Fuck the System? – Urban Art zwischen Kunst und Kommerz

in Stadtleben

llegales Tun und urbane Kunst – das ging lange Zeit Hand in Hand. Doch inzwischen benutzt die Kunstform subversive Strategien, um vom Kunstbetrieb anerkannt zu werden. Ausgeschmückte Arbeiten ziehen da plötzlich in Galerien oder Museen. Tut das Urban Art gut?

Beginnen wir mit einem Rückblick. Es war der Besucher-Magnet schlechthin: Wochenlang drängelten sich Tausende stundenlang um ein ehemaliges Bankgebäude in Schöneberg, um durch den Art-Komplex THE HAUS gescheucht zu werden. Ein Kölner Bauträger, der hier inzwischen schicke Eigentumswohnungen baut, hatte zuvor der erfolgreichen Berliner Street Art-Agentur „xi-Design“ das Gebäude zur Verfügung gestellt. Mit freundlicher Unterstützung von Berliner Pilsener und Jägermeister gestalteten in der Zwischennutzungsphase 170 internationale Künstler einen Kunstraum auf vier Etagen. Am Ende war der Eintritt frei. Sponsoren sei dank. Die verstanden es natürlich, sich für ihre Zwecke mit dem trendigen Aushängeschild Urban Art zu schmücken. Wir sprachen damals mit dem Künstlerduo Koikate und fragten, ob der Kommerz in diesem Fall über die Kunst siege. Die Antwort: »Klar, dass wir uns da mitverkaufen. Solange uns inhaltlich nicht reingeredet wird, habe ich aber nichts gegen eine Zusammenkunft von Kunst und Kommerz.« Ah ja.

Szeneninterne Kritik

Der harte Kern der Szene schien diesbezüglich ebenfalls eine eindeutige Meinung zu haben: An dem Baugerüst des Gebäudes wurde nach Abschluss der Ausstellung von Unbekannten ein Plakat angebracht, welches das Projekt scharf kritisierte: »[…] Ja, einen tollen Erlebnispark hattet ihr geschaffen. Wo der sonst so intollerante Pöbel vom Ächter zum Versteher der ihnen so verhassten Kultur werden durfte. Doch das war kein Graffiti. Das war keine Kunst. Ihr habt nur eine stumpfsinnige und morallose Entertainmentversion fürs einfache Gemüt serviert.« Oder kurz und knackig: Wer sonst Graffiti & Co. kriminalisiert, fand in dem von Firmen getragenen „Fancy-Art-Spektakel“, das mehr auf ästhetisch statt über-politisch setzte, plötzlich genug, um sich daran zu ergötzen. Dabei steht die Kunstform doch für freie Meinungsäußerung, frei von jeglichen kommerziellen Interessen.

Galerie? Verkauf? Sponsoring?

Dennoch formiert sich seit den 00er Jahren eine internationale Urban Art-Bewegung, die zunehmend auch den Kunstmarkt mit all seinem Drumherum ins Visier nimmt. Diesen Künstlern geht es um mehr als den illegalen Ausdruck an Hauswänden, Fassaden und U-Bahn-Depots. Viele von ihnen drängen darauf, wie Fotografie, Video und Performance als Bildende Kunst angesehen zu werden. Um das zu verstehen, muss man Street Art und Urban Art zunächst voneinander differenzieren. Beides hat seine Wurzeln in der Graffiti-Kunst des 70er Jahre New York-Underground. Innerhalb weniger Monate wurde Graffiti zu einer gigantischen Welle, die bis nach Europa schwappt – erst London und Amsterdam, dann West-Berlin. Zahlreiche Künstler fügten in den folgenden Jahrzehnten neue grafischen Arbeiten in den urbanen Raum ein. Der Begriff Streetart wurde geboren. Heute berufen sich viele von ihnen auf den zu unterscheidenden Terminus Urban Art, der in Angesicht immer schmuckvoller gewordener Techniken offen lassen soll, inwiefern man im öffentlichen Raum aktiv werden kann. Urban Art, so die These, bewege sich zwischen Graffiti, Street Art und bildender Kunst und kann deshalb auf der Straße wie auf der Leinwand für die Galerie abgebildet werden.

Die ewige Diskussion um das Triviale

Zahlreiche internationale Festivals bemühen sich daher um die kulturbetriebliche Eingliederung und Entkriminalisierung. Weltweit vertreten Galerien immer häufiger Künstler der Urbanen Kunst und stellten ihre Arbeiten aus. Auch in Berlin scheuen sich Ausstellungsräume wie der me Collectors Room nicht vor der Aufnahme. Andere, wie die Circle Culture Gallery, widmen sich ihr ausschließlich. Die etablierte Kunstmesse Berliner Liste schuf 2016 extra eine Urban Art-Sektion. Dennoch: Ablehnung aus Galeristen-Kreisen gibt es immer noch. Urban Art? Ihrer Meinung nach Trivial- statt Hoch-Kunst. So bleibt die Tür oft verschlossen – die urbane Kunstform das Problemkind der Zeitgenössischen Kunst. Und die Graffiti-Riege? Die will damit oftmals nichts zu tun haben und fühlt sich beschmutzt.

Neue Wege braucht die Kunst?

Ein neues Projekt, das derzeit Diskussionen auslöst, ist das Museum für Urban Contemporary Art der Berliner Plattform Urban Nation: Galerie und Plattform für Debatten und Förderung in einem. Finanziert wurde das Ganze mit Millionen von der Lotto-Stiftung, die kulturelle, soziale und karitative Non-Profit-Projekte fördert. Die Stiftung Berliner Leben und die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag unterstützen das Ganze. Kuratorin Tasha Young zum Projekt: »Urban Art bleibt bisher unerkannt, ungefördert und unverstanden. Dabei steht hinter Urban Art eine große Kultur. Ich habe beschlossen, einen Platz für sie zu schaffen.« Die traditionelle Wechselwirkung von Urban Art und öffentlichem Raum werde dadurch nicht zwingend gestört. Zum einen, weil man auch im Außenbereich rund um das Haus Flächen für Murals schaffe. Plus: »Der Urban Artist kann auch in einer Galerie anerkannt und abgebildet werden. Nur gibt es dort die Hürde, dass sonst keine Intuition hinter ihm steht.« Anders also hier. Das gefällt natürlich auch dem Herrn Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten sehr: Ein weiterer Touri-Magnet für die Stadt, bei dem Urban Art seine Ausdruckswege im geordneten Rahmen findet. Hurra.

© Stiftung Berliner Leben / Aurelio Schrey

Was bleibt? 

Es bleibt nach wie vor eine berechtigte Frage, ob sich die Ausdruckskraft dieser Kunst im Zeichen der Verhandlung politischer und ästhetischer Realitäten, eingefercht auf einem legalen, extra geschaffenem Raum, gänzlich entfalten kann. Denn anders als auf der Straße, wo sie überraschend aneckt, provoziert, schockt und so die Alltagswahrnehmung unterläuft, wirkt sie in der Galerie doch eher gezähmt. Einen Unterschied zwischen kommerziellen Feldern und urbaner Kunst, die nach Kuration sucht, scheint es dann aber häufig doch noch zu geben: Vielen Künstlern geht es weniger um den ökonomischen Erfolg, als um die Möglichkeit, vor einer kunstinteressierten Öffentlichkeit ausstellen zu können. Macht am Ende vor allem soziales Kapital, denn entscheidend für die Anerkennung eines Künstlers ist immer noch die Frage, wo publiziert wurde. Ausstellungsorte fungieren als Machtzentren und sorgen für  Prestige. Zieht Urban Art in Galerien und Museen, besitzen nicht mehr nur Auktionshäuser und Edelgalerien die Deutungshoheit, über Kunstwerk und Nicht-Kunstwerk zu entscheiden. Szeneninterne Diskurse um die Selbstverortung sind hier aber wohl dennoch nötig. Man darf gespannt sein, wohin das führt.

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.