Julia Engelmann: »Jeder kann er selbst sein.«

in Literatur/Stadtleben

Julia Engelmann ist zurück. Genau, die mit dem Poetry-Slam-Erfolg auf Youtube. Nach „One day, Baby“, „Wir können alles sein, Baby“ und „Eines Tages, Baby“ folgt nun „Jetzt, Baby“ – eine Mischung aus Hörbuch, neuen Texten und Illustrationen. Ein Plädoyer für das Genießen von Glücksmomenten. Einfach mal loslassen, einfach mal im Konfetti-Regen tanzen. Sein, wer man sein will. Aber ist es wirklich so einfach? Wir haben uns mit der Bremerin über Lebensfreude, Leistungsdruck und Träume unterhalten.

Wie bist du zum Poetry-Slam gekommen, Julia?

Ich war mit einer Freundin beim Slammer Filet. Wir waren zu spät und mussten früher gehen, aber das hat schon gereicht. Ich fand alles cool daran: den vollgestopften Club und die Leute auf der Bühne – wie jeder über seine Gedanken gesprochen hat. Am gleichen Abend habe ich mich für den nächsten Monat angemeldet.

Spätestens seit „One day, Baby“ sind Carpe Diem und Lebensfreude deine Themen.

Klar, das ist eine der größten Fragen: Wie lebt man ein gutes Leben?

Man kann das als Aufruf zum bewussten Nutzen der Zeit sehen. Gleichzeitig schwingt eine Kritik an der Lethargie der Gen Y mit.

Ach, ich bemängle nichts an der Generation. Ich bemängele Dinge an mir. Mir fällt auf, dass ich mir viel vornehme und es lange dauert, bis ich etwas in die Tat umsetze. Ich denke viel nach: Wenn Situationen doof sind, frage ich mich, warum das so war, und wenn sie schön sind, wie ich das wieder haben kann.

Kannst du nachvollziehen, dass für viele der Druck groß ist und Loslassen schwerfällt? Am besten hat man mit 17 einen Lebensplan, studiert etwas Anständiges" und setzt sich dann schnell auf dem Arbeitsmarkt durch.

Klar ist der Druck groß!

Würdest du sagen, er entsteht aus einem gesellschaftlichen Diktat oder einer freiwilligen Selbstoptimierung heraus?

Ich denke, das ist eine Mischung. Viele setzen sich selber unter Druck. Das muss nicht sein. Die Frage ist, wie viel Zeit man auf der Welt hat und was man daraus machen will. Ich schaue mir meine Möglichkeiten an und sehe, dass es schön sein kann, ein Potenzial umzusetzen.

"Gerade schwierige Situationen spornen mich an." © Marta Urbanelis
 Julia Engelmann: „Viele setzen sich selber unter Druck." © Marta Urbanelis

Stichwort Möglichkeiten: Bei dir klingt das häufig so: Du hast einen Traum? Dann lebe ihn. In vielen Fällen braucht man dazu aber auch das nötige Kleingeld. Nicht jeder hat von Haus aus eine günstige Ausgangslage.

Natürlich ist nicht alles gerecht, aber gerade schwierige Situationen spornen mich an. Der allergrößte Freiheitsgrad, den jeder hat, sind die eigenen Gedanken. Jeder ist sein ganzes Leben in seinem Kopf alleine. Ich möchte es mir darin so schön wie möglich machen.

Wie?

Ich meine abstrakte Träume wie glücklich und zufrieden sein. Und jeder kann er selbst sein.

Fragt sich nur, wie man es sich mit Existenzängsten gedanklich kuschelig macht. 

Ja, aber ich würde auch niemals sagen, ich hätte das Rezept des Lebens

Du machst viele Sachen: studierst Psychologie, bist Schauspielerin, Autorin, bringst ein Hörbuch raus. Bleibt da überhaupt noch Zeit durch den Konfetti-Regen zu tanzen?

Ich schaue gerade tatsächlich auf einen Berg Konfetti. Meine Eltern und ich mischen das für die Auftritte selber. Auf jeden Fall habe ich Zeit für mich und das Glück, dass alles eine Schnittmenge hat. Ich bin gerne kreativ, bastel und schreibe. Das kommt alles zusammen.

Wo wir bei Träumen waren: Hast du selber noch einen?

Millionen. (lacht) Ich würde gerne weiter schöne Sachen machen. Ich möchte Polarlichter sehen. Und ich möchte irgendwann einen Handstand können.

Titelbild: © Marta Urbanelis

Julia Engelmann – „Jetzt, Baby" erscheint am 17. Oktober über Goldmann Verlag.

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.