Florian Gallenberger im Interview: „Den Zuschauern ein emotionales Erlebnis verschaffen.“

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Florian Gallenberger hat für seinen Kurzfilm „Quiero ser“ bereits als Filmstudent seinen Oscar bekommen. Für sein Spielfilm-Debüt „Schatten der Zeit“, wagte sich der Regisseur gleich nach Indien. Mit dem Epos „John Rabe“ erzählte er 2009 die wahren Geschichte des „Schindlers von China“ mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl in den Hauptrolle. Brühl übernimmt nun auch an der Seite von Emma Watson die Hauptrolle in „Colonia Dignidad“.​

Als fiktive Helden geraten die beiden in das berüchtigte Lager des Sektenchefs Paul Schäfer, der im Chile zu Zeiten des Militärputsches mit Diktator Pinochet zusammenarbeitet und auch von der deutschen Botschaft unterstützt wird. Der Polit-Thriller feierte seine Europa-Premiere auf dem Filmfest Zürich. Dort unterhielt sich [030] Mitarbeiter Dieter Oßwald mit dem Regisseur. 

Herr Gallenberger, war der frühe Oscar ein Fluch oder ein Segen?

Gallenberger: Natürlich ist so etwas immer ein bisschen ein zweischneidiges Schwert, weil es einen gewissen Druck und eine Erwartungshaltung gibt, von der man sich in schlechteren Momenten ein wenig anstecken lässt und sich dann große Sorgen macht. Es gibt diese Erwartungen, aber ob man sich diesen Schuh auch anzieht oder nicht, ist eine eigene Entscheidung. Ich mache meine Filme, so gut ich kann. Wenn die Zuschauer sie mögen, freue ich mich sehr darüber. Aber ich kann mich ja nicht die ganze Zeit paranoid auf diesen Oscar fixieren.

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Florian Gallenberger
Woran liegt es, dass das Genre Thriller hierzulande so selten als Kinostoff dient?

Gallenberger: Zum einen hat es damit zu tun, dass der Krimi im Fernsehen so stark ist. Der „Tatort“ hat regelmäßig 10 Millionen Zuschauer, da denken sicher viele, für solche Stoffe müsse man nicht ins Kino gehen. Aber es gab und gibt immer wieder starke deutsche Thriller, die auch erfolgreich sind, vor allem solche, die sich mit wahren Ereignissen beschäftigen, wie „Die Welle“, „Der Baader Meinhof Komplex“ oder „Das Experiment“.

Würden Sie „Colonia Dignidad” in der Tradition von “Missing” sehen?

Gallenberger: „Missing“ ist ein großartiges Werk der Filmgeschichte, damit möchte ich mich nicht vergleichen. Während es dort darum ging, den politischen Kontext in einem Land darzustellen, geraten bei uns die beiden Helden völlig unvorbereitet in diese Hölle namens Colonia Dignidad. Unser Film will nicht erklären und analysieren, sondern den Zuschauern ein emotionales Erlebnis verschaffen, das hoffentlich stark ist. Und wenn sie der historische Kontext interessiert, werden sie anschließend darüber googeln.

Die deutsche Botschaft spielt keine rühmliche Rolle in dieser Skandalgeschichte um Folter und Menschenraub…

Gallenberger: Die deutsche Botschaft hat bis 1985 eng mit der Colonia Dignidad zusammengearbeitet. Den wenigen, denen die Flucht aus diesem Lager gelungen war, mussten zur Botschaft, weil sie keine Pässe besaßen – und von dort wurden sie wieder zurückgeschickt! In diplomatischen Kreisen ist die Colonia Dignidad immer noch ein heißes Eisen, das keiner anfassen möchte. Ich finde, die damalige Rolle des Auswärtigen Amtes sollte dringend untersucht werden.

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Lena (Emma Watson) wird bei der Herrenversammlung von Paul Schäfer (Michael Nyqvist) gedemütigt.

Unsere Rezension von “Colonia Dignidad“ lest ihr hier.

Soll Ihr Film erreichen, dass dieses Kapitel neu aufgerollt wird?

Gallenberger: Mir ist wichtig, dass „Colonia Dignidad“ als mainstreamiger Thriller ein möglichst breites Publikum erreicht. Wenn das gelingt, wird der Film auch dazu führen, dass diese Vorfälle von damals nicht weiter einfach nur verdrängt werden, bis kein Hahn mehr danach kräht und sie im Treibsand der Geschichte versunken sind.

Einige der Täter leben mittlerweile in Deutschland…

Gallenberger: Der Arzt, der für viele Verbrechen in der Colonia verantwortlich war, wurde in Chile rechtskräftig verurteilt und hat sich durch die Flucht nach Deutschland seiner Gefängnisstrafe entzogen. Er lebt jetzt in Krefeld, ohne dass sich die hiesige Justiz dafür interessieren würde. 

Wie authentisch ist der Film?

Gallenberger: Die beiden von Emma Watson und Daniel Brühl gespielten Hauptfiguren sind fiktiv, ihr ganzes Umfeld basiert auf der Wirklichkeit. Von den Selektionsprozessen des Militärs im Stadion von Santiago bis zu den Todeserweckungen des Paul Schäfer in seiner Gemeinschaft. Selbst seine Sprüche dabei sind überliefert und nun als Dialoge im Film zu hören.


Wie schwierig ist es, Dinge, die in der Colonia passiert sind, für einen Kinofilm nachzuinszenieren?

Gallenberger: Der Film ist ja in erster Linie sehr spannend und damit letztlich Entertainment. Ich war zur Vorbereitung jedoch oft an den Originalschauplätzen des täglichen Grauens, wo man schon das beklommene Gefühl bekommt, als ob die Geister noch spuken würden. Wenn man diese Szenen später nachstellt, ist diese Erinnerung immer mit dabei.

Es ist fast schon ein Markenzeichen von Daniel Brühl, dass er in jedem Film einen Nacktauftritt hat – lasst er sich das vorab in den Vertrag schreiben?

Gallenberger: (Lacht) Nein, das ist ein lustiges Gerücht, aber daran ist absolut nichts dran! Ich habe die Hauptfigur Daniel für ihn geschrieben. Er bringt für mich genau die richtige Mischung aus Sensibilität, Durchlässigkeit und Männlichkeit mit, die ich für diese Rolle im Sinn hatte.

Sie haben vor sieben Jahren bereits mit Brühl gedreht, wie hat er sich verändert?

Gallenberger: Daniel war für mich immer ein sehr guter Schauspieler und er ist mittlerweile sogar noch deutlich besser geworden. Sobald die Kamera angeht, dann geht auch bei ihm etwas an. Er vermittelt scheinbar ganz mühelos eine große Intensität und enorme Echtheit. Daniel ist unglaublich treffsicher und verlässlich. Zudem bringt er viel in seine Rolle mit ein. Er ist für den Film ein totaler Aktivposten, der seinen Regisseur nie im Stich lässt.

Wo steht Ihr Oscar?

Gallenberger: Im Bücherregal in meinem Wohnzimmer. Also ganz normal….

Das Interview mit Hauptdarsteller Daniel Brühl findet ihr hier.

Colonia Dignidad läuft ab dem 18. Februar im Kino

Wo und wann findet ihr in unserem Kinoprogramm.

Foto ©: Majestic / Mathias Bothor