Kraftklub sind auch nach zwei Nummer Eins-Alben immer noch die freundlichen Rock-Rapper von nebenan. Wir treffen uns anlässlich der neuen Platte „Keine Nacht für Niemand“. Ohne die typischen College-Jacken wirken die fünf Chemnitzer ganz schön unscheinbar. Ganz im Gegensatz zu den aufwändigen Musikvideos zu „Dein Lied“ und „Fenster“, die ihre Promophase einleiteten.

Wie ist die Bedeutungsverschiebung vom „Keine Macht für Niemand“ der Ton Steine Scherben zu eurem „Keine Nacht für Niemand“ zu verstehen?

Felix: Ich möchte den Leuten keinen Beipackzettel mitliefern. Wir fanden es zunächst einfach lustig, dass man nur einen Strich wegnehmen muss, damit sich Alles verändert. Das Album besteht aus vielen Referenzen, Rio Reiser ist nur eine davon. Für uns ist er aber einer der größten Texter und Künstler, der es vor Allem geschafft hat, wichtige und politische Musik mit wunderschönen Liebesliedern zu kombinieren. Das finde ich beeindruckend.

Habt ihr an eure Musik einen ähnlichen Anspruch?

Felix: Der Titel soll nicht ausdrücken, dass wir uns als legitime Nachfolger von Ton Steine Scherben sehen. Es war uns wichtig, im Titel ein Zitat zu haben. Wir hatten überlegt, es einfach nur „Bei Nacht“ zu nennen, das hätte zu „Mit K“ und „In Schwarz“ gepasst, das Album ist aber so voller Zitate und Verneigungen vor Künstlern, die uns beeinflusst haben, dass wir das auch im Titel wiedergeben wollten.

Stellen die vielseitigen Verweise eine Herausforderung für das Tracklisting dar? Ich stelle mir schwierig vor, beispielsweise den Stoner Rock-Part, der „Hallo Nacht“ beginnt zwischen „Dein Lied“ und der Kraftwerk-Referenz „Sklave“ zu positionieren.

Felix: Darüber macht man sich tatsächlich mehr Gedanken, als man gerne zugibt, aber erst nachdem die Songs fertig sind. Viele Gedanken flossen aber auch in Anspielungen, die besser versteckt sind. Ich denke, manche davon wird selbst der größte Nerd nicht raushören. Teilweise sind Wegbegleiter von uns in irgendeinem Chor.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Alben schlüpft ihr nun in die Rollen verschiedener Protagonisten. Hattet ihr von euch selbst nichts mehr zu erzählen?

Felix: Es wäre traurig, zu denken, das eigene Leben bliebe so unglaublich interessant, dass man damit immer wieder Alben füllen kann. Sich einzugestehen, dass das nicht reicht, ist nicht schlimm. Für das erste Album hatte man sein ganzes Leben lang Zeit, Geschichten zu sammeln, auf dem zweiten konnte man dann reflektieren: Huch, jetzt sind wir ja wirklich eine bekannte Rockband geworden. Dann ist man aber an dem Punkt, an dem man sich fragt: Sollen wir jetzt nochmal erzählen: Wir sind fünf Jungs aus der Provinz im Osten und eine bekannte Rockband geworden. Ist das nicht verrückt? Oder fängt man an, Figuren zu finden, die einen einfach faszinieren?

Was hat euch an der Figur aus der ersten Single fasziniert?

Felix: Die Figur des Ex-Freundes hat mich schon oft beschäftigt. In diesem Fall ist es eine sehr extreme Form. Wir wohnen einem Typ bei, der uns verklickern will: Das Leben ist zusammengebrochen, aber halb so wild, ich kann ja damit umgehen wie ein erwachsener Mensch. Dann finden wir uns plötzlich in einer Rachefantasie wieder. Der Überraschungsmoment, diese härteste Beleidigung, die man verwenden kann, ist der Punkt, an dem wir erkennen: Das ist jetzt superhart und politisch unkorrekt, aber die Wut und die Verzweiflung, die da mitschwingen sind nicht unauthentisch und nicht unnachvollziehbar. Gebrochene Figuren sind einfach interessant. Wenn es ein Problem ist, dass jetzt Leute denken, wir seien Chauvischweine, müssten wir wieder einen Beipackzettel beilegen, der erklärt, dass es eine Differenz zwischen Protagonist und Autor gibt.

Wenn man die Kommentare auf YouTube liest, scheinen diese Differenz die wenigsten verstanden zu haben.

Felix: Man weiß als bekannte Rockband, dass es auch Idioten gibt, die die eigene Musik hören. Es haben um die 200.000 Leute die Platte gekauft und das werden nicht nur coole Typen sein, mit denen ich gerne ein Bier trinken würde. Man muss aber keine Musik für Idioten machen. Da könnte man es auch sein lassen.

Der Kommentar mit den meisten Likes lautet: „Ob das alles auf einer Ex Freundin basiert, oder hat er vor jedem Album eine neue die ihn verlässt. Armer Kerl :D“ Sind diese Personen nun alle Idioten und keine guten Kraftklub-Fans?

Felix: Das sind die selben Leute, die uns in Berlin auf der Straße treffen und sagen: „Ich dachte, ihr wollt nicht nach Berlin“. Ich glaube, dass die einen Spruch machen, den sie lustig finden, nicht aber wirklich glauben, dass ich auf jedem Album eine neue Beziehung zu verarbeiten habe. Das hoffe ich, davon gehe ich ehrlich gesagt einfach aus.  Die Leute singen auch „Ich komme aus Karl Marx-Stadt“ mit, obwohl sie selbst nicht wirklich aus Karl Marx-Stadt kommen.

Ob man aus Karl Marx-Stadt kommt, ist in dem Moment leichter zu reflektieren als die Frage, ob es okay ist, das Wort Hure für eine Frau zu verwenden. 

Felix: Wie kommt man denn  auf die Idee, dass es okay ist? Es wird hier nicht beiläufig benutzt. Es ist in dem Song der Ausbruch, die schlimmste Beleidigung, die ihm einfällt. Viele Leute, die hiervon sehr irritiert waren, wären nicht irritiert gewesen, wenn es ein Rapsong gewesen wäre, in dem es viel beiläufiger passiert. Auch das ist aber nicht gefährlich. Wir reden über Kunst. Ich finde es aber interessant, dass darüber eine Diskussion entsteht. Irgendeine selbsternannte feministische Künstlerin hat sich zum Beispiel auf ihrer Instagram-Seite furchtbar über den Song aufgeregt und meinte, sie könne ja verstehen, dass man privat in einem bestimmten Moment dieses Wort verwendet, nicht aber, dass man es in einen Song packt. Wir sehen es genau anders herum.

Dann entfernen wir uns von der moralischen Instanz und sprechen über den Effekt! Wir befinden uns auf einem Konzert und nehmen eine Art sicheren Raum an, in dem wir alle reflektierte Menschen sind, die den Text richtig verstanden haben und deshalb die Freiheit erhalten, diese eingängige chorale Passage laut mitzusingen. Was passiert in diesem Moment?

Felix: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Dann sind wir bei dem Moment, in dem amerikanischer Rap in der Disko läuft und das N-Wort vorkommt. Klar ist es ein geschützter Raum und trotzdem frage ich mich jedes Mal, ob es in Ordnung ist, dass ich weißer Lelleck das jetzt mitrappe. In dem Moment findet also eine Auseinandersetzung statt.

Naheliegend ist auch die Unterstellung, der Song sei eine besonders geeignete, weil provokante erste Single gewesen.

Felix: Tatsächlich hatten wir zuerst die Idee für das Video mit dem K und haben dann überlegt, zu welchem Song wir sie verwenden. Dann fanden wir es reizvoll, den Song zu wählen, der am wenigsten nach Kraftklub klingt, wie man sie von den ersten beiden Alben kennt. 

Euer Gründungsmythos besagt, dass ihr euch einst zu Selbstoptimierungszwecken im Fitnessstudio traft. Hat man das als bekannte Rockband irgendwann nicht mehr nötig, um den Menschen zu gefallen?

Karl: Unabhängig davon, wie man aussieht, ist die Frage, ob man Bock hat, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich fahre dann lieber 10 km Fahrrad.

Felix: Mir sind die Menschen auch am sympathischsten, wenn ich ganz schnell an ihnen vorbei fahre. Gibt es eigentlich Leute, die ins Fitnessstudio gehen, um jemanden kennen zu lernen?

Ich habe schon beobachtet, dass Menschen auf dem Laufband hechelnd die Person neben sich anquatschen. Ich würde mir dabei relativ panne vorkommen.

Felix: Ich habe auch noch nie jemanden im Supermarkt kennen gelernt, obwohl es immer heißt, das wäre die Partnerbörse Nummer eins. Mir würde im Traum nicht einfallen, da zu jemandem zu sagen: „Oh, Sie haben aber interessante Tüten eingekauft!“

Till: Mich fragen die neuen Semester in Chemnitz immer, ob ich ihnen Gras verkaufen kann, weil ich wahrscheinlich außer ihnen der einzige junge Mensch im dortigen Supermarkt bin.

Werdet ihr im Supermarkt erkannt?

Felix: Es gibt auf jeden Fall Musikerkollegen, die größere Probleme haben, wenn man mit ihnen über ein Festivalgelände streunt. Zumal wenn man einzeln ist, da können die Leute meist gar nicht assoziieren, dass man zu einer Gruppe gehört. Die Bandoutfits sind auch hilfreich.

Aus welchem Grund habt ihr damals entschieden, euch in diesem uniformen College-Jacken-Stil zu kleiden?

Till: Das kam von abgehalfterten Indie-Bands. Die hingen so im Publikum rum und kamen dann irgendwann auf die Bühne, um zu spielen und das Ganze hatte keinen Anfang und kein Ende. So weiß man, wann es losgeht und man weiß, wir hängen zusammen und sind nicht etwa ein MC und seine Backing Band.

Karl: Es sieht auch einfach besser aus. Sonst würde ich ja so auf der Bühne stehen wie ich jetzt aussehe.

Felix: Wir haben in so vielen ranzigen Clubs gespielt, wir können nicht auch noch selbst ranzig aussehen.

Kraftklub, Keine Macht für niemand, CoverKraftklub – Keine Nacht für Niemand
VÖ: 2.6. / Vertigo (Universal)
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Fotos: Josephine Jatzlau