Unsere Mission im Dienste der Allgemeinheit: Die perfekte Späti-Route vom Herrmannplatz zum Schlesischen Tor. Der Sommer kommt. Studenten, Arbeitslose und Stadtmagazin-Redakteure müssen kostengünstig saufen. Scheiß auf die dekadenten Biergärten und Cocktailbars!


Unser Startpunkt: Sonnenallee, Ecke Pannierstrasse. Drei hölzerne Klappstühle und der Durst treiben uns in Fee’s Getränkeladen. Der Shop existiert in zweiter Generation. Fee ist der Spitzname der Mutter des Betreibers. Der Kreuzberger Graffiti-Künstler Senol, Mitglied der 36 Kingz, sprühte den Schriftzug über der Ladentür. Das Angebot: Solide. Versuche, die Tour mit einer Mate zu beginnen, werden vom Chefredakteur verboten. Stattdessen Bierauswahl und „Hoch die Flaschen!“. Die Tour kann beginnen. Schnell wird klar: Wir müssen am Tempo arbeiten. Nur fünf Minuten später sind wir bereits am nächsten Pit Stop: Der Spätkauf am Hermannplatz. Die halbvolle Flasche wird auf Ex und Hopp geleert. Die Straße wirkt unruhiger, ein paar jugendliche Dealer hören an der Bushaltestelle laut Musik. Wir schunkeln kurz mit und treffen hinter dem Kassentresen einen Zugezogenen, der genau diese Atmosphäre schätzt. »In Bad Arolsen nähe Kassel gab es kaum Ausländer. Jeder Tag war gleich!«, erzählt er uns. Interessant. Multikulti gleich Abwechslung. We like! Mit Bier Nummer zwei in der Kralle stürzen wir uns in die nächste Runde.

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Noch wird geschmunzelt.

Kultur vs. Konsum: Früher Buchladen, heute Späti

First Getränke auf der Schönleinstrasse bildet den ersten Kontrast. Der kleine Umweg weg von der Hauptstraße macht die Atmosphäre entspannter. Die Sitzgelegenheiten sind besonders muckelig. Inhaber Melehat Hekimoglu betrieb hier ursprünglich einen Buchladen. Als sich das geschriebene Wort nicht mehr lohnte, stockte er die Regale nach und nach mit Tabak und Spirituosen auf. Im Hinterzimmer sind immer noch Bücher zu erstehen. Kleinvieh macht auch Mist. Wir sind begeistert, heute aber eher niederkulturell unterwegs. Bevor wir versacken, zünden wir uns eine Zigarette an und reiten weiter in den Sonnenuntergang. Die knapp zwölf Minuten zum Netpoint auf der anderen Seite des Landwehrkanals sind die längste Durststrecke auf unserer Route. Zeit für Nachschub.

Muckelig. Unterhaltungsniveau? Stiegend.

Atmo? Muckelig. Unterhaltungsniveau? Steigend.

Schön ist was anderes

Die Stimmung des Herrn hinter der Theke bewegt sich gegenläufig zu unserem Alkoholpegel. Auf die zugegeben etwas naive Frage, was an seinem Job das Schönste sei, antwortet er trocken: »Nichts. Irgendwoher muss das Geld ja kommen.« Auch wieder wahr. Er murmelt noch irgendwas von anstrengenden Touristen, da sind wir schon wieder rückwärts raus. Nach einem Toilettengang nähern wir uns wärmeren Gefilden: Der Multi-Kulti-Shop am Görlitzer Park. Klingt einladend. Bevor das Gesetz neue Öffnungszeiten zuließ, war die Hälfte der Ladenfläche eine Videothek. So konnten die Betreiber auch damals schon bis spät in die Nacht öffnen. Die bunten Bemalungen an der Decke zeugen noch heute vom alten Geschäftsfeld. 23 Jahre existiert der Multi-Kulti-Shop bereits, Rekord auf unserer Route.

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Na toll. Welcher Idiot kam noch mal auf die Späti-Idee?

Frau hinter der Theke

Ein bisschen angetüdelt macht uns der Job schon doppelt so viel Spaß, die Gespräche werden ausufernder. Beim Kiez-Kiosk an der Außengrenze des Wrangelkiez steht vor uns ein Paradiesvogel: Eine Späti-Frau! Semra ist seit fünf Jahren im Business. Angst vor allzu gut gelaunten Herren hat sie eigentlich nicht – nur die Kirchgänger von gegenüber erscheinen oft besoffen und pöbelnd. Als größere Unannehmlichkeit nimmt sie vor allem in den letzten zwei Jahren »Rassismus-Sprüche« wahr. In betrunkenen Touristengruppen benehmen sich »zwei wie zwanzig«, so Semra. Der Spaß an ihrem Job kommt ihr dadurch zunehmend abhanden. Poltische Gespräche meidet sie grundsätzlich. Die driften einfach zu leicht in eine falsche Richtung ab. Harter Tobak!

Party-Späti statt Privatinsolvenz

Direkt am U-Bahnhof Schlesisches Tor befindet sich mit dem Drink Drunk der selbstbetitelte Party-Späti. Unsere vorletzte Station stellt eine Ausnahme dar unter den vielen Familienbetrieben, die kurz vor der Privatinsolvenz stehen. Laute Musik, acht Angestellte und eine große Craft Beer-Auswahl. Manche Gäste verbringen die ganze Nacht hier. Wer braucht schon Bars und Clubs? Viel zu teuer. Wir müssen trotzdem weiter.

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1 gutes Posing.

Enttäuschung des Abends: Wodka-Shots sind abgeschafft!

Der finale Spätkauf ist schlicht als Spätkauf betitelt. Die größte Enttäuschung des Abends lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Wodka-Shots, von denen unsere Kollegen geschwärmt hatten, wurde aus dem Sortiment gestrichen. Skandal! Der junge Mann an der Kasse kommt allerdings ohne seinen Gin Tonic nur schwer durch den Arbeitsalltag. Das sind Probleme. Am Schlesischen Tor lassen wir den Abend langsam ausklingen. Ein anwesender älterer Herr verwickelt uns in ein anstrengendes politisches Gespräch. Wie wir denn über Spätis schreiben könnten, wo es doch so viel Wichtigeres auf der Welt gäbe? Wir sind überfragt. Was bleibt uns da übrig, als uns in die nächste Eckkneipe zu flüchten und in den Boden des nächsten Glases zu stürzen? Morgen retten wir dann die Welt. Versprochen! Schönen Feierabend. Prost!

Späti-History

Der Spätkauf, im Berliner Großraum beherzt „Späti“ genannt, entstand, wie nur wenige vermuten mögen, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im sozialistischen Deutschland, genauer gesagt in Berlin-Pankow. Während in West-Berlin nach 18 Uhr nur noch Tankstellen geöffnet waren, konnte man in der DDR bis Mitternacht in den sogenannten Spätverkaufsstellen shoppen. Die staatlichen Läden der Handelsorganisationm dienten mit ihren verlängerten Öffnungszeiten vor allem den Nachtschichtarbeitern. Heute verdanken wir ihre weite Verbreitung einer Bestandsklausel im Wiedervereinigungsvertrag, die dafür sorgte, dass auch in West-Berlin das gelockerte Ladenschlussgesetz übernommen wurde.

Text: Mathis Raabe & Carina Hartmann