„Future Politics“ ist eine Kampfansage. Schluss mit Dystopien und Apathie. Was wäre, wenn wir die Welt transformieren? Viele einsame Stunden wühlte Frontfrau Katie Stelmanis in Büchern nach Antworten. Der Effekt: Mehr Umwelt-Beobachtungen statt Introspektive, treibende Rhythmen statt theatralischem Goth-Pop, für ein Album, das den Wandel besingt. Mit [030] sprach Stelmanis über soziale Depression, Gesellschaftsmodelle und Star Trek.


„Olympia“ war bereits ein überaus politisches Album, wenn auch egozentristisch. Mit „Future Politics“ nimmst du mehrfach die Rolle eines Voyeurs an, wenn es um Kapitalismus-Kritik geht. Woher kommt der Perspektivenwechsel?

Stimmt. Wobei das immer noch alles stark von meiner Sicht auf die Welt geprägt ist. Es mag daran liegen, dass ich in Montreal das erste Mal zielgerichtet Lyrics geschrieben habe. Ich habe mich dort unglaublich alleine gefühlt und jeden Tag Unheil bringenden Infos konsumiert. Da war eine sehr persönliche Traurigkeit, die sich mit einer kollektiven, sozialen Depression vermischt hat. Dem musste ich Ausdruck verleihen.

Den zweiten Teil des Albums hast du in Mexico City fertiggestellt. Welchen Einfluss hatte die Stadt auf den Prozess?

Montreal war für mich eine dunkle Phase. Erst in Mexiko, diesem schillernden Ort, sah ich, dass es zu einfach ist, die Welt-Umstände einfach zu akzeptieren. Das veränderte alles. Ich sah, dass es Optionen gibt.

Dabei ist gerade das Alltagsleben in Mexiko von Korruption und Abhängigkeiten gegenüber den USA geprägt. Die Folgen der Kolonialzeit sind noch heute spürbar. 

Klar, aber rein physisch war hatte die Stadt für mich etwas Spirituelles. Und vielleicht habe ich genau deswegen dort Optimismus für Alternativen geschöpft. Unsere Generation akzeptiert die Apokalypse, als sei sie unvermeidbar. Das ist sie nicht.

Wenn du von „unsere Generation“ sprichst – wen genau meinst du?

Ich meine diese ganze „Millennium“-Generation. Die ist komplett teilnahmslos. „What If We Were Alive“ handelt davon. Wir sind indifferent gegenüber allem. Wobei ich das nicht mal verübeln kann. Es ist nicht unser Fehler.

Sondern?

Ich denke, wir sind in einer ultimal dominierten Zeit aufgewachsen. Die Medien werden mehr denn je kontrolliert und die Verführung, den ganzen Tag im Internet und den sozialen Medien abzuhängen, ist groß – bis zu dem Punkt, an dem man weder selber denken kann, noch Kontakt zur echten Außenwelt hat.

Wie ist der Wandel innerhalb einer solchen Gesellschaft deiner Meinung nach möglich?

Ich habe nicht alle Antworten, aber ich denke, es fängt mit der Erkenntnis an, dass die Grenzen, die uns um umgeben, nicht echt sind. Unsere Regierungen wollen uns das glauben lassen, weil alle Gegenvorschläge nicht der Vorstellung entsprechen, wie wir als Gesellschaft funktionieren sollen – sprich, wie wir Geld machen und wie wir es ausgeben.

Und was machen wir mit dieser Erkenntnis? 

Ich finde die Theorie des Akzelerationismus interessant. Nachdem ich das Manifest gelesen habe, schrieb ich „Future Politics“. Die Grundidee: Technologien werden uns vom Kapitalismus befreien. 

Erstaunliche These, wenn man bedenkt, dass es die Einführung von Technologie war, die dazu verhalf, kapitalistische Strukturen auszuweiten und die Teilung der Arbeit zu steigern. Umso mehr Technologie, umso weniger benötigt man den einzelnen Arbeiter. Damit wird Kapital überhaupt erst konzentriert.

Hast du mal „Star Trek“ gesehen? Die haben dort eine Maschine, der du sagen kannst: „Gib mir einen Hamburger aus New York von 1978“ – und du wirst ihn bekommen. Auf diese Weise wird Kapital komplett überflüssig. Wenn Maschinen alle menschliche Arbeit ersetzen und niemand mehr arbeitet, dann öffnet das die Möglichkeit für völlig neue Gesellschaftsmodelle.

So viel zu den Utopien. „43“, der letzte Song, handelt von den 43 vermissten Studenten aus Mexiko. Da fragt man sich: Warum ein so apokalyptisches Ende für ein Album, dass apokalyptisches Denken austreiben soll? 

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Mist, vielleicht war das eine dumme Idee!? Aber sieh es mal so: Ich möchte zeigen, dass sich alles ändern kann und dass sich Menschen mit der Idee des Wandels auseinandersetzen. Das ist das Wichtige, wenn wir über Politik nachdenken. Es gibt kein „geht nicht anders“. Wir haben immer die Wahl. 

Mehr zu Austra in unserer aktuellen [030]-Printausgabe!

Austra – „Future Politics“ erscheint am 20.1.17 über Domino Records.

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Titelfoto: © Renata Raksha