Auch dein Vater war ein DJ in Goa, Indien. Du hast in den 90ern angefangen aufzulegen und bist inzwischen überall in der Welt aufgetreten. Du legst jetzt schon seit 23 Jahren Platten auf. Macht das DJ-Leben immer noch Spaß?

Ich liebe es immer noch als DJ auf guten Partys zu spielen. Das ist fantastisch. Im Allgemeinen habe ich so eine Auf-und-ab-Beziehung mit dem Leben als DJ. Meistens liebe ich es. Ich beschwere mich nicht, es ist ein tolles Leben.

Was ist dann eine gute Party für dich?

Partys im Allgemeinen sind mir eigentlich egal. Was ich meine, ist vielmehr: Ich liebe das Gefühl, in einer guten Umgebung aufzulegen, in ein gutem Club mit tollem Sound und den richtigen Leuten. Es geht mir um den Kontakt und Austausch mit dem Publikum. In diesen Momenten, wenn du im Mix vertieft bist, eine neue Platte auflegst, davon nur die Hi-Hat rein mixt und die Leute ausflippen, dann bist du ganz nah dran am Spirit der Musik. Das ist ein wirklich spezielles Gefühl, dass du sonst kaum bei anderen Möglichkeiten bekommen kannst. Die soziale Seite am DJ-Leben ist schön, den Leuten die Musik präsentieren zu können, die ich liebe. Das ist, wie wenn man Freunden etwas Neues vorspielt, auf das man wirklich stolz ist. Das ist ein wirkliches großartiges Gefühl. Im normalen Leben bin ich nicht sehr gesellig. Ich bin glücklich damit, die meiste Zeit allein zu sein, was auch gut für das ständige Reisen ist. So bedeutet das DJ-Leben für mich, in Kontakt mit Leuten zu treten. Wenn ich das DJing nicht hätte, möchte ich nicht ein verrückter Typ sein, der alleine und abgeschottet in einem Schloss lebt. 

Und was sind die Nachteile des DJ-Lebens?

Die Reisen sind so extrem, dass es schwierig ist in den anderen Bereichen des Lebens genug Schwungkraft zu haben. Kreativ gesehen, bin ich immer dabei zu sagen, das mache ich nächste Woche fertig. Ich bin also ständig am Verschieben der Dinge auf später. Das ist weit weg von meiner romantischen Idee des Produzierens, wenn man sich für drei Monate in einem Studio in den Bergen abschottet, offen ist für alles Mögliche und mit irgendeinem verrückten Sound zurückkommt. Das DJ-Reisen ist verantwortlich für eine abgehackte Beziehung zu Arbeit und Zeit, wenn du gerade an etwas arbeitest, und dann zu einem Gig fliegen musst. Und es ist wohl ziemlich unsexy, was ich jetzt sage: Party, Sex und Geld. Der DJ-Lebensstil ist unglaublich, wir wissen das alle, aber auf der anderen Seite auch absolut nicht glamourös. Viele DJs, die ich kenne, leiden darunter, total erschöpft zu sein. Dieser ständige Schlafentzug macht dich wirklich müde auf die Dauer. Okay, das geht schon mal für ein, zwei oder fünf Jahre, aber auf lange Sicht, überlegst du dann doch schon mal, was du deinem Gehirn tatsächlich antust, wenn du das für 20 Jahre machst. Vielleicht wäre ich jetzt eine Genie (lacht). 

Tiga, Interview, 030 Magazin

Foto ©: Femme de Sarkozy

Du willst wahrscheinlich nicht ewig als DJ durch die Welt jetten? 

Ich weiß nicht. Manchmal habe ich mir schon gesagt, ich will damit aufhören, wenn ich 40 oder 45 Jahre alt bin. 

Jetzt bist du aber schon über 40 Jahre alt.

Ja (lacht). Wenn ich mir Leute anschaue wie Carl Cox oder Sven Väth: Die haben immer noch Spaß dabei, genauso wie ich auch. So ist es schon hart, sich ein Limit zu setzten. Ich denke, solange du noch Spaß an der Sache hast und kreativ bist, ist es ein gutes Leben.

Wenn wir über deine Karriere reden, müssen wir natürlich auch über „Sunglasses at Night“ sprechen. Besonders in Deutschland war deine Version des Songs von Corey Hart 2001 ein großer Hit. Spielst du den Song immer noch, wenn du auflegst?

Manchmal, wenn ich eine Live-Show zusammen mit Jori Hulkkonen spiele. Mit ihm habe ich den Song damals produziert. Ich habe diesen Song eigentlich nie so richtig gemocht. Aber offensichtlich war er mein Ticket in diese Welt und dadurch sind alle meine Träume wahr geworden. So sollte ich glücklich darüber sein. Für eine lange Zeit habe ich ihn nicht mehr als DJ gespielt, aber jetzt für die Live-Shows wieder ins Set genommen. Wir machen eine gekürzte Version, fast unplugged, nur meine Stimme und ein Synthie. Bei einer Musik-Karriere ist es immer so, dass die Leute nie deine erste Einführung vergessen, was auch immer es ist. Immerhin ist es schon 15 Jahre her, dass ich damit bekannt geworden bin. Das ist schon verrückt, und ich bin immer wieder überrascht darüber, wie viele Leute den Song kennen. 

„Sunglasses at Night“ ist ein Coversong. Was magst du besonders daran, Remakes zu machen?

Remakes zu machen ist ein bisschen wie schauspielern. Man kann sich hinter den Lyrics von jemand anderen verstecken. Und du kannst es produzieren in einer neuen Art und Weise, was manchmal sehr entspannend sein kann. Das ist wie eine Flucht, wenn der kreative Druck, etwas Neues zu machen, sich selbst zu stimulieren, einfach zu hoch wird. Am Anfang beginnst du mit Nichts, am Ende des Tages schaust du was dabei herausgekommen ist. Gewöhnlich ist dieser Druck für mich in Ordnung, aber manchmal willst du unbedingt etwas fertig produzieren oder du brauchst in einer Kollaboration mit einem anderen Künstler etwas, das dich voranbringt. Manchmal brauchst du das Gefühl, etwas vollbracht zu haben, selbst wenn es nicht dein eigenes Material ist. Für solche Zeiten ist ein Remake eine großartige Gelegenheit. Ich denke, dass das schon immer einer der Hauptgründe war, wenn Künstler einen Coversong gemacht haben. 

Mitte der 90er Jahre hast du einen Plattenladen betrieben. Damals haben die Leute noch Platten gekauft. Durch die Digitalisierung von Musik und den Formatwechsel von Vinyl zu CD und zu MP3 hat sich in den letzten 20 Jahren einiges verändert: MP3, alles ist frei. Wie denkst du über diese Umsonst-Kultur von Musik im Internet?  

Die Diskussion über dieses Thema ist eigentlich schon vorbei. Für viele Jahre war das ein Aspekt, aber mich hat das nie wirklich gestört. Ich war nie so bewahrend und verklemmt hinsichtlich Copyrights. Die Idee, Musik zu teilen, hat mich nicht schockiert. Aber jetzt, einige Jahre später, nachdem dieser Krieg nun vorbei ist, und unsere Gesellschaft akzeptiert hat, dass Musik umsonst ist, habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie verrückt das eigentlich ist: Musik ist doch etwas, was den Leuten wirklich wichtig ist. Musik berührt die Menschen und bringt sie zum Fühlen. Eigentlich würden die Leute doch dafür zahlen, aber es ist umsonst. Stell dir einfach mal vor, dass das Essen in einem tollen Restaurant, über das jeder spricht, umsonst ist. Weil sie dort so gutes Essen haben, will jeder hin und spart Geld, um dort Essen gehen zu können. Und auf einmal kostet es nichts mehr. Das ist für mich das dasselbe Level. Bei diesem ganzen Hyperkapitalismus in den letzten 20 Jahren, dem Verrücktspielen der Finanzwelt, beherrscht Geld die Welt, gleichzeitig ist Musik umsonst. Das ist doch seltsam.

Die Diskussion über dieses Thema mag veraltet sein, aber es betrifft Künstler und ihre Musik bis heute. Warum machst du ein neues Album, wenn die Musik sowieso frei verfügbar im Internet ist und sich kaum noch verkauft?

Ich verknüpfe Geldverdienen nicht mit dem Veröffentlichen von einem neuen Album. Mein Geld verdiene ich als DJ.

Ist das ein Promotion-Tool für dich oder was ist dann der Sinn eines neuen Albums? 

Ich habe immer noch diese alte romantische Vorstellung vom Musikmachen, dass du alle paar Jahre ein neues Album machst. Es geht darum, Snapshots davon zu sammeln, wo man sich als Künstler gerade befindet. Viele Leute machen einfach nur Singles. Das ist der logische Mechanismus des Business, besonders für Dance Music-Künstler ist das sinnvoll. Zwei bis drei Singles pro Jahr halten dich als DJ am Laufen. Aber das Schöne an einem Album ist doch, dass es dir die Möglichkeit gibt, auch andere Arten von Musik zu machen. Auf der anderen Seite braucht ein Album viel Zeit, Energie und Arbeit. Vielleicht ist das inzwischen überholt, aber ich bin da wohl ein bisschen altmodisch. 

TIGA

Du warst schon oft in Berlin. Was gefällt dir an der Stadt? 

Berlin ist die Stadt, die mein Leben verändert hat. Ich war hier 1992 das erste Mal wegen der Loveparade, noch bevor ich mit dem DJing begonnen habe. Es war das klassische Berlinerlebnis. Ich war in Clubs wie E-Werk und Tresor unterwegs und habe verrückte Leute getroffen. Wenn du Techno liebst, dann war Berlin das Mekka. Berlin hat mir das Feuer gegeben, das bis heute in mir lodert. In den 2000er-Jahren bin ich dann als DJ zurückgekommen und habe regelmäßig im Cookies gespielt. Ich habe noch gute Erinnerungen an diese Zeit. Dann ging es weiter mit wunderbaren DJ-Gigs in der Panoramabar. Aktuell ist meine Beziehung mit Berlin nicht mehr so persönlich. Ich verbringe hier nicht mehr so viel Zeit. Ich habe jetzt ein anderes Gefühl, wenn ich hier bin, aber Berlin ist immer noch ein unglaublicher Ort, es ist sehr populär geworden. 

Viele deiner DJ-Kollegen sind nach Berlin gezogen, wäre das auch eine Option für dich? 

In den alten Zeiten sicher. Vielleicht wäre das früher für mich ziemlich großartig gewesen. Ich habe damals ein wenig darüber nachgedacht, aber heute gefällt es mir in Montreal einfach zu gut, weil ich dort weit weg von allem bin. Für mich ist in Berlin zu viel Action. Aber die Stadt strahlt immer noch dieses Magische aus. 

Ich höre das immer wieder. Was denkst du, woher kommt diese Magie von Berlin?

Wir alle haben eine persönliche Geschichte, die uns mit Berlin verbindet. Für mich ist das wie „Sunglasses at Night“. Es ist der Einstieg, das erste Erlebnis, ein spezielles Gefühl, also etwas, an das ich mich immer erinnern werde. Berlin ist eine Techno-Stadt und versteht diese Idee von instrumentaler Underground-Musik. Wenn du Hip-Hop magst, dann solltest du vielleicht nach Atlanta, New York oder LA gehen. Magst du Techno, dann gehe nach Berlin. 

Tiga – “No Fantasy Required” ist bei Counter Records erschienen.

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