Illegales Tun und urbane Kunst – das ging lange Zeit Hand in Hand. Doch inzwischen benutzt die Kunstform subversive Strategien, um vom Kunstbetrieb anerkannt zu werden. Wir haben sie unter die Lupe genommen.


Sie sprayen, bekleben, installieren, benutzen Schablonen, Objekte und Textilien. Meistens rebellisch, oft provokant, manchmal sogar verstörend. Urban Artists wie El Bocho – bekannt für seine Paste-Up-Charactere wie Little Lucy und ihre Katze – oder der mit abstraktem Schablonengraffiti arbeitende XOOOOX machen Berlin mir ihren Werken zur öffentlichen Galerie. Freie Meinungsäußerung, frei von kommerziellen Interessen. Dass El Bocho seine seine Arbeit auch in Ausstellungen präsentiert und XOOOOX der erste deutsche Streetartist war, dessen Arbeiten auf dem internationalen Kunstmarkt gehandelt wurden, will sich da nicht recht ins Bild einfügen.

Wer wird hier gefickt?

Galerie? Verkauf? Sponsoring?

Seit den 00er Jahren formiert sich eine internationale Urban Art-Bewegung, die zunehmend auch den Kunstmarkt ins Visier nimmt. Diesen Künstlern geht es um mehr als den Ausdruck an Hauswänden, Fassaden und U-Bahn-Depots. Die Urban Art-Szene drängt darauf, als zeitgenössische Kunst angesehen zu werden wie Fotografie, Video-, Performance-, und Konzeptkunst. Plus: Sie wollen ihren Platz als solche erhalten. Verständlich, betrachtet man die Kunstform abseits aller Klischees von illegalen Sprühaktionen.

Von der Straße in die Galerie

Die Wurzeln liegen in der Graffiti-Kunst. In den 1970er Jahren entwickelt sich im New Yorker-Untergrund die von der aufkeimenden Hip-Hop-Bewegung inspirierte Szene. Innerhalb weniger Monate wird sie zu einer gigantischen Welle, die bis nach Europa schwappt – London, Amsterdam, dann West-Berlin. Zahlreiche Künstler fügen in den folgenden Jahrzehnten neue grafischen Arbeiten in den urbanen Raum ein. Der Begriff Streetart wird geboren. Heute berufen sich die meisten von ihnen auf den Begriff Urban Art, der in Angesicht der Bandbreite immer schmuckvoller gewordener Techniken offen lassen soll, inwiefern man im öffentlichen Raum aktiv werden kann. Urban Art, so ihre These, bewegt sich zwischen Graffiti, Streetart und bildender Kunst und kann deshalb genauso sehr auf der Straße abgebildet werden wie auf der Leinwand für die Galerie.

Die ewige Diskussion um das Triviale

Zahlreiche internationale Festivals bemühen sich daher um die kulturbetriebliche Eingliederung und Entkriminalisierung. Weltweit vertreten Galerien immer häufiger Künstler der Urbanen Kunst und stellten ihre Arbeiten aus. Auch in Berlin scheuen sich Ausstellungsräume wie der me Collectors Room nicht vor der Aufnahme. Andere, wie die Circle Culture Gallery, widmen sich ihr ausschließlich. Die etablierte Kunstmesse Berliner Liste schuf 2016 extra eine Urban Art-Sektion. Dennoch: Ablehnung aus Galeristen- Kreisen gibt es immer noch. Urban Art? Ihrer Meinung nach Trivial- statt Hoch-Kunst. So bleibt die Tür oft verschlossen – die urbane Kunstform das Problemkind des kulturellen Ausdrucks und der Zeitgenössischen Kunst.

Neue Wege braucht die Kunst

Um das zu ändern, hat es sich die Berliner Plattform Urban Nation zur Aufgabe gemacht, nationalen und internationalen Künstlern Räume zu bieten. Bis Herbst soll das „Museum für Urban Contemporary Art“ entstehen – eine Galerie und Plattform für Debatten und Förderung in einem. Finanziert wird das Projekt von der Lotto-Stiftung, welche diverse kulturelle, soziale und karitative Non-Profit Projekte fördert. Anders das Kunst-auf-Zeit-Projekt THE HAUS, welches ab April in einem leer stehenden Bürogeb.ude in Charlottenburg ausstellt. Hier hat ein Kölner Bauträger der erfolgreichen Berliner Streetart-Agentur „xi-Design“ das Gebäude zur Verfügung gestellt. Mithilfe zahlreicher Sponsoren wie Berliner Pilsener und Jägermeister gestalteten seit vergangenen Herbst 170 Künstler aus der ganzen Welt einen Kunstraum auf vier Etagen. Inwiefern in diesem Zusammenhang noch von Urban Art gesprochen werden kann, bleibt dem Betrachter überlassen. Der Einritt ist frei. Sponsoren sei Dank.

Keine Kunst ohne Kommerz?

Die Verzahnung von Kunst und Ökonomie hat in der Urbanen Kunst also längst Einzug gefunden. Die Erklärung ist einfach: Anders als in kommerziellen Kunstfeldern geht es Urbaner Kunst weniger um den ökonomischen Erfolg, sondern um die Möglichkeit, überhaupt vor einer kunstinteressierten Öffentlichkeit ausstellen zu können und soziales Kapital zu gewinnen. Entscheidend für die Anerkennung eines Werkes ist immer noch die Frage, wo publiziert wurde. Ausstellungsorte fungieren auch hier als Machtzentren und sorgen für szeneninternes Prestige.

Was bleibt?

Auch künstlerische Freigeister kommen heute nicht drum herum, ihren Platz zwischen Kunst und Kommerz zu definieren – und sei es nur, um sich mehr Ausdrucksmöglichkeiten zu verschaffen. Zieht Urban Art in die Galerien, besitzen nicht mehr nur Auktionshäuser und Edelgalerien die Deutungshoheit, über Kunstwerk und Nicht-Kunstwerk, zu entscheiden. Der Ausdruckskraft im Zeichen der Verhandlung politischer und ästhetischer Realitäten muss das nicht in jedem Fall schaden. Fest steht: Bis die Urban Art innerhalb der Kunst als hoch entwickelte Strömung der angesehen wird, ist aber noch viel Arbeit zu leisten.