„Intelligent Dance Music“ ist ein schräger Genrebegriff. Auf den Briten Chris Clark passt er. Seit seinem Karrierebeginn vor 16 Jahren ist er mit WARP Records liiert. Das anstehende Release „Death Peak“ legt das Spannungsfeld zwischen Atmosphäre und Apokalypse offen, in dem Clarks musikalisches Vokabular stattfindet.


Das neue Album scheint immer wieder Naturgewalten auszudrücken. Ist es widersprüchlich, etwas Organisches in elektronischer Musik zu beschreiben?

Es passiert viel Abstraktion in elektronischer Musik und die Bildsprache, von der die meisten besessen zu sein scheinen ist die der Mechanik, der Maschinen. So viel unserer Bildsprache ist gerne selbstreflexiv und kommt aus dem technischen Design. Mich interessieren naturalistische Bilder mehr. Ich finde die Idee, Techno mit Futurismus zu verbinden relativ retro. Musik, die auf eine derart ich-bewusste Weise die Zukunft antizipiert, wird meiner Meinung nach zwangsläufig schlecht altern.

„Death Peak“ ist dein neuntes Album. Wie sorgst du dafür, dass der Sound frisch bleibt?

Ich glaube, ich habe jetzt das Spektrum definiert und es erstreckt sich etwa zwischen den Alben „Iradelphic“ und „Turning Dragon“. Jetzt möchte ich nicht wirklich mehr neue Sphären erschließen, sondern den Sound verfeinern. Ich weiß inzwischen sehr genau, was ich will und werde mich im Prinzip wiederholen, aber auf eine gute Art, sodass die Version besser und besser wird.

Du bist kein großer Sampling-Fan, umso mehr Fan deines Field Recorders.

Es sei denn, etwas klingt wirklich scheiße. Ich liebe es, schlechte Sounds zu samplen und zu verfremden. Anstatt etwas Gutes wie James Brown zu nehmen und daraus das größte Klischee der Welt zu machen. 

Hast du ein liebstes Field Recording?

Ja! Es ist einfach nur eine Gummiente, die zusammengedrückt wird. Ich habe sie auf Tonband aufgenommen und auf halber Geschwindigkeit abgespielt und plötzlich klang sie sehr menschlich und verstörend. Es klingt, als würde sich jemand zu Tode übergeben.

Du spielst gerne mit der Spannung zwischen harmonischen und verstörenden Klängen.

Ich finde, wenn etwas wirklich hässlich ist, dann scheint es dadurch eine Art rohe, brachiale Kraft zu entwickeln. Das in einen harmonischen Kontext zu betten wirkt quasi vulgär. Ich mag vulgäre Musik. 

Auf „Catastrophe Anthem“ singt ein Kinderchor „We are your ancestors“. Wie ist das zu verstehen?

Es geht in dem Song um künstliche Intelligenz. Ich hatte über die Simulationstheorie gelesen, dass wir Alle nur Codeschnipsel in einem Algorithmus sind. Die Idee ist, dass die künstliche Intelligenz Simulationen durchläuft und versucht, verschiedene Vorfahren in verschiedenen Realitäten zu erstellen. Es ist gruselig, dass die Kinder die künstliche Intelligenz anrufen, die sie erstellt. Ursprünglich war es eine recht akademische Idee, basierend auf dem Buch „Super Intelligence“ von Nick Bostrom. Ich hatte Spaß daran, daraus etwas relativ poppiges und damit vulgäres zu machen.

Du verwendest mehr denn je die menschliche Stimme, jedoch auf viele verschiedene Arten.

Ich bin an dem Punkt, wo ich bei manchen Tracks selbst nicht erkennen kann, was Synthesizer und was Vocals sind. Bei „Living Fantasy“ gibt es ein Arpeggio, zu dem ich die ursprünglichen Aufnahmen längst gelöscht habe und ich weiß selbst nicht, was ich da höre. Das finde ich sehr befriedigend. Auf dem Album „Loveless“ von My bloody Valentine klingt der Gitarrensound so kolossal und bestialisch, dass es sich nicht mehr nach Gitarren anhört. Das habe ich stark plagiiert. Ich komme damit durch, weil ich elektronische Musik mache. Ich kopiere sehr viel mehr Rockmusik als elektronische Musik. Die Pixies, My bloody Valentine, Nirvana und Drum’n’Bass- oder Jungle-Sachen sind ein großer Einfluss.

Der Titel „Un UK“ lässt Kritik am Vereinigten Königreich vermuten.

Den Song habe ich um Brexit geschrieben, deshalb ist er sehr wütend. Musik ist ein guter Ort, um extrem zu sein. Ich bin politisch recht mittig und moderat, aber in meiner Musik sehr extrem und polarisiert. Ich finde es komisch, wenn Menschen entspannte Musik schreiben, ich denke dann immer, die müssten politisch fragwürdig sein. Erinnerst du dich an den Ten Walls-Typ? Der hat super nette Musik geschrieben, aber er war ein rasender Homophob mit merkwürdigen politischen Ansichten. Ich will rasende, verrückte Musik schreiben, aber kein Arsch sein.


Fotos: Alexander Indra
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Clark – Death Peak
VÖ: 7. April / Warp Records
Online erhältlich: iTunes / Amazon

Clark spielt am 21. April live im Funkhaus Berlin.