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AK Ausserkontrolle, Ausserkontrolle, Berlin, Wedding, Auf!Keinen!Fall!

»Ich erzähle aus meinem Leben. Das ist mein Recht.« – AK Ausserkontrolle

in Interviews/Musik

Authentizität, Realness – Nervige Begrifflichkeiten. Jeder, der sich vor eine Kamera stellt, inszeniert sich selbst, und das, was er erzählt, ist zumindest überzeichnet. Warum auch nicht? Solange ich meine eigene Geschichte erzähle, bin ich ja wohl verdammt nochmal der Held. Trotzdem zeichnet den Weddinger Ex-Einbrecher AK Ausserkontrolle irgendetwas aus.

Die düstere Augenpartie, die über der Maskierung zu erkennen ist, scheint dem Gegenüber direkt in die Seele zu blicken. Man kauft AK ab, dass  er spannende Geschichten zu erzählen hat. Darin liegt vielleicht der Unterschied: Andere müssen große Töne spucken, um überhaupt Aufmerksamkeit zu generieren. Er hatte sofort Aufmerksamkeit und die richtete sich natürlich nicht nur auf seine Musik. Jetzt erscheint Langspieler Nummer zwei mit dem klangvollen Titel „A.S.S.N.“. Oder: „Auf Staat Sein Nacken“.

Es haben sich für dich von Anfang an nicht nur Musikmedien interessiert.

Letztes Jahr war das schlimm. Wegen der Einbrüche hatten die richtig ein Auge darauf. Die hatten nur Bock auf Skandale, das hat mich von Anfang an gestört. Als das erste Album rauskam, wusste ich nicht, wie es einschlagen würde. Daraus wollte ich schließen, ob man uns nur für das Image oder auch für die Musik interessant findet. Dann sind wir unerwartet Top 10 gegangen. Damit hat sich die Musik am Ende durchgesetzt. Meinem Image bleibe ich natürlich treu. Es nervt aber, wenn immer die selben Fragen kommen.

Dann lass uns über die Musik sprechen. Was wolltest du auf Album zwei anders machen?

Ich stehe jetzt nicht mehr so sehr solo für Ausserkontrolle. Es sind Features von Fux, Jason und Pablokk drauf, die ich gerne präsentieren wollte. Ich habe versucht, eine gesunde Mischung zu finden und ein paar Experimente zu machen. Beim letzten Album haben viele „2065“ gefeiert. In die Richtung habe ich mehr gemacht.

„2065“ war ein kleiner Überraschungshit, weil er melodischer war als die anderen Sachen. Welche Songs auf dem neuen Album gehen in diese Richtung?

„Lieber Gott“ geht in diese Richtung und hat auch eine andere Message. Man kann ja nicht immer das selbe erzählen. Man möchte die Fans befriedigen und ihnen nicht immer die selbe Leier geben. Damit ist es für mich musikalisch und nicht nur Rap.

Kannst du erklären, worum es inhaltlich bei „Lieber Gott“ geht?

Es geht darum, dass man verloren ist in dieser Welt. Zwischen Glamour, Geld und Fame. Das bringt einen durcheinander. In der Hook bitte ich Gott darum, niemals arm zu werden. Es geht darum, dass man Geld macht, das haram ist, weil man in einer Lage steckt, in der es schwierig ist, Geld zu machen, das halal ist.

Geht es auch darum, Reue zu zeigen oder sich zu rehabilitieren für das Geld, das haram war?

Ich glaube nicht, dass man sich dafür im Nachhinein rehabilitieren kann. Es geht darum, zu sagen: Lieber Gott, ich habe viele Fehler gemacht. Ich hoffe, du verzeihst mir. Ich bin schwach. Bitte gib mir Kraft!

Kaum eine Schlagzeile, die dir gewidmet ist kommt ohne Phrasen wie „100% authentisch“ oder „Realer geht es nicht“ aus. Hat die Authentizität, die du mitbringst Berliner Gangsta-Rap vorher gefehlt?

Ich bin hier groß geworden und das ist mein Leben. Was für andere krass ist, ist für mich Normalität. Es gibt Leute, die sich nicht vorstellen können, hier zu leben. Ich kann mir nicht vorstellen, anderswo zu leben. Für die Leute bin ich besonders real, ich hänge das aber selbst nicht an die große Glocke. Ich rappe einfach über mein Leben. Damit bin ich jetzt scheinbar der Authentischste.

Assoziierst du dieses Leben stark mit deinem Stadtteil Wedding?

Wedding ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern eine kriminelle Hochburg. Klar hat es damit zu tun, dass ich in Berlin und speziell in Wedding groß geworden bin. Die Dinge, die ich getan habe haben sich herum gesprochen. Wenn jemand anfängt, zu rappen und Geschichten zu erzählen, gibt die Stadt eine Antwort. Meinen Namen kennt man hier. Einer war mit mir im Knast, der andere ist mit mir zusammen eingebrochen.

Dein Albumtitel erwähnt Vater Staat. Gibt es Probleme im System, die junge Migranten in die Kriminalität drängen?

Es ist eher ein Reinwachsen. Schon als meine Eltern hierher geflüchtet sind, wurde viel zu wenig getan. Sie kamen von einem Dorf. Dort spielten die Kinder die ganze Zeit frei. Es gab keine Straßen und keine Drogen an jeder Ecke, das kannten die nicht. Die ersten drei, vier Jahre wurden sie hier in Heime gesteckt, bekamen dann irgendwann eine Wohnung und hatten auch einen Betreuer, der sie beim Papierkram unterstützt hat. Das war es aber auch. Meine Eltern können bis heute kaum Deutsch. Wie sollten sie mich auf das Leben hier vorbereiten? Ich musste Alles selbst erkunden und dann macht man halt viele Fehler. Ich möchte nicht sagen, dass ich dazu verleitet wurde, aber wenn man die ganze Zeit auf der Straße ist und mit Leuten aufwächst, die sich gerade ein fettes Auto gekauft oder einen eigenen Laden aufgemacht haben und man weiß, die sind Alle kriminell und haben das mit kriminellen Geldern gemacht, dann beginnt man schon in jungen Jahren, Pläne zu schmieden.

An welchem Punkt war für dich klar, dass das Vergangenheit sein muss und Musik die Zukunft sein wird?

Wenn man immer wieder in den Knast geht, wieder rauskommt, wieder reingeht und jedes Mal Alles verliert, das man sich draußen aufgebaut hatte, dann kotzt das irgendwann an. Ich hatte hobbymäßig schon eine Weile Musik gemacht und habe mich dann entschieden, ein paar geile Videos rauszuhauen und einen Deal an Land zu ziehen.

Obwohl die Kriminalität also in deinem Leben der Vergangenheit angehört, sind das die Geschichten, die du in deiner Musik weiterhin erzählst.

Musik ist eine Ablenkung für mich und ich verdiene damit Geld. Ich sehe jetzt Sinn darin, mich in diese Geschichten aus meinem Leben reinzusteigern. Ich kann ja nichts Anderes. Ich habe nichts gelernt außer Einbrechen und Drogen verkaufen. Jetzt habe ich einen geregelten Tagesablauf. Ich gehe ins Studio, mache Musik, kümmere mich um meine Seiten. Ich zahle jetzt Steuern. Das ist etwas Besonderes für mich.

Wie lange kann man weiter aus diesem Lebensabschnitt erzählen, obwohl die Gegenwart sich normalisiert?

Ich lebe immer noch hier, habe immer noch das selbe Umfeld und es passieren jeden Tag neue Geschichten. Ich habe auch so viel erlebt in diesen Jahren, dass ich niemals genug erzählen kann. Zudem geht es auf dem Album um viele Dinge, nicht nur ums Einbrechen.

Wenn durch die Musik eines Tages dein ganzes Umfeld reich und zufrieden ist, müsste sich dann die Musik verändern?

Nein. Es ist ja diese Musik, die dazu geführt hat, dass mein Leben jetzt funktioniert. Ich wäre also bescheuert, sie zu ändern. Das ist mein Leben. Das ist mein Lifestyle. Ich kann nur so rappen wie ich rappe. 

Deine Musik hören sicher viele Kids mit einem ähnlichen Hintergrund und ähnlichen Problemen. Gibst du denen eine Message mit?

Klar ist es etwas verherrlichend, was ich mache. Das möchte ich nicht verleugnen. Es ist aber mein Leben. Ich erzähle, was ich erlebt habe und wer ich bin. Das ist mein Recht. Ich erzähle auch, dass ich dafür jahrelang im Knast saß, viel Stress hatte und da raus will, nicht rein. Ich glaube, das gebe ich den Fans zu verstehen. Ich hätte mir mein Leben anders erträumt. Jeder Mensch hat Träume und wünscht sich, aus seinem Leben das Beste zu machen. Im Endeffekt muss man aber aus der Situation, in der man ist das Beste machen. Da bin ich inzwischen auf einem guten Weg.

Du tourst mit Labelkollege Capital Bra. Im Vorfeld habt ihr euch auch gegenseitig gefeatured. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Wir hatten mal über Facebook geschrieben. Als sein Album kam, hab ich ihn dann in mein Studio eingeladen und wir haben ein gemeinsames Foto gepostet, um sein Album zu unterstützen. Stück für Stück hat man sich dann kennen gelernt. Er ist noch krass jung, aber sehr talentiert. Patrick von Auf!Keinen!Fall! hatte ihn auch schon im Auge, hat mich dann angesprochen und gefragt, was ich von ihm halte und ihn letztendlich gesignt. 


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Live am SA 20.5. ab 20 Uhr im Gretchen.
„A.S.S.N.“ erscheint am 5.05. über Auf!Keinen!Fall!.
Online erhältlich: iTunes / Amazon.


Fotocredit: Josephine Jatzlau

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