Tiga Sontag gibt Techno ein Gesicht und eine Stimme. Sein Gesang ist auf seinen Tracks zu einem Markenzeichen geworden. Der kanadische DJ, Produzent und Sänger ist ein Gradwanderer zwischen Techno und Pop. Underground-Beats und coole Club-Sounds bilden bei ihm keine Gegensätze zu eingängigen Melodien und emotionalen Liebesliedern. Tiga ist ein Techno-Don mit Leidenschaft und Charakter, was ihn von Ibiza bis Berlin zu einem gefragten Künstler macht. 

Besonders in Deutschland und England wurde Tiga bekannt durch seine Coverversion des 80er-Jahre Songs „Sunglasses at Night“ von Corey Hart. Die von ihm neu eingesungene und gemeinsam mit dem Finnen Jori Hulkkonen alias Zyntherius produzierte Nummer traf 2001 den Nerv der damals angesagten Electroclash-Szene und war ein Top-20-Hit in den deutschen und englischen Charts. Das am 4. März 2016 erscheinende Album "No Fantasy Required" (Counter Records) ist Tigas drittes Künstler-Album (siehe Info-Box). Im Interview mit dem [030] Magazin spricht Tiga über die Vor- und Nachteile des DJ-Lebens, sein Faible für Coverversionen und musikalische Kollaborationen, sein heutiges Verhältnis zu seinem alten Hit „Sunglasses at Night“, seine Liebe zu Berlin und über die freie Verfügbarkeit von digitaler Musik im Internet.

Dein Sound bewegt sich zwischen Underground-Techno und Pop. Du gibst Techno ein Gesicht und wurdest mal als Techno-Poster-Boy bezeichnet. Kannst du damit immer noch leben?

Techno-Poster-Boy habe ich noch nicht gehört (lacht). Ich habe damit zwar kein Problem, aber eigentlich ist das jetzt nicht mehr so treffend für mich. Als ich noch jünger war, am Anfang meiner Karriere, war sowas schon ok für mich. Ich liebe Techno, ich bin damit aufgewachsen. Das ist die Musik, für die ich die Schule verlassen habe, die mein Leben geändert hat – ich höre sogar zuhause noch Techno. Aber in den letzten fünf Jahren hat sich schon etwas für mich geändert: Ich bin jetzt nicht mehr jede Woche in den Clubs unterwegs. Ich kaufe zwar immer noch Platten und Techno ist nach wie vor ein großer Einfluss für mich, aber ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch ein akkurater Poster-Boy bin. Allerdings mag ich es, das Feeling von Underground-Sounds mit etwas mehr poppigen Sachen zu verbinden. Das passt durchaus zu mir. Auf meinem neuen Album gibt es ein paar Tracks, die fast sowas wie Pop-Love-Songs sind. Dazu habe ich viele Samples von alten Techno-Tracks genommen, die ich gepitcht, bearbeitet und verändert habe. So steckt in meinen neuen Songs viel altes Techno-Vinyl der Jahre 1993 bis 95. 

Die 90er Jahre als Techno-Einfluss hört man sehr stark auf deinem neuen Album. Was gefällt dir auf der anderen Seite an Popmusik?

Pop ist auf eine gewisse Weise sehr demokratisch. Ein guter Popsong kann von überall her kommen. Das kann ein Song von Drake sein, Rihanna oder Kraftwerk, David Bowie oder Prince. Pop ist dieses Magische oder auch dieses Dumme, wenn jemand davon träumt, die Welt zu erobern. Mir gefällt, dass man etwas Kleines schaffen kann, sei es eine Melodie oder ein paar Wörter, das dann alle Leute bewegt und berührt. Pop ist nicht etwas Gegenständliches. Nicht jeder mag Techno, das ist eher ein persönliches Ding wie für mich. Bei Pop ist das anders, sogar wenn du Pop nicht magst, bleibt eine Melodie im Kopf oder im Ohr hängen. Mir gefällt die Ambition von Popmusik, wenn sie gut gemacht ist. 

Du gibst Techno nicht nur ein Gesicht, du gibst Techno auch eine Stimme. Dein Gesang ist zu deinem Markenzeichen geworden. Früher war deine Stimme klar zu hören, auf dem neuen Album experimentierst du mit Verfremdungen und Effekten. Wie kommt dieser Wandel?

Ich möchte meine Stimme auf unterschiedliche Arten und ein bisschen umfangreicher hören. Wenn ich wie Witney Houston singen könnte, vielleicht würde ich dann auf die Effekte verzichten (lacht). Ja, das ist schon seltsam, denn ich hatte bei mir selbst eigentlich nie an einen Sänger gedacht. Ich hatte keine Pläne dafür, das ist einfach passiert. Dann hatte ich eine Zeit, wo ich nur instrumentale Tracks veröffentlich und viele Remixe gemacht habe. Und jetzt ist es schwierig für mich, etwas ohne Stimme zu machen, weil sich der Song sonst irgendwie leer anfühlt. Ich habe meine Stimme als eine neue Klangschicht behandelt, wie eine Hook, wenn ich zum Beispiel singe: ‘Let’s go Dancing‘ oder was auch immer. Bei diesem Album habe ich versucht, das Ganze auszuweiten und meinem Gesang mehr Feeling durch Effekte und Prozessoren zu geben, so als wäre es ein Duett mit verschiedenen Stimmen. Das ist nichts radikal Neues bei mir, es ist nur ein anderer Weg mit der Stimme umzugehen. Das gibt ihr eine andere Farbe. 

Tiga, Interview, 030 Magazin

Foto ©: Femme de Sarkozy

Das gibt dem Song auch eine andere Atmosphäre. Eine dunkle verfremdete Stimme passt zu einem Track für eine Afterhour. 

Ja, stimmt. Aber weißt du, manche Leute sind sehr intelligent und planen alles genau. Bei mir aber passieren die Sachen einfach auch nur durch Zufall. Ich habe dieses Markenzeichen niemals geplant und durchentwickelt. Es ist einfach passiert, aber mein Vokal-Sound ist durchaus unverwechselbar geworden. Ich mache normalerweise meine Stimme sehr laut im Mix, wenig bearbeitet, packe sie oben drauf, dadurch ist der Gesang sehr präsent. Jetzt ist es, wie du gesagt hast, mehr atmosphärisch, mehr mit Dub und Reverb, so bekommt meine Stimme ein anderes Gefühl. 

Du hast mit einer Reihe von sehr unterschiedlichen Künstlern auf deinem neuen Album zusammengearbeitet: Hudson Mohawke, Matthew Dear, Martin Buttrich und dein alter Kumpel Jori Hulkonnen ist auch wieder mit dabei. Wie kam es zu dieser Auswahl? 

Auch das war ein natürlicher Prozess. Bei mir funktioniert das nicht wie bei einem Plattenlabel oder einem Manager, der so etwas plant. Wir spielen zusammen auf einer Party oder man trifft sich zufällig im Flugzeug. Wir haben Spaß zusammen, wir lachen und verstehen uns, wir sind Freunde. Ich muss die Person mögen, mit der ich zusammenarbeite, ich muss deren Witze mögen, mir muss deren Musik gefallen und umgekehrt. Stilistisch sind das sehr unterschiedliche Leute und so gibt es auf meinem Album ein weites Spektrum an elektronischer Musik. Hudson Mohawke ist total anders als Matthew Dear oder Martin Buttrich. Der gemeinsame Nenner ist die Freundschaft zur mir und alle sind wirklich großartige Produzenten, absolut smart und talentiert.

Was ist der Vorteil von solchen Kollaborationen im Allgemeinen?

Oh, da gibt es viele Vorteile. Zuerst genieße ich die Freundschaften. Dann lerne ich sehr viel von den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite. Sie machen meine Musik besser und oft auch erst möglich. Sie helfen mir, meine Ideen zum Leben zu erwecken, wenn ich Schwierigkeiten habe, es alleine hinzubekommen. Ein weiterer großer Vorteil von musikalischen Kollaborationen ist, dass du gezwungen bist, dich zu beweisen. Das ist ein kreativer Wettstreit. Man will sich gegenseitig beeindrucken, das hält dich jung auf eine bestimmte Art. Und so ist es auch leichter, sich auf neue Dinge einzulassen. 

Gibt es auch Nachteile?

Ein Nachteil ist vielleicht: Wenn du alleine einen Track produzierst, bist du eher dazu bereit, mit ganz verrückten Dingen zu experimentieren, als wenn noch jemand anderes im Studio dabei ist. Alleine bist du eher dazu bereit, dich in ganz gefährliches Terrain vorzuwagen. 

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.