Sportfreunde Stiller kennen beide Seiten – die guten wie die schlechten Zeiten; Hits, Stadionkonzerte und das Leben danach mit dem lästigen WM-Buben-Image. 20 Jahre macht das Pop-Trio aus Bayern nun schon Musik. Gefeiert wird das Jubiläum mit dem neuen Album „Sturm und Stille“ – nicht jedoch, ohne ein bisschen nachdenklich zu werden

Es wird sich erinnert und über das Älterwerden nachgedacht. Die Botschaft: Raus in den Rausch – neue Wege wagen! Doch wie lebt es sich mit 20 Jahren Erfahrung und dem Drang, noch mal Neues zu erleben? Mit "Rüde" Linhof (Bass, Keyboard, Gesang) sprachen wir über Aufbruchstimmung und Entscheidungsmut.

20 Jahre, sieben Alben – wie fühlt sich das an?

Die Momente, in denen mir das bewusst wird, beuteln mich immer ganz kurz. 

Spiegelbildschock?

Früher waren 20 Jahre was für Archäologen. Ich denke immer: „Krass, du bist 20 Jahre älter und machst immer noch dieses Ding“ Es hängen so viele Erlebnisse an der Band. Einfach schön, dass das Leben unerwartet noch schöner verlaufen ist, als ich es mir mit 16 im Kopf zurechtgestrickt habe.

Ganz schön Glück gehabt? Oder das Ergebnis harter Arbeit?

Harte Arbeit ist es gar nicht – eher ein Nachspüren, worauf man Bock hat, dem nachzugehen und sich irgendwann daran zu gewöhnen, dass es von Belang ist, was man selber möchte. Viele denken nicht mehr daran, was sie selber möchten, sondern nur, was erwartet wird.

Kannst du es verübeln?

Nee, ich merke gerade in meinem Alter, dass sich viele an die Wand gepresst fühlen – von diesem ständigen Druck Aufgaben gerecht werden zu müssen. Je älter du wirst und diesen Weg gehst, vielleicht eine Familie hast und das machst, was die anderen machen, desto tiefer landet man in der Optionslosigkeit.

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Niederbayern: Sturm kommt auf. Die Frisur? Sitzt.

„Ich will neue Wege wagen, Zähne in das Leben schlagen“, heißt es auf dem Opener. Klingt erst mal wie ein Plädoyer für's auf die Kacke hauen mit Mitte vierzig.

Hat man das Gefühl, dass sich der alte Weg ausgelaufen hat, muss man etwas Neues anfangen – ob es die Beziehung oder der Beruf ist. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Es fängt mit dem Vorhaben an. Ab und an braucht man das Gefühl, selber Entscheidungen zu fällen. Den Luxus haben wir ja in unserem Land – wenn wir es uns nur zutrauen.

Habt ihr in diesen 20 Jahren eine Entscheidung getroffen, die alles verändert hat?

Ja, 2001 wurden wir fürs Bizarre-Festival gebucht. Das war der Hammer – bis wir erfahren haben, dass wir um halb vier im Hangar spielen. Da lagen nur Bierleichen. Als wir auf die Bühne sind, war der Hangar voll. Wir dachten: „So kann es sich anfühlen, wenn man erfolgreich ist“ Aber wenn die Lieder nicht passen, ist man schnell weg vom Fenster.

Das habt ihr nach dem WM-Song erlebt.

Ja. Alle haben gesagt, wir werden die Größten. In Wirklichkeit kamen wir uns wie die gleichen Pfeifen vor. Dann hieß es: „Zum nächsten Album: Fetteste Touren!“ Wir haben die nächste Platte aufgenommen und die Hallen waren halb gefüllt. Da kamen noch 4000 Leute. Auf der Tour darauf 400. Das war mal eine Schussfahrt nach unten. (lacht)

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Und sie lachen immer noch.

Bereut ihr diese Fehlentscheidung?

Nee! Was danach kam, war krass. Leute sind mit Deutschlandflaggen auf unsere Konzerte und wir so „Hey, ihr seid hier falsch!“. Aber ich kann nichts bereuen, nur was richtigstellen.

Ich halte fest: Es geht euch um Optimismus und Entscheidungsmut – egal an welchem Punkt im Leben?

Mir geht es in Zeiten der Instrumentalisierung von Angst darum, Musik mit einem positiven Blickwinkel zu machen. Bei der reaktionären Haltung, die von Gruppen wie dieser Partei, die ich namentlich nicht promoten will, eingefordert wird, bin ich froh, in ein anderes Horn zu blasen.

Lebensfreude gegen Angstmache?

Naja, es geht nicht um Berieselung. Es geht darum, ein Leben nicht kleinzureden, das an einem Ort wie diesem stattfindet. Wenn ich nicht hier leben will, wo denn dann?

Sportfreunde Stiller – "Sturm & Stille" erschien am 7. Oktober über Vertigo Berlin (Universal Music).