Wie funktioniert die Kreativwirtschaft des Techno? Jan-Michael Kühn hat nach Antworten geforscht. Als DJ Fresh Meat und Blogger kennt er die Praxis seit gut zehn Jahren – nun hat er das Ganze an der TU Berlin im Rahmen seiner soziologischen Diplomarbeit analysiert „Die Wirtschaft der Techno-Szene – Arbeiten in einer subkulturellen Ökonomie“ heißt seine Dissertation, die sich mit der Logik von Subkulturen auseinandersetzt. Ein Gespräch über Szene-Commitments, Faszination und den Bock-Faktor.

Bis jetzt gab es so gut wie keine Wirtschaftstheorien für Musikszenen. Woran liegt das?

Zumindest keine, die sich mit den Spezifika von Musikszenen auseinandergesetzt haben – was es bedeutet, in ihnen zu arbeiten und zu wirtschaften. Die Lobby dafür ist in der Soziologie nicht groß. Ich wollte zeigen, wie Abgrenzung und Wirtschaften zusammen funktionieren. 

Klingt erst mal widersprüchlich: Abgrenzen bei gleichzeitigem Wirtschaften. Wie funktioniert das?

Stimmt, aber der Punkt ist: Man nutzt die Abgrenzung, um zu wirtschaften. Das geht nur, wenn man sich einen eigenen ästhetischen Kern bewahrt. Solange man den hat und Leute Bock auf die Sache haben, kann man eine Subkultur wirtschaftlich nutzen. Verführungskraft ist wichtig. 

Jan-Michael Kühn und seine Lieblingsplatte

Jan-Michael Kühn und seine Lieblingsplatte

Hast du dafür ein Paradebeispiel? 

Das Berghain, aber eigentlich kannst du alle großen Clubs nehmen. Die leben alle von Deutungen, Zuschreibenden und einer darauf basierenden Öffentlichkeitspolitik. Im Berghain herrscht im Grunde wenig Kreativität: jedes Wochenende die gleichen Events, aber in einer Perfektion und genau so, wie es dem Zeitgeist entspricht. Faszination ist die halbe Miete. 

Was genau hebt Techno in diesem Punkt von der Popkultur ab? Geht es da nicht genauso um um Faszination und Identifikation? 

Klar, du findest das auch beim Pop oder Hip-Hop. Der Unterschied: Du haust nicht ein Stück raus und willst so viel wie möglich verkaufen – du machst ein persönliches commitment. Beim Techno hast du Tracks statt Songs, DJs statt Songwriter. Wenn du Techno genießen willst, gehst du in den Club, nicht zum Konzert. Das ist eine eigene Infrastruktur – nicht nur in der Organisation, sondern auch in dem kulturellen Produkt.

Du hast vorhin von Subkulturen gesprochen. Gibt es die wirklich noch? Wurde nicht so ziemlich alles schon mal kommerziell ausgeschlachtet?

Das ist in der Tat beim Pop genauso wie beim Techno: Du kannst Subkultur nicht als Räume verstehen, die ohne Kontakt zur Außenwelt existieren. Musikszenen sind kulturelle Felder mit einer Schwelle zum Kommerziellen. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem für ein Individuum die Schwelle überschritten wird, doch die Linie ist nicht klar definiert.

Glaubst du, die Techno-Hochphase Berlins ist vorbei oder siehst du immer noch kreatives Potenzial?

Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Es kommen viele Kreative nach Berlin.

Trotzdem verschwinden immer mehr subkulturelle Räume.

Ja, aber nicht, weil es keine Kreativen gibt, sondern weil viele von ihnen keine subkulturelle Orientierung mehr haben. Die wollen irgendwann auch mal Geld verdienen.

Kann politische Förderung eine Lösung sein?

Ich denke nein. Musikszenen müssen ein hartes Pflaster sein. Ohne Politik bleibt es am spannendsten. Sobald Gelder fließen, zieht das Leute an, die nicht dabei sind, weil es eine Herzenssache ist, sondern weil es aufgeblasen werden soll. Subkulturen leisten am meisten für die Gesellschaft, wenn man sie komplett in Ruhe lässt. 

Jan-Michael Kühn am 25.11. auf der "Stadt Nach Acht"-Konferenz