glanz&krawall – was bereits nach Remmidemmi klingt, ist eine freie Berliner Theatergruppe um Regisseurin Marielle Sterra. Mit einem gemischten Ensemble aus Schauspielern, Sängern und Musikern verwirklicht das Kollektiv regelmäßig Musiktheaterprojekte, mixt Klassik und Pop und holt im Repertoire verankerte Stoffe ins Heute – nicht des schönen Singsangs wegen, sondern immer mit der Absicht, die Inhalte zeitgenössisch und kritisch aufzuarbeiten.

Für das neueste Projekt hat sich die glanz&krawall Truppe Bizets Opernklassiker „Carmen“ vorgeknöpft. „Musikertheater-Schlacht“ nennen sie das Ganze. Vom 25.- 28. Februar werden dafür jeden Abend im Theaterdiscounter zwei Frauen sowie ein Kinderinstrumenten-Orchester in den Fokus gerückt. Wir haben vorab mit Regisseurin Marielle Sterra und Dramaturg Dennis Depta über das Konzept, Opern-Klischees und Ausnahmezustände im Aldi gesprochen…

Zunächst einmal: Was unterscheidet eure Inszenierungen von großen Opernproduktionen?

Marielle: Für mich ist es wichtig, dass Theater lebendig ist. In den Strukturen, in denen große Opern produziert werden, ist das oft nicht möglich. Da sind die Proben zu kurz und nicht chronologisch, weil die Stars nicht vor Ort sind. Das ist ein Problem der Institution. In der freien Szene ist das anders.

Welche Mittel nutzt glanz&krawall, um denjenigen  die Oper näherzubringen, die sonst nichts damit anfangen können?

Marielle: Oft gehen nur elitäre Schichten in die Oper, aber wir sind kein Opernvermittlungsprojekt. Wir wollen zeigen, was an den Stoffen aktuell ist. In jedem Fall muss man für unsere Inszenierung die Oper nicht gelesen haben. Das hilft nicht so viel weiter.

Dennis: Bei „Orfeo“ im letzten Jahr hatten wir schon die Idee, die Figur näherzubringen. Wir haben das Ganze im Psychiatriegebäude der Charité aufgeführt. Bei  „Carmen“ schaffen wir das, indem wir alles zerhauen und wieder zusammensetzen. Wir spielen eine Oper nie von der ersten bis zur letzten Minute, sondern nehmen heraus, was Spannung hat und sich vermitteln lässt. Das tolle am Theaterdiscounter ist, dass nichts nach Theater aussieht. Ein weißer Raum, den wir individuell gestalten. So können wir mit den Besuchern spielen und die Grenze zwischen Lehnsessel und Guckkasten aufheben.

Was reizt euch am Klassiker „Carmen“?

Dennis: „Carmen“ ist eine Oper, deren Songs unglaublich viele Liedstrukturen aus der Pop-Musik besitzen. Da sind so viele Hooks drin. Jeder kann die mitsingen. Das wollten wir herauskitzeln. Marielle hatte die Idee, dass wir das mit einem Kindermusikorchester spielen. Jetzt werden wir vom Orchestre Miniature in the Park unterstützt. Die Oper wird dadurch aufgebrochen.

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glanz&krawall im Theaterdiscount.

Carmen oder Ein Hoch auf die künstlerische Freiheit.[/caption]

Das Ganze nennt sich „Musiktheater-Schlacht“. Für oder gegen was wird gekämpft?

Marielle: Es gibt bei „Carmen“ eine wertend aufgebaute Figurenstruktur. Hauptfiguren sind Carmen und José, der sich unglücklich in sie verliebt. Dann gibt es noch die vermeintlich „gute“ Frau als Konkurrentin. Wir haben all das über Bord geschmissen. Ausgangspunkt ist die Arbeitswelt. Carmen arbeitet in einer Fabrik, obwohl sie frei sein möchte, ist Teil der Gesellschaft, die sie kritisiert und lebt nach dem Lustprinzip, während die andere allen Regeln gerecht werden will. Das führt zu einer Schlacht zwischen beiden.

Wie lässt sich die Thematik ins Heute übertragen?

Marielle: Es geht um die Frage, wie man als Frau in unserer Gesellschaft leben soll, wie man aufsteigen kann, welche Möglichkeiten man im Job hat. Muss man sich den Strukturen anpassen, um voranzukommen? Muss ich mich auflehnen? Und wo komme ich da hin?

Kann es in diesem Dilemma am Ende eine Antwort geben?

Marielle: Nein, zumindest kann man nicht sagen, das ist richtig und das ist falsch. Beide sind in diesem System als Frau gescheitert.

Dennis: Diese Oper ist so stigmatisiert. Damit hatten wir ein Problem. Carmen ist immer die Hure. Wir wollten das Klischee unterlaufen..

Also geht es darum, von der schwarz-weiß-Darstellung der Figur Carmen wegzukommen.

Marielle: Ja, und um die Frage, warum man in die Oper geht. Geht man hin, um nachher zu sagen, die Sänger haben scheiße gesungen? Gerade die Habanera von Carmen ist für mich eine Spielsituation, in der Carmen nicht gefallen will.  Und dann wird meistens eine Sängerin auf die Bühne gestellt, die das perfekt singen will. Deshalb tanz Carmen in der Oper so oft rum, hat die Blume im Haar und wirkt total ausgeliefert. Man muss mal etwas Krasses auf der Bühne machen, was als Frau nicht gut aussieht!

Grundlage für die Inszenierung soll ein Aldi-Bild gewesen sein?

Marielle: Ja, wir haben nach Anknüpfungspunkten gesucht. Im Oktober 2015 bin ich auf einen Artikel gestoßen: Rangeleien in vier Aldi-Filialen, in denen ein Thermomix im Angebot war. Alle Leute rannten in den Laden und kämpften,  um eins von den Dingern zu ergattern. Es geht immer mehr darum, sich in unserer Gesellschaft durchzusetzen. Das war der Ausgangspunkt, um zu sagen: Wir sind Konkurrenztiere und kämpfen mit der Kompromisslosigkeit der beiden Frauen für unseren Lebensentwurf.

Dennis: Irgendwann wird man überlegen müssen, ob es andere oder neue Gesellschaftssysteme gibt. Das ist auch ein Problem der Figur Carmen: Man kann kein neues System erzeugen, ohne sich komplett von dem anderen zu lösen.

Mit welchem Gefühl soll der Zuschauer aus dem Theater gehen?

Marielle: Mir ist es wichtig, dass man nicht mehr klar moralisch bewertet. Wenn man kämpft, geht es meistens darum, wer gewonnen hat, aber nicht in diesem Fall. Es wäre schön, wenn der Figur eine neue Facette hinzufügt wird, sie von der Opernbühne heruntergeholt und realer gemacht wird.  Am Ende wird ein schales Gefühl bleiben. Nichts fürs Herz!

Dennis: Eher die Krawall-, weniger die Glanz-Inszenierung!

Vom 25.- 28. Februar im Theaterdiscounter.

www.glanzundkrawall.de