Nun, da die Open Air Saison sich langsam aber sicher dem Ende neigt, verlegen die Kollegen vom Musikexpress die Party kurzerhand unter die Dächer und veranstalten in insgesamt sechs deutschen Großstädten mit jeweils unterschiedlichem Lineup. Das Musik & Frieden in Berlin wird am 2. September Schauplatz der Auftaktveranstaltung und beherbergt einen hochkarätigen Mix aus Hip-Hop- und Elektro-Acts.

Der Main Event: Zugezogen Maskulin. Mit den beiden Adjektiven, aus denen sich der Bandname des Stralsunders Testo und des Zeteler Friesen Grim104 zusammensetzt, sind die beiden Rapper nicht nur korrekt beschrieben, er verweist auch bereits auf einen Teil dessen, wodurch sie sich inhaltlich auszeichnen: Selbstreflexion und das Spiel mit Genrekonventionen. Westberlin Maskulin nannten sich einst die Pioniere deutschen Battleraps Taktloss und Kool Savas. Zitiert wurde der ikonische Name bereits von Fler und Silla, als sie sich für ein Kollabo-Album Südberlin Maskulin tauften. Zugezogen Maskulin haben zwar definitiv eine Deutschrap-Sozialisierung genossen und sind Fans ihrer Vorreiter, sind aber selbst viel zu gebrochen, um die Inszenierung der Männlichkeit nicht ironisch zu meinen und spielen gleichzeitig mit der Abneigung der Berliner Alt-Garde gegenüber all jenen, die sich gerne mit der Stadt schmücken, obwohl sie behütet in der Provinz aufgewachsen sind. Man sollte nie den Fehler machen, ZM als Meta- oder Comedy-Hip-Hop zu verstehen. Die Beiden lieben und leben deutschen Rap, sie gucken Interviews und grinden auf Twitter. Trotzdem sind sie zu klug – oder zu gutbürgerlich, das ist eine Frage der Perspektive – um sich und das Genre ohne Augenzwinkern und Selbstkritik zu inszenieren, besitzen aber glücklicherweise gleichzeitig ausreichend Wut im Bauch, um authentisch und relevant zu klingen und nicht in der Inhaltslosigkeit zu versinken, die den Großteil der postmodernen Selbstironie-Welt, der wir täglich im Internet begegnen auszeichnet.

zugezogen maskulin, berlin

Turnup vor blauer Wand: Zugezogen Maskulin

Die Zielscheiben dieser Wut gehen größtenteils einher mit den Themen linker Jugendkultur, was ein Grund für die zweischneidige Außenwirkung der Band ist: Daran, dass Deutschrap wieder subversiv ist und endlich auch mal erklärt, dass Homophobie und die AfD gleichermaßen zu verurteilen sind und wir nicht wissen, wie wir mit unserem Deutschsein umzugehen haben, freuen sich vor Allem die Feuilletons und die weißen Mittelstandskinder, die in den kleinstädtischen Jugendhäusern saufen, um sich frei zu fühlen. Andere widerum wissen, dass Deutschrap auch vorher schon subversiv war, hören weiter den Retrogott und finden viele Slogans von ZM im Vergleich pathetisch und simplifizierend, so wie es die, die über den Jugendhäusern hängen eben häufig auch sind. Am herausragendsten sind eigentlich die weniger prominenten Tracks, auf denen Testo und Grim ihr unbestreitbares Händchen für Bildsprache und zynischen Wortwitz in den Vordergrund rücken, anstatt sich zu sehr in der Urbanromantik Berlins oder den Anarchiefantasien weißer Teenager zu verlieren, "Oranienplatz" beispielsweise oder große Teile ihrer frühen Gratis-Veröffentlichungen. Welches Gewand auch immer jedoch das geeignetste für die politischen und sozialkritischen Botschaften der beiden Wahlberliner sein mag, kann kaum jemand bestreiten, dass sie so versiert mit Sprache umgehen und einen alleinstehenden Stil besitzen wie nicht allzu viele andere Protagonisten der Deutschrap-Szene.

moonbootica, hamburg

Skeptisch in Schwarzweiß: Moonbootica

Wenn sie am Freitag die Bühne des Musik & Frieden betreten, werden Moonbootica und deren Support Tagträumer bereits gespielt haben, während die DJs Eskei 83 und Ghanaian Stallion vermutlich die Aftershow Party bestreiten. Die Österreicher Tagträumer machen Heile-Welt-Pop der furchtbarsten Sorte mit schematischstem Songwriting und kitschigsten Texten, die nicht einmal meinen 12-jährigen Bruder emotional berühren würden. Die Frage, in welchem Zustand die DJs KoweSix und Tobitob, die das Hamburger Elektro-Duo Moonbootica bilden, sich für diese Kooperation entschieden, ist angemessen, rechtfertigt aber noch kein Interview. Moonbootica selbst machen zwar gute Laune und wecken Erinnerungen an Strandurlaube in Südeuropa, besitzen aber noch einen Ticken mehr klangliche Eigenständigkeit und wenn man bedenkt, dass die Beiden als Veranstalter in St. Pauli begonnen haben, kann man ihnen ein bisschen Großraum-EDM-Einschlag auch gar nicht so übel nehmen. Auch als Remixer für Songs von The Knife, Deichkind und sogar Supermax sind die Beiden gefragt und mitunter klingen die Ergebnisse ein ganzes Stück tiefer und dreckiger als die Originale. Der Tanz in den Morgen dürfte schließlich dank dem Dresdener Eskei 83, seines Zeichens einer der gefragtesten Live-DJs, absolut genrescheuklappenfrei und erster deutscher Red Bull Thre3style Champion, sowie Ghanaian Stallion, begabter Berliner Beatbastler, der schon Megaloh, Sylabil Spill oder Chima Ede produziert und dieses Jahr seine erste Instrumental-Platte "Soul Fruits" veröffentlicht hat, eine sichere Bank sein.

 

Musikexpress Klubtour | 2. September, Musik & Frieden
mit Zugezogen Maskulin, Moonbootica, Tagträumer, Eskei 83 und Ghanaian Stallion
Einlass 21:00, Beginn 22:30, Aftershow Party ab 24:00

Falckensteinstraße 48, 10997 Berlin