheint auf dem eigenen Label Long Lost Relative das erste Soloalbum "The Path". Wir quatschen über Instrumental HipHop, das Business und das ewige Leid des Produzententums.


Ist in Berlin nicht die Wertschätzung für Produzenten mehr im Kommen durch Veranstaltungsreihen wie Beatgeeks?

Da habe ich die Tage das Album gespielt. Das ist eine sehr coole Veranstaltung, die kennen mich auch und vertrauen mir. Die Beatszene ist klein, da kennt sich eigentlich jeder. Das wars aber auch schon, oder? Gibt es noch eine Veranstaltungsreihe, die ich nicht kenne?

Es gibt häufig Partys, zu denen Soulection-Produzenten eingeladen werden.

Bei diesen Partys laufen aber meist House Remixes und Trap Songs, das sind keine Beats. Man sagt immer, das verschwimmt und wächst zusammen, aber ich kenne mich ja aus und erkenne, wenn jemand nur Chicago House Remixes von alten HipHop Songs spielt und ein paar Trap Songs und mir das dann als Beat Set verkaufen will. Die Beatgeeks machen das besser. Da laufen auch neuere Sachen, aber es sind bestimmte langsamere BPM-Zahlen. Das ist wahrscheinlich das Ding. Auch meine eigenen Sachen sind alle recht langsam und damit nicht unbedingt Tanzmusik und das ist die Schwierigkeit. Die Soulection-Leute wollen eine Dance Party und allein dadurch entfernen sie sich von der Beatszene, denn die ist meist sehr ruhig.

Dein Album klingt aber auch nicht wirklich nach HipHop und Turntablism, obwohl es sehr organisch klingt.

Ich bin beeinflusst von DJ Krush oder dem ersten DJ Shadow Album, die ja auch keinen klassischen HipHop-Sound haben. Diesen Sound gibt es aber auch schon seit 20 Jahren, diese Mo’ Wax/ Ninja Tune-Welt. Früher hat man das Trip-Hop genannt, dieser Begriff wird heute kaum noch genutzt.

Obwohl du seit ganz vielen Jahren Musik machst und auch Instrumental Projekte veröffentlicht hast, stellt „The Path“ dein erstes Soloalbum dar. Wieso war der Moment jetzt richtig, zum ersten Mal etwas alleine zu produzieren und deinen Namen darauf zu setzen?

Ich habe viel gelernt über die Jahre. Es ist nicht nur mein erstes Soloprojekt, sondern auch die erste Platte, die ich alleine gemischt habe. Ich habe mich vom Wissensstand her jetzt erst getraut, auch in punkto Mix, für Alles mit meinem Namen zu stehen. Bei den ganzen Projektarbeiten vorher habe ich noch viel auf andere Leute vertraut. Ich kann auch nicht sagen, wo das hinführt, ob ich in Zukunft häufiger Sachen alleine mache oder vielleicht auch nicht.

Klingt das Album anders als die Long Lost Relative Veröffentlichungen?

Es ist ähnlich, da ich auch dort schon einen Hauptteil der Produktionen gemacht habe. Für mich klingt es aber anders, weil ich alle Entscheidungen getroffen und alle Instrumente gespielt habe. Die Art, zu spielen und zu komponieren ist definitiv meine. Wenn ich einen Song höre, den ich mit jemand Anderem gemacht habe, spüre ich sofort, dass da noch andere Einflüsse und andere Ideen hinzukommen.

Was zeichnet deinen Schaffensprozess aus?

Der Prozess, an einem Beat zu arbeiten, ist für mich sehr kurz geworden, im Idealfall nicht mehr als ein Tag. Über die Jahre in Deutschland habe ich oft Leute gesehen, die an einem Album zwei Jahre sitzen, um es noch ein bisschen besser zu mischen oder auszuproduzieren und dadurch  hängen bleiben. Ich finde es cool, wenn man eine Idee hat und die sofort aufnimmt und materialisiert, ohne groß nachzudenken. Wenn ich die Songs anhöre, erinnere ich mich an einen Moment, daran, was ich an dem Tag gemacht habe, an die Gefühle, die ich hatte. Und gerade die Imperfektionen erzeugen den Charakter. Diese Arbeitsweise möchte ich mir gerne beibehalten.

Du bist auch hörbar Fan davon, Instrumente selbst einzuspielen und mit Percussions und alten Synthesizern zu experimentieren.

Ich habe jahrelang gesamplet und Beats mit MPC produziert, aber über die Jahre gelernt, wie man aufnimmt und Respekt davor gewonnen. Wie viel Arbeit im Studio dahinter steckt, wenn man einen Kontrabass in guter Qualität aufnimmt, das wusste ich lange nicht. Ich habe eine Platte gekauft, den Kontrabass genommen und für meine Musik benutzt.

Macht man es sich einfach, wenn man samplet?

Sampling ist eine Kunst für sich. Man kann viel damit machen und viel verändern. Man verwendet aber auch etwas, hinter dem viel Arbeit steckt und das muss anerkannt werden. Es gibt Leute, die das genau wissen, wenn sie eine Platte von einem bestimmten Künstler haben und Leute, die darüber nicht wirklich nachdenken und sich einfach Sounds nehmen.

Long Lost Relative ist jetzt seit zwei Jahren ein Label. Was war der Antrieb?

Ich muss zugeben, ich bin ein sehr schlechter Geschäftsmann. Ich habe Ahnung von Musik und ein Gefühl dafür, für welche Musik unser Label stehen sollte, aber an sich ist diese Arbeit gar nicht so mein Ding. Ich habe gemerkt, dass ganz viele Leute aus der Crew eigene Projekte haben. Das Label ist der beste Weg, die herauszubringen, ohne Kompromisse einzugehen, aber natürlich auch mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich habe aber Angst vor dem Moment, in dem es einmal so gut läuft, dass es sich selbst erhalten muss. Das Label kann existieren, weil ich es unterstütze durch die ganzen Industrie Jobs, die ich mache, die gutes Geld einbringen. Dadurch habe ich die Freiheit, ein Label zu betreiben, das nicht unbedingt finanziell erfolgreich sein muss. Das ist natürlich ein Luxus, den andere Labels nicht haben, das ist mir bewusst. Das ist aber keine dauerhafte Lösung. Und vor Allem im modernen Musikmarkt ist es schwer, Platten herauszubringen, sodass es sich lohnt. Ich glaube, alle Labels, die cool sind und coole Musik herausbringen, struggeln.

Du arbeitest mit Sido jetzt seit über 15 Jahren zusammen. Seit den A.i.d.S.-Zeiten hat sich da sicherlich viel verändert. Was ist für dich der prägnanteste Unterschied?

Es ist jetzt eine sehr professionelle Produktion. Am Anfang war es eher eine HipHop-Show. Als junge Leute haben wir einfach coole Platten von Amirappern gesucht und die Beats für die Live Shows benutzt und einfach Spaß gehabt. Bei The Voice habe ich viel über Professionalität gelernt, oder als ich mit Max Herre und Joe Denalane unterwegs war. Ich habe gesehen, dass man mit wenig Zeit viel reißen kann, wenn man es gut plant und professionell aufzieht. Das habe ich über die letzten Jahre gelernt und es hat die Sido Show krass verändert.

Mit dieser Erfahrung bringst du jetzt dein erstes Soloalbum heraus und findest wieder in ganz kleinem Rahmen statt.

Weil es mir jetzt egal ist. Ich habe meine Karriere und das Soloalbum muss nicht funktionieren, damit ich glücklich bin. Ich freue mich wieder über jeden einzelnen Menschen, der die Platte hört und gut findet. Dieser Druck ist nicht da, dass das meine Arbeit sein muss. Ich möchte natürlich, dass Menschen die Platte hören, aber ich habe diese Menschen nicht im Kopf, während ich die Platte mache. Diese Gedanken habe ich aber natürlich, wenn ich eine Sido Show mache. Dabei kommt nicht immer das heraus, was ich selbst hören will. Wenn ich alleine Beats mache, ist das ein bisschen wie Urlaub von dieser Popwelt.


Wir verlosen Werds Debüt zwei Mal auf CD! Meldet euch per Mail an verlosung@berlin030.de!

The Path
Werd
Label:
Long Lost Relative
Erscheint am: 11. November 2016
Online erhältlich: Bandcamp
DJ Werd, The Path