DJ No. 1: Sven Väth im Interview

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Seit mehr als zwei Dekaden ist Sven Väth einer der erfolgreichsten DJs der Welt. In Deutschland gilt der 51-Jährige, trotz diverser "Nachfolger", immer noch als die unangefochtene Nr. 1. Seine Abonnements auf die Spitzenposition der jährlichen Leser-Polls national und internationaler elektronischer Fachmagazine zeugen davon. Über die frühen Achtziger, die gesamten Neunziger bis hinein in die Nuller Jahre hat sich der Frankfurter DJ an die Spitze der elektronische Bewegung gespielt und gehalten.

Auch heute, knapp 20 Jahre nach seinem ersten Chart Hit "Electrica Salsa" (mit dem Projekt OFF), ist der sympathische Mittvierziger kein bisschen müde, seine technoide Botschaft in die weite Welt hinauszutragen. Interessantes Portfolio seines aktuellen musikalischen Status Quo ist die alljährliche Mix-Serie "The Sound of the Season". Eine Retrospektive seiner partygeschwängerten Sommermonate, die Väth seit seiner Jugend auf der balearischen Hedonisteninsel Ibiza verbringt. Dort, in dem legendären Club "Amnesia", Väths zweiter Heimat, zelebriert der Harlekin (siehe "Accident in Paradise") seine ebenso legendären Sets, die gerne auch mal die 12 Stunden Grenze sprengen können. "Nur so konnte ich den Leuten all das präsentieren, was ich musikalisch gut fand", so Väth im Interview. Wir sprachen mit dem DJ-Altmeister über die Anfänge seiner Diskjockey-Karriere, ausgedehnte DJ Sets und die Frage: Was macht ihn eigentlich so besonders?

Sven, Du hast als Kind im Tanzlokal deiner Eltern dem DJ auf die Finger geschaut. Erinnerst Du dich noch an den Resident von damals?

Ja, klar. Der hieß Wolfgang, kam aus Österreich und war total verrückt. Immer wenn er die Tanzrunden anmoderiert hatte, ist der raus aus seiner Kanzel und hat auf der Tanzfläche erst einmal einen Salto geschlagen. Der war ständig bereit die Leute aus der Reserve zu locken. Ein sehr außergewöhnlicher Typ.

Als deine Mutter dich dann fragte, ob Du in ihrem Laden auflegen möchtest, wusstest Du also was von Dir erwartet wird?

Ich wusste auf jeden Fall: Wo Wolfgang ist, dahin musst Du kommen. Die Latte war also ziemlich weit oben. (lacht) Ich bin aber damals auch schon ins Dorian Grey (legendärer Frankfurter Club)  gegangen und habe den DJ`s auf die Finger geguckt. Da gab es nur ganz einfache Plattenspieler mit Riemenantrieb. Das war feinste Handarbeit um mit den wirklich punktgenau zu mixen. Das hat mich fasziniert. Und was für eine Energie entstehen kann, wenn man den Beat halten kann. Wie die Tanzfläche dann abgeht. Das habe ich dort gelernt.

Also das Handwerk im Dorian Gray. Und die Entertainerqualitäten von DJ Wolfgang?

(lacht) Ja, das kann man so sagen.

Erinnerst Du Dich an deinen ersten richtigen DJ Gig?

Das hat sich Anfangs natürlich alles in meiner Heimat abgespielt. Neben dem Job bei meinen Eltern hatte ich auch ein Angebot vom Dorian Gray erhalten. Ich übernahm für 50 Mark die Morgenschicht. Ich habe dann von 20 bis 1 Uhr bei meinen Eltern aufgelegt, und danach dann bis mittags um 11 Uhr im Dorian Gray. Da war ich Siebzehn und das war dann sozusagen mein erstes Auswärts Booking. (lacht)

Klingt nach einer recht provinziellen Angelegenheit.

Ja, das war es. Erst um 1985 rum, haben die Leute begriffen dass man einen DJ auch für einen einzigen Abend engagieren kann. Damals war aber alles noch sehr amateurhaft. Man wusste nicht mal wohin mit seinen Platten. Cases dafür gab es ja noch nicht, also hatten wir Apfelsinenkisten. (lacht)

Fragt man deine Kollegen was das Besondere an Sven Väth ist, kriegt man als Antwort: „Sven kann Sachen spielen, die kann kein anderer bringen.“ Was meinen die damit?

Ich hatte schon immer unheimlichen Spaß daran mit Musik zu experimentieren. Auch wenn die Sachen, die ich früher im Laden meiner Eltern gespielt habe, nicht unbedingt die Hits meiner Zeit waren, sondern eher Klassiker. Disco, Rock `n Roll und sowas. Ich habe damit rumexperimentiert und wahnsinnig viel Erfahrung gesammelt. Was dann im Nachhinein daraus geworden ist, kam eigentlich über meinen musikalischen Werdegang. Ich habe mich über Industrial immer mehr in die elektronische Materie begeben und mich durch verschiedene Musikgenres gearbeitet. Früher House aus Chicago, Electronic Body, Detroit Sound, Dub. Das hat mich fasziniert.

Kommt daher auch deine Leidenschaft für lange, intensive DJ Sets?

Lange Sets waren das, was mich am Djing immer total angemacht hat. Nur so konnte ich den Leuten all das präsentieren, was ich musikalisch gut fand. Das war nicht immer ein Stil, oder nur das Aktuellste. Das war ein Mix aus allem. In den Achtzigern konnte man das auch verdammt gut machen. Da existierte noch kein Sound der abendfüllend ein ganzes Programm gestaltet hätte. Soviel Platten gab es von einem Stil überhaupt nicht. Daraus ist dann meine Leidenschaft entstanden, zu später Stunde richtig tief in die Kiste zu greifen. Das kann man zur Peak Time natürlich nicht bringen. Würde ich auch gar nicht wollen, denn jede Platte braucht ihren ganz besonderen Moment.

Wie sieht das heute aus? Haben DJ`s noch die Möglichkeit zu experimentieren?

Ich glaube die ganze DJ Kultur hat sich generell geändert. Heute kommen die jungen DJ`s nicht mehr aus den Diskotheken. Da ist eher ein Studio- oder Produzentenbackground, oder sie haben sich zu Hause die Finger wund gemixt um dann endlich mit einer Mix- CD vor deiner Tür zu stehen. Die haben gar nicht die Erfahrung regelmäßig vor Leuten zu spielen.   Da fehlt oft das Einfühlungsvermögen. Wir mussten uns damals noch mit dem Geschäftsführer einigen, wie weit man musikalisch überhaupt gehen konnte (lacht). Das hat mich und meine DJ Generation noch geprägt.

Du bist seit über zwanzig Jahren als DJ unterwegs. Bist Du dessen nicht ab und an überdrüssig und sehnst Dich nach dem wohlverdienten Ruhestand?

Nein, auf keinen Fall. Ich habe so viele Projekte die mich immer wieder aufs Neue fordern, dass ich an so etwas gar nicht denke. Außerdem kann es in der Musik gar nicht langweilig werden. Es gibt jede Woche neue Platten und so viele Länder entdecken die elektronische Musik erst jetzt für sich. Da kann man noch mit richtigem Pioniergeist an die Sache rangehen. Aber auch was heutzutage aus Deutschland kommt war noch nie so spannend, wie in dieser Zeit. Das möchte ich echt nicht missen.

Die Mix-CD „The Sound Of The 16th Season“ ist bei Cocoon Recordings erschienen.

Sven Väth spielt am 30.12.15 im Watergate.

Foto ©: Cocoon/Promo