Finn Andrews: »Ich habe keine Lust mehr, nett zu der Gitarre zu sein!«

in Interviews/Musik

Neues Album, neue Wege: Mit „Total Depravity", dem fünften Album von The Veils, schlägt Finn Andrews ungewohnte Töne an. Erstmalig wurden Loops und Samples für die Songs verwendet. Herausgekommen ist ein überraschend elektronisches Pop-Noir-Album mit episch-biblischen Bildern, das selbst vor Abstechern in den Hip-Hop nicht haltmacht.

Co-produziert wurde das Ganze von keinem Geringeren als Run The JewelsEl-P. Ganze zwei Jahre hat Andrews dafür an den Skizzen gefrickelt, u.a. in der Casa David Lynch in Los Angeles. In dessen Kult-Serie „Twin Peaks" ist die Band 2017 zu sehen, doch schon jetzt munkelt die Netz-Gemeinde, der Exorzismus-Alptraum „Axolotl“ könnte der neue Soundtrack sein. »Who needs the devil when you got the lord«, predigt Andrews darauf zwischen stapfenden Beats und wildgewordenen Gitarren. Mit [030] spricht Finn über religiösen Fanatismus, neue Grenzbereiche und musikalisches Chaos.

Religiosität, Exorzismus und Fanatismus – woher kommt dein Hang zu diesen Themenwelten?

Mir schießen diese Geschichten von alleine in den Kopf. Aber sicherlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem klösterlichen Leben und dem eines Songwriters.

Jetzt veräppelst du mich aber.

Wirklich. So viel wie man zu Hause sitzt und schreibt. Und trotzdem: Mir war Religiosität schon immer fremd. 

The Veils mit Mastermind Finn Andrews (Mitte)
Jessica MacCormick

Dass du kein begeisterter Kirchengänger bist, hätte ich fast geahnt. 

Null. Ich bin kein bisschen religiös aufgewachsen. Irgendwie hat mich kirchliche Architektur schon immer fasziniert. Gleichzeitig finde ich sie unglaublich befremdlich. Von Religionen habe ich mir immer das genommen, was ich will, ohne das komplett auf mich zu übertragen.

In den Geschichten kommen diverse fanatische Charaktere vor, darunter Scientology-Gründer L. Ron Hubbard und ein verrückter Lkw-Fahrer. Dann gibt es da noch den Papst. Okay, den wollen wir nicht gleich fanatisch nennen…

Für mich drücken die alle aus, was Menschen mit ihrem Glauben machen – und was für Geschichten sie erfinden. Das ist wahnsinnig interessant. Allein aus Scientology könnte man eine ganze Platte machen. 

Total Depravity
Total Depravity

Wie kann man sich deinen Schreibprozess vorstellen? Ich sehe dich ganz alleine in einem dunklen Raum mit wirklich mieser Laune.

Das ist nah dran an der Realität. Ich schriebe quasi jeden Tag und versuche, an mich selber heranzuschleichen. Das Ergebnis klingt düster, aber tief da drin stecken viele verschiedene Emotionen im Konflikt miteinander. Ich habe keine Kontrolle darüber. Beim Schreiben bin ich ständig lost.

Stimmlich stößt du dieses Mal in Grenzbereiche vor, die man sonst eher von deinen Live-Auftritten kennt. 

Stimmt. Ich bin selbstbewusster im Umgang mit meiner Stimme geworden und habe mehr Kontrolle über sie. Das ist aber auch die einzige Sache, bei der das so ist. Ich weiß nie, wo ich stehe. Sicherlich war ich auch ein bisschen pissed, dass alle immer sagen „oh, ich mag deine Stimme live lieber als auf Platte“. Klar, live war das immer ein bisschen anders. Ein paar Songs passen sich jetzt an. 

„Axolotl“ zum Beispiel?

Ja, das ist der extremste Song. Ich habe in das Mikro vom Laptop geschrien, weil wir nicht im Studio waren. Ein gutes Gefühl. Das war super Lo-Fi und gibt dem ganzen etwas noch Chaotischeres, finde ich.

Deine Instrumente hast du dieses Mal aber auch getriezt?

Absolut. Ich habe keine Lust mehr, nett zu der Gitarre zu sein. Das Mikro habe ich einfach in den Verstärker gepackt und Geräusche entstehen lassen. Aus meiner Stimme habe ich komische Loops gemacht. Das hat mich an einen ganz neuen Punkt gebracht: Man muss traditionelle Instrumente nicht immer vorsichtig behandeln.

Ab „Iodine & Iron“ geht es wieder geordneter zu. Kann man sagen, die Platte hat zwei Hälften?

Das kann man so sehen. Ab da rückt die Band wieder in den Vordergrund. Wir wollten sie wie Wellen in die Song treiben und wieder raus. In den elektronischen Songs ist die Band auch da, aber wir haben so sehr damit rumgepfuscht, dass man sie nicht mehr hört. Ab „Iodine & Iron“ kommt eine größere Welle, die mit „Total Depravity“ wieder geht. Wir wollten kein Album, das berechenbar ist.

Und wie reproduziert ihr das nun alles live?

Uhm, gute Frage. (lacht) Wir arbeiten noch dran. Wir wollen auf keinen Fall Banking Tracks. Das muss alles live sein. Es soll nicht anders werden als sonst. Das ist eine technische Herausforderung, aber das war das Album an sich ja auch. Wird schon.

The Veils live: 23. November – Bi Nuu Berlin

„Total Depravity“ erscheint am Freitag über Nettwerk (Soulfood).

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.