Er ist der deutsche Rapper mit dem größten Wortschatz und entführt uns in eine Welt zwischen Eckkneipe und Schmierroman. Morlockk Dilemmas Schaffen lässt sich als Battlerap in Crime Noir-Kulisse beschreiben. Aktuell betourt der Leipziger die Doppel-EP „Hexenkessel“. 

Du bist 2011 von Leipzig nach Berlin gezogen. Wie unterscheiden sich die Szenen?

Ich sehe heute nicht mehr wirklich regionale Szenen. Bis Mitte der 00er Jahre war das eher noch der Fall. Leipzig ist immer ein gallisches Dorf gewesen. Es gab dort eine relativ große Szene, die ist aber unter sich geblieben. Heutzutage ist man durch das Internet mit Allen vernetzt und der lokale Aspekt fällt weg.

Trotzdem sind auf der neuen Platte Berliner Rapper wie MC Bomber und Karate Andi vertreten und nicht mehr die Funkverteidiger.

Mir war wichtig, dass es inhaltlich passt. Wenn ein Song ordentlich aufs Maul geht, nimmt man halt Haudegen wie Bomber oder Andi. Zum Anderen sollte der Freundeskreis vertreten sein. Das sind dann eben die Leute, mit denen ich in Berlin abhänge, hat aber nicht wirklich mit einer Szene zu tun.

Du verkörperst je nach Projekt unterschiedliche Figuren. Der Eiserne Besen ist Battlerap, Platten mit Hiob sind sozialkritischer. Wie würdest du das aktuelle Projekt einordnen?

„Hexenkessel“ ist eine Art Straßenrap-Hörspiel. Mein Arbeitstitel war „Geschichten aus der Großstadt“. Man kann nicht sagen, dass es eine Storytelling-Platte ist, der Fokus ist aber schon klein. Ich wollte von einem erzählen, der Freitag losgeht und eine wahnsinnig durchzechte Nacht hat, die etwa eine Woche dauert und beschreiben, was er auf dem Weg durchmacht und welchen Leuten er begegnet. Das ganze Spektrum zwischen Omnipotenz und Katerstimmung sollte da in einer locker flockigen EP abgehandelt werden. Letztendlich ist es dann etwas mehr Material geworden, dementsprechend sind es jetzt zwei EPs.

Stand mal die Idee im Raum, daraus ein Konzeptalbum zu machen?

Dann hätten wir aussortieren müssen. Ich hatte aber unheimlich viel Spaß beim Schreiben. Es gibt auch Songs wie „Jack“, die etwas herausfallen. Jack Unterweger war ein österreichischer Serienmörder. Er war Schriftsteller und hat Prostituierte umgebracht. Dessen Story hat einfach in die Thematik sehr gut reingepasst. Ein Album wäre ich von Anfang an anders angegangen, deshalb ist es jetzt eine Doppel-EP geworden. Wir haben auch viel mit Interludes gearbeitet oder Filmschnipsel über Musikbetten gelegt, damit dieser Hörspielcharakter besser zur Geltung kommt.

Es zieht sich durch dein Schaffen, dass Filmschnipsel auftauchen oder die Soundästhetik mal an Giallo- oder Carpenter-Soundtracks erinnert. Bist du ein Filmnerd?

Ich mag diese Retroästhetik. Das ist nicht nur auf Filme aus den 70ern beschränkt. Manchmal hört man dann eine Weile Electro Boogie-Platten und findet das super spannend. Ich glaube, es ist cooler, solche Sachen zu zitieren, einfach weil es die Leute nicht so auf dem Schirm haben. Würde ich den letzten Turtles-Film zitieren, würde das vermutlich weniger überraschen.

Du scheinst dich gerne in Antihelden-Figuren zu versetzen.

Das sind auch die Figuren, die ich in Filmen gerne verfolge. Figuren, bei denen das Scheitern schon inbegriffen ist. Wenn man an sich selbst erfüllende Prophezeiungen glaubt, ist das natürlich nicht so ideal. Ich nehme meine Rap-Persona aber getrennt von mir als Privatperson wahr. Wie bei allen Rappern ist es eine Balance aus Überspitzung, aber auch autobiographischen Elementen. Die Herausforderung für den Hörer ist, herauszufinden, wo die Science Fiction anfängt. Sonst könnte man sich ja mit seinem bürgerlichen Namen auf die Bühne stellen. Da zieht sich schon seit meiner Jugend ein roter Faden durch mein Schaffen. Ich habe als Jugendlicher eine Weile Comics gezeichnet und jetzt verkörpere ich selbst eine Comicfigur.

Dein Beatmaker-Alter Ego „Morlockko Plus“ ist in Musikvideos mehrfach als Wrestler aufgetaucht. Auch eine interessante Antihelden-Figur.

Das ist tatsächlich ein Zitat zu „The Wrestler“, dem Film mit Mickey Rourke. Der ist natürlich noch keine 10 Jahre halt, hat aber in diese Antihelden-Geschichte gut reingepasst.

Hast du dich in der Kollabo mit Brenk Sinatra ganz auf das Schreiben und Rappen konzentriert?

Das war der Reiz daran. An der Produktion mal nicht von der Samplesuche bis zum Endprodukt beteiligt zu sein, sondern etwas Fertiges zu bekommen. Dadurch hat die Musik einen anderen Aha-Effekt. Es war für mich auch etwas Besonders, weil ich mit Brenk vorher noch nicht zusammengearbeitet hatte, obwohl ich mit seinen Arbeiten vertraut war. Eine Zusammenarbeit ist ja wie eine kleine Ehe.

Was bedeutet dir ein Konzert in Berlin?

Berlin ist inzwischen eine Heimat. Von daher kommen natürlich viele Freunde vorbei. Es wird mit Sicherheit auch den ein oder anderen Überraschungsgast auf der Bühne geben. Das ist ein Vorteil an Berlin. Eine Woche vorher werde ich aber auf jeden Fall mein Handy ausmachen und keine Gästeliste-Anfragen mehr annehmen.

Vor zwei Jahren hat eine Studie ermittelt, dass du der deutsche Rapper mit dem größten Wortschatz bist.

Ich hab mir darauf nie viel eingebildet, noch das in Pressetexte geschrieben. Wenn das aber meine Möglichkeit ist, den Fuß in den Feuilleton zu bekommen, dann lieber so als durch Skandale.

Grenzt die Tatsache, dass du einen solchen Wortschatz hast und so konstruierte Doppelreime verwendest dich von anderen Rappern ab?

Ich mache mir darüber nicht viele Gedanken. Ich mache meinen Kram so, dass er für mein Empfinden interessant gestaltet ist. Wenn ich eine Punchline habe, versuche ich schon, so viele Reime zu finden wie möglich, man muss sich aber nicht vorstellen, dass ich Excel-Tabellen führe. Es geht darum, schöne Worte und interessante Formulierungen zu finden, also im Endeffekt um Lyrik. Schöne Formulierungen schreibe ich dann schon auch auf, wenn ich sie lese. Ebenso wie ich aber auf der Toilette sitze und lachen muss, wenn mir eine Punchline einfällt.


Live am SA 27.5. ab 20 Uhr im Musik & Frieden.


Fotocredit: Josephine Jatzlau