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Foto: © Universal Music

Haiyti im Interview: »Ich habe damit kein Problem, wenn ich ein paar Fans verliere«

in Musik/Textinterviews

Haiyti ist die deutsche Trap-Queen und bringt jetzt endlich ihr Debütalbum heraus. Es ist nicht so, dass es an anderen Veröffentlichungen vorher gemangelt hätte. Mit ihrem Mixtape „City Tarif“, produziert von ‚AsadJohn‘, rückte sie sich selbst ins Spotlight der jungen deutschen Rapszene. Es folgten Zusammenarbeiten mit den Produzententeams ‚KitschKrieg‘ und ‚Die Achse‘, sowie eine legendäre Clubtour mit Homie Trettmann.

2017 war Haiyti quasi im Dauerstress, zumindest was die Arbeit an neuer Musik betraf. Zwei EP’s und ein Mixtape stehen zu Buche, dazu unter anderem noch ein Feature auf Trettmanns hochgelobtem Album #DIY. Für “Montenegro Zero” ist Haiyti zum Major-Label Universal gewechselt, wo sie wahrscheinlich 100.000 neue Fans erreichen wird. Wir haben mit ihr über Zugezogene in Berlin, Serienmodelle und Luxuvillen am Meer gesprochen.


Warum hat es der kleine Staat Montenegro auf den Albumtitel geschafft?

Viele Songs von mir sind so ein bisschen von der Adria angehaucht. Ich wollte das aber nicht so klassisch, schick italienisch haben, sondern eher etwas abgefuckt. Ich finde Montenegro verbindet das ganz gut. Ein bisschen italienisch, aber trotzdem etwas abgucktes. Gleichzeitig ist es auch so ein großer, schwarzer Berg, was ich als Sinnbild cool finde.

Warum bringst du das Album bei einem Major-Label raus?

Ich wollte die Qualität meiner Fotos steigern. Nein, Qautsch. Ich wollte es einfach mal ausprobieren. Ich habe lange genug alles alleine gemacht und mache auch jetzt immer noch viel selber, habe aber Hilfe, wenn ich sie einfordern würde. Für ein paar Songs gibt es dann Gelder, mit denen ich mit Produktionsfirmen zusammenarbeiten kann und nicht mehr nur mit noch Low-Budget-Filmern. Ich hatte keinen Bock mehr so viel Trash zu machen. Aber eigentlich mache ich das immer noch, irgendwie hat sich nicht viel geändert, komischerweise.

Bist du wegen dem Major Label anders an das Album herangegangen?

Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Es kann schon sein, das es Leute bei meinen Fans gibt, die das Label nicht mögen. Aber ich habe damit kein Problem, wenn ich ein paar Fans verliere, das ist nicht schlimm. Das tut mir nicht weh.

Das Album wurde komplett von KitschKrieg produziert. Waren auch andere Producer im Gespräch?

Ja, eigentlich war das die erste Idee. Ich kam erst mit Beats von anderen Produzenten an, aber für KitschKrieg hat die Qualität da nicht gestimmt. Daher habe ich es dann doch nur mit ihnen gemacht, die sind da sehr penibel.

Trotzdem sind die Instrumentals sehr variabel geworden.

Ich hab da intuitiv mit KitschKrieg zusammengearbeitet und jeweils gesagt, welchen Beat ich mir zu welchem Song vorstelle. Zum Beispiel elektronischen Dancehall bei ‚100.000 Fans’, das haben wir dann einfach umgesetzt. Der Beat vom Song ‚American Dream’ war der erste Track, den ich aufgenommen habe, noch vor den eigentlichen Aufnahmen für das Album. Die haben mir das Instrumental einfach vorgespielt und ich habe sofort drübergesungen, da musste ich mich nicht einmal bewusst für entscheiden.

Gibt es ein Genre für das Album?

Ich würde es poppigen Dirty-South nennen.

Wie oft warst du für die Albumaufnahmen in Berlin?

Wir haben uns ein Studio in Kreuzberg gemietet. Ich war dann drei Wochen am Stück hier in Berlin und nicht in Hamburg. Es ist schon ähnlich wie bei Trettmann, der seine Freizeit in Leipzig verbringt. Berlin ist Arbeitsort für uns. Alle wollen wahrscheinlich, dass ich hier hinziehe, aber ich mache das nicht. Es wäre natürlich auch leichter, denn es gibt hier die Studios, das Management, Label, Freunde und andere Künstler. Man hätte hier wahrscheinlich ein besseres Leben, aber man will eigen bleiben. Ich beobachte viele Leute, nicht unbedingt Künstler, die alle nach Berlin kommen und alle zu ein und derselben Person werden. Trettmann und ich sind nicht so. Wir bewahren uns unsere Identität. Man merkt das auch daran, wie diese Leute reden. Sie benutzen alle dieselben Wörter, ziehen dieselben Klamotten an, gehen in dieselben Räumlichkeiten und wohnen in denselben Stadtteilen. Aber die kommen halt alle nicht aus Berlin.

Sind das dann auch die Leute, die ins Berghain gehen?

Ich weiß nicht, ich war ja noch nie da. In letzter Zeit bringt mir Feiern auch gar keinen Spaß mehr. Ich war letztens weg und es hat mir irgendwie nichts gebracht. Ich denk mir, dass es wie früher sein könnte, aber ich lebe mein Leben nicht mehr so wie früher. Ich muss jetzt mit Stars und Künstlern abhängen und nicht mit irgendwelchen Partylauchs. Die Partysongs von mir sind eigentlich gespeicherte Erinnerungen. In den letzten zwei bis drei Jahren hatte ich selten eine gute Party. Ich war so ungefähr sieben Mal auf der Fusion, aber eben nicht in den letzten Jahren.

Sind für dich jetzt Luxusvillen auf Monacco eher die geeignete Umgebung?

Das ist auf jeden Fall da, wo ich hinwill, aber zurzeit noch nicht bin. Ein Traum. Will nicht jeder eigentlich raus aus dem Großstadtleben?

Trotzdem sagst du im Song “Haubi” auch „Das schöne Leben aussichtslos, für kurze Zeit nur auf dem Thron“.

Da geht es eigentlich um Junkies. In dem Song bin ich eigentlich das Blechstück, das alles beobachtet. Wenn ich singe „Das Leben geschrieben auf Blech“, dann müsste es eigentlich ein Video geben, wo das kleine Blechstückchen mit Augen und Mund diese Geschichte erzählt.

Auch im Song Serienmodell nimmst du eine beobachtende Perspektive ein.

Der Song ist eine Verarschung an diese Normcore-Bitches. Ich hab auch ein Plaktat von ‚Deutsche und Japaner‘ in meiner Box und die brauchten dafür einen Spruch. Und ich dachte mir nur: Scheiße, was sind denn jetzt meine Sprüche? Mir ist dann eigentlich nur einer eingefallen, und zwar „Keine Zeit für euch Bitches“. Das finde ich auf jeden Fall einen guten Satz fürs Album. Ich glaube, wenn ich so einen beobachtenden Song mache, sind das Geschichten, die mir persönlich passiert sind. Wie zum Beispiel, wenn eine Gruppe mich ausschliessen will. So bei ganz normalen Mädels, die kommen ja gar nicht klar auf mich. Ich bin jemand, den auch ganz viele Frauen hassen. Der Track ist eigentlich ein Racheakt, denn man wird ausgeschlossen von den Serienmodellen. Dieses Serienmodell ist für mich eigentlich schon eine Art Kunstfigur, weil ich gar nicht weiß, ob ich mit dieser Person Freund oder Feind sein will. Es steht mir gegenüber und eigentlich will ich auch so sein, kann es aber nicht sein. Wenn ich versuche so zu sein, klappt es nicht. Wiederum können die auch nicht so wie ich sein. Ich weiß nicht, in welcher Figur ich mich besser finde. In der normalen Person, die man nicht angreifen kann oder in dem polarisierenden Wesen, was ich eher bin. Das heißt dann, man ist besonders, aber auch angreifbarer.

Warum gibt es dieses mal keine Features auf dem Album?

Aus ein paar Gründen ist ein Feature nicht entstanden und da ist es besser kein Feature auf dem Album zu haben, als nur zwei. In Pressetexten wird ja auch immer erwähnt, welche Features vertreten sind, mit denen du dann in Verbindung gebracht wirst. Aber ich dachte mir, dass es mir gerade nicht so um die Features geht, sondern um eine Stellungnahme für mich selber. Deswegen ist man etwas radikaler vorgegangen. Es ist ein taktischer Schritt.

Mit dem Abum gehst du auch auf Tour. Bedeutet das, dass es erstmal nicht so viele Veröffentlichungen geben wird, wie 2017?

Ich bin jetzt im Major-Leben angekommen und muss auch viel dafür tun, dass sich das Abum verkauft. Das ist ja kein Geheimnis. Das Album wird jetzt beworben, dann kommt es raus und es gibt die Tour. Danach mal gucken, wie sich das steigert oder eben nicht. Ich hätte jetzt gar keine Zeit, um ins Studio zu gehen. Ich mache jetzt diese andere Seite mit und gucke mal, wie es läuft. Ich habe es lange anders versucht, aber so ein paar Hater würden sich wahrscheinlich wünschen, dass ich weiter im Untergrund rumwurschtele. Aber nee, ich kann auch kooperieren.

Manche wünschen sich wahrscheinlich, dass ihre Lieblingmusik nicht in den Mainstream kommt.

Ich hab das genauso mit GPC empfunden. Das war früher ein Kumpel von mir in Frankfurt. Wir haben da gefeiert, ich war übelst Fan von ihm und hab sein Album gepumpt. Sieben Jahre später hören das die ganzen Kids und sagen, dass das der Shit ist. Natürlich gönne ich es ihm. Aber man ist auch sauer, weil dir deine Welt, die Du für Dich entdeckt hast, genommen wird und ihn auf ein mal alle Szene-Kids hören, mit denen man sich null identifiziert. Da ist immer der Zwiespalt.

Warum scheitert der American Dream am Ende deines Albums?

Ich wollte mal ganz viele Jobs machen, wollte mal Schauspielerin werden. Aber dafür muss man früh damit beginnen und dafür ist es jetzt wahrscheinlich zu spät. Und ich war auch immer noch nicht in Amerika. Das ist eigentlich der Traum. Den Dream wollen ja alle. Das ist wie der Film „The Wrestler“, der Song könnte eigentlich der Soundtrack dazu sein.

schreibt über Musik, besucht sehr viele Konzerte und kauft seine Platten am Merchandise-Stand. Interessen: Texte ins Internet schreiben, Bassgitarre und Kreisligafußball.