seit 1994

Tocotronic: Erfolg ist relativ

in Interviews/Musik

2010 veröffentlichten Tocotronic mit „Schall & Wahn“ das Finale der sogenannten Berlin Trilogie, zu welcher ebenfalls die Vorgängeralben "Pure Vernunft darf niemals siegen" (2005) und "Kapitulation" (2007) zählten. Wer dachte, damit wäre die Zusammenarbeit mit Produzent Moses Schneider beendet, der sah sich getäuscht. Rund um das 20jährige Bestehen der Band erschien im Januar 2013 das zehnte Studioalbum "Wie wir leben wollen". Wir sprachen mit Tocotronic Frontmann Dirk von Lowtzow über seine Definition von Erfolg, die neurotisierende Macht digitaler Selbstreflexion und seine gefühlte Anonymität im Berliner U-Bahnverkehr.

Eine neue Platte, ein neuer Promo-Marathon. Das ist bekanntlich nicht so euer Ding. Warum nicht?
Weil einfach vieles was man sagen kann völlig wertlos ist. Am Ende ist man fast schon ein wenig angeekelt von seinen Ausführungen, weil man Sachen oft nur schlechter machen kann als sie tatsächlich sind. Man denkt ja oft, dass das was man musikalisch oder mit der Band gemacht hat, ich sag das wertungsfrei, so wie wir es gemacht haben seine bestmögliche Form gefunden hat. Alles darüber hinaus an Erklärungen oder Erläuterungen macht es eigentlich nur langweiliger. Das ist das Dilemma in dem man sich befindet. Aber das geht jetzt fast in Richtung Jammerei und jammernde Musiker sind das Schlimmste.

Ein Major Label-Vertrag bringt das ja mit sich. Zudem ist euer Album "Schall & Wahn" damals auf 1 gechartet. Was bedeutet euch, nach Jahrzehnten des kargen Musikerdaseins, dieser kommerzielle Erfolg?
Grundsätzlich denken wir nicht so stark in Kategorien wie Erfolg oder so. Wir sind immer froh, wenn wir es geschafft haben ein neues Album zu machen. Das macht uns immer sehr glücklich. Das ist vielleicht auch der größte Erfolg. Man versucht sich selbst und das was man macht halbwegs spannend zu halten. Nicht in Routine verfallen, die überall lauert. Speziell im Genre Rockmusik das viele Musiker als Routine betreiben. Ich würde uns als recht glücklich bezeichnen. Natürlich gibt es verschiedene Ausprägungen von Glück. Zum Beispiel wenn Menschen zu unseren Konzerten kommen und man das Gefühl hat nicht ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt zu finden. Pauschal ist die Frage aber schwer zu beantworten.

Ihr hadert aber jetzt nicht mit eurem Schicksal?
Nein, aber Erfolg ist ja auch immer relativ. Ich meine, es gibt Bands in Deutschland, und das muss auch mal gesagt werden, die sind zehn bis zwanzigmal erfolgreicher als wir. Wir sind aber in der ganz glücklichen Situation das wir alles so machen können, wie wir das wollen. Und zwar genau so! Wir müssen keine Kompromisse eingehen. Diese Freiheit haben wir seit relativ langer Zeit.  Wir können zwar keine Reichtümer anhäufen, aber ganz gut davon leben. Aber es ist ja nicht so, dass wir in Deutschland einer der Acts sind die mit Preisen, Geld und goldenen Schallplatten überschüttet werden.

Woran liegt dieses Missverhältnis zwischen gefühlter und tatsächlicher Popularität eurer Band?
Es ist kein Geheimnis: Das Radio ist ein Medium in dem wir nicht bis zum Exzess rauf und runter genudelt werden. Das liegt sicherlich einerseits an der Art unsere Musik zu komponieren und letztendlich auch an der Art wie wir produzieren. Andererseits natürlich an der extrem biederen Mentalität deutscher Radiosender.

War das zu Beginn eurer Karriere auch schon der Fall?
Damals nicht und heute auch nicht. Ich glaube die Sachen die wir gemacht haben, die waren immer eher eigentümlich in ihrer Art. Ich sage das aber bewusst wertungsfrei, denn ich weiß ja nicht ob das eine Qualität der Sachen ist. Es ist offensichtlich, um eine ganz breite Masse anzusprechen, dafür besitzen unsere Stücke nicht genug…..(überlegt)…..Ja. (lacht)

Was ihr besitzt sind treue Fans, die jeden Fitzel von Euch begierig aufsaugen. Gönnst Du dir manchmal einen Blick auf die diversen Tocotronic Fanseiten und Foren?
Nein, ich lese das nicht. Man darf das nicht lesen. Ich glaube alle in der Band lesen grundsätzlich keine Interneteinträge über uns. Zumindest versuchen wir das zu vermeiden, weil es eine der neurotisierendsten Sachen ist, die es gibt.

Weil man irgendwann anfängt mit seinem Spiegelbild zu flirten?
Weil auch Leute wie wir, die grundsätzlich vom Alter her nicht mit dem Internet sozialisiert worden sind, dem zuviel Bedeutung beimessen. Das kann  einen mitunter tagelang verfolgen was irgendein Typ, und im Internet blüht ja geradezu die unqualifizierte Meinung, über uns denkt. Für uns, die wir nicht damit aufgewachsen sind, ist es sehr schwer einen Umgang damit zu erlernen, so dass man es eben nicht wie ein gedrucktes Wort auffasst. Deshalb müssen Leute wie wir, die sowieso immer auf etwas dünnem Eis gehen, so etwas meiden. Um bildlich zu sprechen: Wie der Teufel das Weihwasser.

Das Spontane des Internet entspricht nicht eurer Form der Kommunikation?
Nein. Man möchte doch auch nicht immer wissen was die Leute von einem denken. Das Schlimme ist doch das jeder permanent im Spiegel von allen anderen ist. Das produziert doch auch so einen gewissen Geständnis- und Ehrlichkeitszwang. Ich möchte das alles gar nicht wissen.

Abgesehen von den geistigen Ergüssen mitteilungsfreudiger Mitmenschen, wie verhält es sich mit deiner realen Privatsphäre. Kommst du als Tocotronic Frontmann unerkannt durch die Stadt?
Ja. Wir sind in der glücklichen Situation respektiert zu werden. Ich finde es ganz toll, dass wir so viele Leute haben die uns folgen und das toll finden was wir machen. Und gleichzeitig genießen wir die größtmögliche Anonymität. Es passiert vielleicht einmal im Jahr das mich jemand anspricht. Ich glaube gerade von Journalisten wird die Popularität von Musiker gerne überschätzt. Es ist natürlich für jemanden wie Peter Fox mittlerweile fast unmöglich in Berlin noch U-Bahn zu fahren, aber bei uns ist es, und das kann ich Dir versichern, noch sehr gut möglich.

 

Latest from Interviews

Go to Top