Ich wohne in Spandau und bin stolz darauf! – Ein Outing.

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Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt. Ist es besser, viel besser als man glaubt.

Gerade die Menschen in den Szenebezirken Richtung Osten Berlins nehmen Berlin-Spandau gerne einmal als das Ende der Welt wahr. Rein geographisch kommt es dem aus deren Perspektive auch recht nahe – Spandau ist schließlich der äußerte Westen Berlins und wenn man von der Warschauer Straße mit der S5 durchfährt, braucht man fast eine Dreiviertelstunde. Wer das tut, ist zu den meisten Tageszeiten aber auch ein bisschen doof, denn schlecht angebunden ist Spandau eigentlich nicht. Von Ostbahnhof, Gesundbrunnen, Alex, Friedrichstraße oder natürlich vom Hauptbahnhof aus fahren regelmäßig Regionalexpresse, durch die man als Spandauerin tatsächlich schneller Zuhause sein kann als eine Charlottenburgerin oder Schönebergerin. Und nicht nur das: Wer auf dem Heimweg nach Spandau in der U- oder S-Bahn auf Grund der Müdigkeit oder des Ethanolgehalts einschlaft, läuft nicht Gefahr, seine Haltestelle zu verpassen – denn es ist immer die Endhaltestelle.

Spandau, Klosterstraße, Florida Eiscafe
Seit 1927: Eis essen vor malerischer Urbankulisse.

Dit is nich Berlin

„Spandau ist gar nicht Berlin“, ist der Running Gag, den man sich immer wieder anhören muss. Gut, wer sagt denn, dass es so viel cooler ist, Berliner zu sein? Ich hab gehört, das machen alle und Leipzig ist das neue Berlin und Kraftklub wollen da auch nicht hin. Ich bin ab jetzt Spandauer und stolz darauf! Spandau funktioniert unabhängig von Berlin, mehr noch als all die anderen ehemaligen Dörfer, die zwar auch ihre Hauptstraßen und Zentren besitzen, aber oft nicht viel mehr. Es ist nah am pulsierenden Berlin-Gefühl, aber nicht nah genug, um von der Rastlosigkeit und Hektik angesteckt zu werden. Immer wieder wird von der Presse betont, dass Spandau vom Berliner Aufschwung vor ein paar Jahren wenig mitbekommen hat. Immer noch soll es viele Arbeitslose geben und viel Kriminalität. Selbst wenn ich am Rathaus Spandau stehe, wirkt all das aber im Vergleich zum Kottbuser Tor oder zur Seestraße in Wedding lächerlich. Man sieht Männer in Jogginghosen, man sieht türkischstämmige Jugendliche in Gruppen, uiuiui, ganz schön gruselig. Obwohl ich hier wohne und Kreuzberg nur besuche, müsste ich lange Nächte auf die Suche gehen, um mehr als eine Hand voll Obdachloser zu finden oder zu erleben, wie jemand ausgeraubt wird.

Spandau, Havel
Blau und grün: Blick auf die Havel.

Voll normal

Bewegt man sich dann etwas weiter in Richtung Westen, ist der Spandauer mit dem Fahrrad bin kürzester Zeit in der Natur und an den Brandenburger Seen, kann joggen, radeln, schwimmen, ohne dabei durch urbanen Siff steigen zu müssen und Autolärm im Ohr zu haben. Manchmal möchte man halt morgens auf dem Weg zum Bäcker noch nicht unbedingt sich selbstinszenierenden Hipstern, die gerade druff aus dem Club gestolpert sind, begegnen, sondern normalen Menschen, jung und alt und mittelständisch bis arm, aber sehr authentisch. Womit wir dann zu einem weiteren Vorurteil gegenüber Spandau kommen: Es gebe hier keine Möglichkeiten, sein Nachtleben ansprechend zu gestalten. Entgegen landläufiger Meinung gibt es auch hier Spätis, Döner und Kneipen, die die ganze Nacht offen haben und die Pichelsdorfer Straße ist eine der schönsten Kneipenstraßen Berlins. Natürlich trifft man hier nicht den Urban Chiq von Kreuzberg oder Neukölln an, wo eine Kneipe so dunkel sein muss, dass man sein Getränk kaum findet, das Mobiliar wild second hand zusammengewürfelt und die Bedienung ebenso gutaussehend wie unfreundlich.

Spandau, Pichelsdorfer Straße, Kneipe
In der Pichelsdorfer und der abgehenden Brüderstraße häufen sich gemütliche Raucherkneipen.

Dienst am Glas

Dafür gibt es gemütliche Eckkneipen mit Schultheiß-Wappen, Rockerkneipen, günstige Restaurants und Bars für die Jugend wie man sie vom Land kennt. Inklusive Best of 80s bis 2000er Playlist und Schirmchen im Drink. So gesehen ist Spandau wirklich nicht Berlin, es besitzt eher eine gewisse Vorortromantik. Man hält seiner Stammkneipe die Treue und wenn man tanzen möchte, geht man ins Ballhaus. Dort wird schön dörflich gefeiert, mit billigen Longdrinks und einem Resident, der – kein Witz – DJ Mucke heißt. So werden Viele von uns das aus ihrer Jugend kennen. Mit ein wenig Nostalgie kann man deshalb als Spandauer sehr gut neue Freunde im Kiez finden und mit ein wenig Nostalgie kann man in Spandau ein sehr vertrautes heimatliches Lebensgefühl entwickeln und hat die großen Partys und die Bars, wo die Freunde aus Berlin auf einen warten nur ein paar Minuten Zugfahrt entfernt. Und wer einmal eine Nachtbusfahrt aus Kreuzberg nach Spandau macht und im oberen Stockwerk in der ersten Reihe sitzt, der hat eine ganz herrliche berauschte Stadttour und schläft danach, schon ein bisschen ausgenüchtert, wie ein Stein.

Bleibt ihr mal wo ihr seid!

Spandau bringt theoretisch alle Voraussetzungen mit, um von der Gentrifizierungswelle mitgerissen zu werden: Die Mieten sind günstig, die Bevölkerung multikulti, die Infrastruktur autark und ein bisschen kaputt. Dank des Mindsets der Berliner brauchen wir uns aber vor solchen Veränderungen nicht zu fürchten, und während ihr mit dem Mietrecht kämpft und in 5 Jahren nach Moabit oder Wedding ziehen müsst, bleiben wir einfach hier und machen uns das Leben schön. Liebe Grüße.