Musiktheaterkollektiv glanz&krawall: Runter von der Opernbühne

in Kultur/Stadtleben

glanz&krawall – was bereits nach Remmidemmi klingt, ist eine freie Berliner Theatergruppe um die Regisseurin Marielle Sterra. Mit einem Schauspiel- und Musik-Ensemble verwirklicht das Kollektiv regelmäßig Musiktheater-Projekte, mixt Klassik und Pop und holt im Repertoire verankerte Stoffe ins Heute; nicht des schönen Singsangs wegen, sondern immer mit der Absicht, die Inhalte zeitgenössisch und kritisch aufzuarbeiten.


Theater lebendig machen, lautet das selbst erklärte Ziel. Abseits der eingestaubten Rezeptionsgeschichte filtern Sterra & Co. menschliche Verhaltensweisen aus den Klassikern heraus und ziehen Parallelen zur heutigen Welt. Die Originale muss man als Zuschauer*in nicht zwingend gelesen haben, denn von Anfang bis Ende wird hier eh nichts gespielt. Mutig zerhauen sie das große Ganze in einzelne Sprechtheater- und Musikschnipsel und frickeln zusammen, was sich auf der Bühne spannend vermitteln lässt.

Die Krawall-Truppe
Die Krawall-Truppe

Weg von der Sessellehne, rein ins Geschehen

Techno-Beats treffen da schon mal auf Alban Berg-Motive. Je ungewohnter die Soundwelt, desto besser. Opernklischees sind hier höchstens zum Unterlaufen da. Ungewöhnlich sind auch die Spielstätten: Für die 2015er Inszenierung von „Orfeo“ ging es kurzerhand in das Psychiatriegebäude der Charité. Der Effekt: Das Publikum ist ganz nah dran an den Figuren und wird Teil des Geschehens. „Wir wollen mit den Besuchern spielen und die Grenze zwischen Lehnsessel und Guckkasten aufheben“, erklärt der Dramaturg Dennis Depta. Theater als reale Erfahrung.

Inferno: Österlicher Höllentrip statt Weihnachtswahnsinn

Auch für die aktuelle Inszenierung begibt sich die Truppe auf neues Terrain. Mit „Inferno“ lassen sie am zweiten Advent im Wasserturm des Prenzlauer Bergs Bachs Osterpassion auf Dantes Höllenverse prallen. Als Vorlage dient Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ – die wohl berühmteste Jenseitsreise und Abrechnung mit dem frühen Kapitalismus, geschrieben aus dem politischen Exil. Der besessene Dante wird durch das Höllentor geschickt und trifft auf korrupte Päpste, gierige Bänker und politische Verräter. Am Ende fällt Alighieri sein göttliches Urteil im „Inferno“, das sich wunderbar auf den Politikbetrieb im Jahre 2016 übertragen lässt.

Mehr Krawall als Glanz

Durch die feuchte Dunkelheit folgt das Publikum Dante, gespielt von Schauspieler Tobias Loth, der im Untergrund die Absurditäten des aktuellen politischen Geschehens verarbeitet und ein erschreckendes Bild der Republik zeichnet. Vier Sänger*innen werden mit Bachs Osterpassion zum Politikerchor – der Wasserturm zum Exil und Höllenreich. Wer klare Auflösungen erwartet, wird jedoch – wie immer – enttäuscht. Was nach dem Krawall bleibt, ist ein schales Gefühl und die eine oder andere Irritation. Diskussionen? Erwünscht.

Inferno: Am 3.12. und 4.12. um 19 Uhr und am 3.12. um 21.30 Uhr im Wasserspeicher Prenzlauer Berg.

 

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.