Plattenkritik: Phoenix – Ti Amo

in Musik/Rezensionen

Jetzt wird's geschmeidig: Phoenix packen ihren Wunsch nach Liebe und La Dolce Vita in schillernde Soft Pop-/Disco-Outfits – ohne viele Kanten, aber perfekt für süße Eskapismus-Stunden.



Phoenix, Ti Amo, J-Boy, Review, Rezension, 030 Magazin, BerlinFast schon hätte man gedacht, Phoenix seien nach dem heroischen „Wolfgang Amadeus Phoenix“ (2009) an den Punkt geraten, an dem die Suche nach Über-Singles zum krampfhaften Überengagement führt. Plump überladen kam das 2013er „Bankrupt“ daher. Vier Jahre später scheinen die Versailler genug Zeit zum Durchatmen und Fokussieren gehabt zu haben und legen das Italo Disko-inspirierte, sechste Album vor, das zwar den strahlenden Synth-Schein des Vorgängers beibehält, aber mit Unaufgeregtheit überzeugt. So sind es vor allem die Mid-Tempo-Songs „Fior Di Latto“, „Lovelife“ und „Role Model“ mit ihrer entspannten Laissez-Faire-Gangart und einem Mischmasch aus  französischen, italienischen und englischen Lyrics, die verführen. Was dabei durch das großzügig übergestülpte Romantik-Motto und allerlei Liebeserklärung an Amore Italia zunächst übermäßig kitschig wirkt, entstand in Wirklichkeit aus einem dunklen Kapitel heraus: Am Abend der Anschläge in Paris steckte Gitarrist Christian Mazzalai in einem Studio fest. Wenig später fanden die Aufnahmen in einer alten Oper in Paris statt, während der polotische Rechtsruck von draußen spürbarer wurde. Killing it with kindness, dachten sich Phoenix wohl. Der Schrei, pardon, das Betteln nach Liebe wirkt da nur allzu verständlich. Am Ende ist „Ti Amo“ sicherlich nicht das innovativste Album geworden, aber ein durchaus verzückendes, mit der man der Welt für einen Moment entfliehen kann. Wer dabei nicht gefühlig wird, ist selber schuld.

VÖ: 9.6. / Warner Music
Online erhältlich: iTunes / Amazon

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.