Als sich Deutschrap noch in einer Rezession befand, veröffentlichte Olli Banjo gefeierte Mixtapes und Alben. Heute ist die Szene bunt und vital wie nie und der 40-Jährige will immer noch mitspielen. Auf „Großstadtdschungel“ macht er wie gewohnt alles selbst und hat einiges zu sagen.

Denkst du an deine Wahlheimat Köln, wenn du vom „Großstadtdschungel“ sprichst?

Da hat mich tatsächlich Köln inspiriert. Wir sind zwei Wochen lang durch die Straßen gezogen und haben extrem viel Alkohol getrunken. Irgendwann haben wir so einen filmischen Blick bekommen. Dadurch konnte ich plötzlich einen Grund-Vibe der Stadt fühlen und habe darüber nachgedacht, welchen Einfluss die Stadt wohl auf mich gehabt hat die letzten fünfzehn Jahre. Dann kam ich auf den Song und die Tiermetaphern. „Das sind doch Wasserbüffel eigentlich, die da drüben mit dem Kölsch-Glas sitzen!“ Es ist ein abgründiger Partysong geworden. Es ist schon ein Partysong, hat aber auch politische Momente, weil er die Abgründe zeigt.

Ist der Titel als Konzept zu verstehen, das sich durch das Album zieht?

Das ganze Album hat dieses roughe Feeling. Ich habe viele dirty 90er Jahre-Beats produziert und dann moderne Synthies drübergespielt. Das ist für mich ein Großstadt-Vibe. Zur Inspiration hatte ich beim Beats bauen manchmal das Video zu 99 Problems von Jay-Z ohne Ton laufen.

Nach dem „Wunderkynd“-Album scheinst du wieder Bock auf eine straighte Rap-Platte gehabt zu haben.

Auf jeden Fall. Ich hatte tierisch Bock, zu rappen.

Was nicht falsch verstanden werden sollte: Als Oldschooler und Gegenpol zu modernem HipHop verstehst du dich wahrscheinlich nicht.

Nein, ich finde meinen Sound sogar progressiv und modern. Ich bin sehr inspiriert von Future Beats-Leuten wie zum Beispiel Hudson Mohawke. In erster Linie ist mir wichtig, dass der Sound eigenständig klingt, eine Handschrift hat.

Ambitionierte Beats wollen genau ausproduziert sein, damit sie der Stimme an den richtigen Stellen Raum geben, ohne Stimme aber auch nicht leer klingen. Dir kommt zugute, dass du die Instanzen Produktion und Stimme vereinst.

Ich habe auf „Dynamit“ ein paar Fehler gemacht, wo ich die Beats im Nachhinein zu voll fand. Darüber habe ich bei der neuen Platte viel nachgedacht. Deshalb finde ich auch viele poppige Sachen geil, die Kollabos von Diplo und Skrillex zum Beispiel, die diese Mitte gut finden. Ich hab auch kein Problem damit, wenn mir jemand sagt, dass er „Verdammt lang her“, die Single mit Prinz Pi, zu poppig findet. Ich liebe Popmusik.

Der oberste Kommentar unter besagtem Musikvideo zitiert Böhmermanns „Menschen Leben Tanzen Welt“. Derjenige will wohl implizieren, dass es ein sehr generischer Popsong ist.

Whatever! Darüber denke ich nicht nach. Ich bin ein Bauchmensch. „Großstadtdschungel“ klingt zwar sehr konzeptionell, aber im Endeffekt bin ich ein Bauchmensch. Auch eine „straighte Rap-Platte“ muss variabel sein. Ich habe noch ein 10-Track-Bonus-Album gemacht, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Das höre ich selbst tatsächlich gerade mehr als das eigentliche Album. Diese Songs hätten vom roten Faden her weniger gepasst, von der Qualität her aber auf jeden Fall. Da rappe ich noch komplexer und noch traditioneller Olli Banjo.

Es ist ein schöner Move, der Box anstelle der üblichen Gebrauchsgegenstände einfach ein zweites Album beizulegen. Interessiert dich überhaupt noch, ob du chartest?

Durchaus. Ich wünschte, man könnte sich davon ein bisschen mehr freimachen. Wenn Leute sagen, ihnen ist es scheißegal, finde ich das bewundernswert. Man sollte aber mit den Charts auch vorsichtig sein. Im Januar chartet man beispielsweise automatisch hoch. Manche Leute charten in der ersten Woche nicht und verkaufen dann das ganze Jahr über gut. Man sollte sich lieber die Verkaufszahlen angucken, das ist ein besserer Gradmesser.

Schlägst du eine Brücke zwischen Fans, die dich lange kennen und jungen Deutschrap-Hörern?

Man hofft immer, dass man neue Leute dazu gewinnt. Die Platte habe ich aber wirklich für die Leute gemacht, die Olli Banjo geil finden. Viele Sachen erinnern mich sogar an „Erste Hilfe“, nicht so sehr vom Handwerk, aber vom Geist her.

Wenn man die Anzahl der Feature-Gäste sieht, könnte die Platte schon fast ein „Sparring“-Mixtape sein.

Das ist mir im Nachhinein auch aufgefallen. Da gibt es doch eine Mischung: Samy Deluxe kenne ich schon ewig, PA Sports und KC Rebell habe ich erst jetzt so richtig kennen gelernt und die sprechen natürlich eine jüngere Generation an. Das ist bei mir aber nicht überlegt, sondern eher: „Ey, du bist ein cooler Typ. Lass mal einen Song machen, Alter!“

Mit „Skinhead“, „Roter Panzer“ oder „Wir sind das Volk“ finden sich viele offen politische Songs auf der Platte. Eine Sinneswandlung?

Vor zwei Jahren gab es eine Phase, in der sich im Zuge von PEGIDA und dem IS alle auf Facebook politisch geäußert haben und plötzlich kam ich mir selbst wie ein Sofa-Che Guevara vor. Das wollte ich nicht länger sein, sondern meine Stimme nutzen und nicht mehr nur Punchlines rappen. Deshalb ist diese Platte relativ politisch geworden.

Wie transportierst du diese Messages? „Wir sind das Volk“ ist ein sehr plakativer Slogan.

Zeigefinger finde ich unsexy. Wir rappen auf dem Song aus der Sicht von Spießbürgern und Nazis, haben die Perspektive gewechselt. Zeigefinger finde ich scheinheilig, denn wir haben alle Dreck am Stecken. Ich möchte mich nicht rausnehmen und behaupten, die Anderen machen die Fehler und ich mache Alles richtig. Ich mache überhaupt nicht Alles richtig.

Olli Banjo – Großstadtschungel
VÖ: 28.7. / Bassukah
Online erhätlich: Amazon / iTunes

Fotocredit: Katja Kuhl