booka shade, get physical, galvany street, archives, craig walker

»Phoenix aus der Asche« – Booka Shade

in Konzert/Nachtleben

Booka Shade sind seit zwei Dekaden Garanten für geistreiche Elektronika und große Live-Shows. Nachdem das Duo mit dem Re-Release ihres 10 Jahre feiernden Durchbruchswerks „Movement“ dem Dance-Kapitel ein würdiges Ende setzte, legen sie eine Kehrtwende ein. Das neue Album „Galvany Street“ bewegt sich fernab funktioneller Clubmusik und kommt mit Ex-Archives-Sänger Craig Walker an Bass und Vocals auf Tour.

„Movement 10“ bildet einen sehr poetischen Schlusspunkt für eure Clubkarriere. War das geplant?

ARNO: Das letzte Jahr war sehr schön, weil wir diesen Abschluss richtig zelebrieren konnten. Wir haben die legendäre Royal Festival Hall in London gespielt und die „Movement 10“ Show beim Sónar Festival debütiert, das 2005 ein Karrierestarter für uns war. Da wussten wir aber schon, dass wir an tollen Sachen arbeiten, die in eine neue Richtung gehen. Es stimmt, dass das Kapitel TechHouse jetzt ad acta gelegt ist.

Innerhalb des Clubsounds habt ihr euch häufig neu erfunden. Selbst nach einem Hit wie „Body Language“ seid ihr der Melody Bassline nicht lange treu geblieben. Hat sich das Genre jetzt erschöpft?

ARNO: Wir haben schon sehr viel gesagt. Wir haben das Glück, starke Songs wie „Body Language“ und „In White Rooms“ zu haben, die die Zeit überstehen werden. Ursprünglich haben wir als junge Kerle mal mit Musik in Richtung Synth Pop angefangen. Wir sind Kinder der 80er, Depeche Mode und New Order sind in unseren Erinnerungen sehr präsent und es war naheliegend, da noch einmal anzusetzen.

WALTER: Wir lieben die Herausforderung und langweilen uns relativ schnell. Deshalb haben auch Songs wie „Body Language“ eine extreme Metamorphose durchgemacht. Die Version, die wir jetzt spielen klingt ganz anders als die, die wir 2004 gespielt haben. Das liegt daran, dass es für uns immer spannend bleiben muss wir nie zu hundert Prozent zufrieden sind. Wenn du mich in einem halben Jahr nach „Galvany Street“ fragst, habe ich wahrscheinlich ein Buch an Änderungen, die ich gerne machen würde. Die Musik ist immer ein Zeitdokument. Eigentlich wollten wir zu „Eve“ schon etwas Wesentliches verändern, waren aber noch gefangen in unserem Sound. Durch das Kennenlernen von Craig und viele neue Einflüsse war jetzt das Selbstvertrauen da, das durchzuziehen.

https://www.youtube.com/watch?v=dmFaHP732js

Craig, ich vermute, du hast ebenfalls einen starken Bezug zu den Einflüssen, die hier ins Spiel kamen?

CRAIG: Über den gemeinsamen Musikgeschmack haben wir uns zuerst verbunden gefühlt. Die Ära der späten 80er, frühen 90er war für mich toll, weil es um Songs ging. Es waren noch nicht die technischen Möglichkeiten, die den Ton angaben. Im TechHouse-Feld werden nicht viele starke Songs geschrieben. Sie klingen technisch großartig, aber es gibt nicht viel, das mich bei einem Song hängen bleiben und ihn mehrfach hören lässt.

Gibt es auch aktuelle Musik, die euch in der Albumproduktion beeinflusst hat?

ARNO: Ich liebe das letzte Tame Impala Album. Es ist sehr trippy durch die Effekte, die er verwendet, aber trotzdem sehr kompakt und gut produziert. Dafür sind auch Booka Shade bekannt. Wir sind nicht bekannt dafür, einen Track innerhalb von fünf Minuten rauszuhauen und einen Vibe zu präsentieren, sondern für präzise und vielschichtige Produktionen. Wir klingen natürlich nicht wie Tame Impala, aber es gibt vermutlich gemeinsame Wurzeln. Das ist das Ding mit Inspirationen. Das Ergebnis kann etwas komplett anderes sein.

WALTER: Auch The Weeknd war ein Act, den wir während der Produktion gehört haben. Er klingt sehr frisch und verweist auch auf die 80er. Popmusik ist heute viel inspirierender als vor fünf Jahren und bei TechHouse und Techno ist es genau umgekehrt. Das ist im Moment sehr flache und langweilige Musik, zu der man im Club ausrasten kann, die man aber nie Zuhause hören würde. Das ist einer unserer Gründe dafür, uns da ein bisschen rauszunehmen und etwas Anderes zu machen.

https://www.youtube.com/watch?v=KEmAjmopFRA

Wie geht ihr damit um, dass das Album in den unterschiedlichen Funktionen Club, Konzert und Home Listening Verwendung finden wird?

ARNO: Es ist definitiv tanzbare Musik. Wir arbeiten hier und da mit Disco Beats, denn wir mögen es, wenn Leute zu unserer Musik tanzen. Es ist aber dann definitiv eher Disco, nach TechHouse sollte es nicht mehr klingen.

WALTER: Wir denken schon seit 15 Jahren nur darüber nach, was wir wollen und nicht, was das Publikum wollen könnte. Was die sehr viel schwerer zu beantwortende Frage ist. Wenn den Anspruch hat, zu finden, was man wirklich will, anstatt auf einen Hype aufzuspringen, dann entsteht Musik, die zeitlos ist. So passiert es, dass jetzt 12 Jahre später ein junger britischer DJ die Bassline von „Body Language“ verwendet und damit einen Welthit landet. (Die Rede ist von Jax Jones’ „You don’t know me“, Anm. d. Red.)

Hat Craigs Gesang die Produktionen stark rückbeeinflusst?

ARNO: Das war schon ein Running Gag. Wir gaben ihm einen Backing Track, dann kamen die Vocals zurück und wir haben die Produktion wieder von Grund auf verändert. Das hat so gut funktioniert, weil wir die ganze Zeit zusammen waren. Es ist heute normal, dass man seine Files quer durch die Welt schickt. Es macht aber einen Unterschied, wenn man zusammensitzt und sich ständig bespricht über die Atmosphäre, die man im Kopf hat.

Craig, kamen die Impulse für deine Texte und Melodien größtenteils aus der Musik?

CRAIG: Absolut. Alles, was ich bekommen habe, waren tolle Produktionen. Sie waren sehr melodisch und hatten erkennbare Parts, was es sehr einfach macht, darauf zu schreiben. Ich mache viel Toplining und manchmal kriege ich Standard Techno Beats und denke, was zur Hölle soll ich darauf schreiben? Dann erwarten die Produzenten im Prinzip, dass ich die gesamte Melodieführung für ihren Track übernehme. Das ist nicht sehr inspirierend.

https://www.youtube.com/watch?v=oTl1K5pO2uw

Durch die enge Arbeit mit einem Sänger seid ihr jetzt in der Lage, zusammen auf Tour zu gehen.

ARNO: Wir haben angefangen, jeden Tag zu proben wie eine richtige Band. Am Ende jeder Probe sind wir sehr müde, denn es ist mehr Arbeit als in der Vergangenheit. Früher waren die Proben hauptsächlich für die Techniker, weil wir uns und unseren Booka Shade Sound schon so gut kannten. Wir präsentieren natürlich das Album, bringen aber alte Songs mit. Einige davon haben wir lange nicht gespielt und spannende neue Arrangements gefunden, die gut mit dem Bass funktionieren.

Eure Bestrebungen, mehr Live Act als DJ-Duo zu sein passen gut dazu, dass die neuen Tracks mit Vocals und einem akustischeren Sound arbeiten.

WALTER: Wir spielen jetzt um 8 Uhr Abends statt um 5 Uhr morgens und das war unser Ziel. Natürlich haben wir die Clubs lange gerne gemacht, aber das Konzertpublikum ist ein Anderes. Oft haben uns Leute erzählt, dass sie dabei waren, als morgens gespielt haben, sich aber nicht erinnern können. Wir reisen also tausende Kilometer, damit das Publikum zu besoffen ist, sich an unseren Auftritt zu erinnern, der zwischen zehn andere DJs gepfercht war.

Es klang aber schon an, dass ihr euch auch aus dem modernen Clubsound raushalten möchtet.

WALTER: Promoter suchen heute nur noch den einen Sound, der das große Ding ist. Früher hat vor uns eine Electro Clash-Band und nach uns ein EDM-DJ gespielt. Das war eine lustige Mischung. Die Situation heute ist ähnlich wie zu den Anfängen von Get Physical. Damals war die ganze Clubszene voller Schranz und Hard Techno. Wir kamen dann wie ein Phoenix aus der Asche. Wir konnten Disco zurückbringen, wir konnten diese Storytelling Basslines zurückbringen. Anfangs wollte das niemand haben, deshalb mussten wir „Body Language“ auf unserem eigenen Label releasen. Es hieß, dafür gebe es keine Nachfrage. Und dann haben wir die Musik in den Clubs verändert. Jetzt muss erneut jemand kommen und sie verändern. Denn man kann sehen, dass die Fans nicht zufrieden damit sind, fünf Stunden lang den selben Sound zu hören und dann besoffen ins Bett zu fallen. Deshalb kommen auch so viele unserer Inspirationen jetzt aus der Popwelt und von Acts wie Diplo, The Weeknd und Tame Impala. Die haben interessantere Sounddesigns als moderne Techno-Acts.


Fotos: Alexander Indra

booka shade, galvany streetBooka Shade – Galvany Street
VÖ: 6.4. / Blaufield Music
Online erhältlich: iTunes / Amazon

Live am DO 6.4. ab 20 Uhr im Columbia Theater