Filmkritik: Thelma | Kinostart: 22.3.2018

in Filmkritik/Kino/Neustarts

Review

Filmkritik
8.5/10
Overrall
8.5/10

Eine Prise Stephen King, eindrucksvolle Bilder und eine umwerfende Hauptdarstellerin: In seinem neuen Spielfilm „Thelma“ verbindet der Norweger Joachim Trier („Louder Than Bombs“) Coming-of-Age-Drama und Mystery-Thriller zu einem fesselnden Porträt einer um Selbstbestimmung ringenden jungen Frau.

Einsam wirkt sie, regelrecht verloren. Mitten auf einem großen Platz in Oslo, auf dem zahlreiche Menschen geschäftig hin- und herlaufen. Von weitem nähert sich die Kamera der Protagonistin Thelma (Eili Harboe), die ihr streng religiöses Zuhause verlassen hat, um in der Hauptstadt zu studieren. Ein großer Schritt, der ihr schwer zu schaffen macht und auch ihre Eltern merklich beunruhigt. Ständig muss sie ihrem Vater (Henrik Rafaelsen) und ihrer Mutter (Ellen Dorrit Petersen) Bericht erstatten, verheimlicht den beiden allerdings, dass sie in der Uni-Bibliothek eine Art epileptischen Anfall erlitten hat, der die Ärzte vor ein Rätsel stellt. Thelma blüht erst dann ein wenig auf, als sie ihre Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins) kennenlernt und zum ersten Mal romantische Gefühle entwickelt. Nachdem sich die beiden Studentinnen nähergekommen sind, drängen Gewissensbisse und Thelmas eigenartige übernatürliche Kräfte an die Oberfläche. Joachim Triers vierter Spielfilm weckt bei Kennern des Thriller- und Horrorgenres unweigerlich Erinnerungen an Stephen Kings Telekinese-Mär „Carrie“ und deren Adaptionen durch Brian De Palma und Kimberly Peirce. Nichtsdestotrotz überrascht der norwegische Regisseur und Drehbuchautor sein Publikum mit einer erfrischend eigenständigen Geschichte, die noch dazu in hypnotische, symbolisch aufgeladene Bilder gekleidet ist. Einen beunruhigenden Sog entwickelt „Thelma“ schon im Prolog, der den Vater der Titelheldin mit seiner ungefähr sechsjährigen Tochter (Grethe Eltervåg) in der skandinavischen Einsamkeit zeigt. Die beiden stapfen über einen zugefrorenen See und durchstreifen einen schneebedeckten Wald, in dem sie auf ein Reh treffen. Der Mann richtet zunächst sein Gewehr auf das ahnungslose Tier aus, nimmt dann aber unbemerkt das kleine Mädchen ins Visier, zögert und schafft es letztlich nicht, den Abzug zu betätigen. Eine ungeheuerliche Geste, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Thelma, Kino, Horror
Hauptdarstellerin Eili Harboe bringt das Hadern Thelmas, ihre Schuldgefühle und ihre Sehnsucht mit unglaublicher Intensität zum Ausdruck.

Nach diesem abgründigen, Fragen aufwerfenden Einstieg schildert der Film präzise und unaufgeregt den Kampf, den Thelma ausfechten muss, als sie mit ihrem Studium beginnt. Die junge Frau ist hin- und hergerissen zwischen dem konservativen Denken ihrer Eltern und den aufregenden Verlockungen ihres neuen Lebens und begibt sich auf eine Erkundungstour in ihren eigenen Körper, der zunehmend verrückt zu spielen scheint. Nach und nach schält sich aus dem Gezeigten eine tragische Familiengeschichte heraus, die in direktem Zusammenhang mit dem rätselhaften Auftakt steht. Hauptdarstellerin Eili Harboe bringt das Hadern Thelmas, ihre Schuldgefühle und ihre Sehnsucht nach einer Abnabelung mit unglaublicher Intensität zum Ausdruck und trägt so entscheidend dazu bei, dass das gefährlich-brodelnde Geschehen fortlaufend in den Bann zieht. Lobend erwähnen muss man auch Triers Geschick, Verunsicherung und Anspannung allein mit Andeutungen zu erzeugen. Unheilvolle Klänge und Einstellungen, die einen Tick länger als notwendig gehalten werden, sind wirkungsvolle Mittel, um eine beklemmende Stimmung zu beschwören. Ein weiterer Grund, warum sich Freunde eigenwilliger, klug arrangierter Mystery-Unterhaltung „Thelma“ nicht entgehen lassen sollten.

Thelma

thelma
Länge:
116 Min.

Regie: Joachim Trier

Darsteller:
Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen, Ellen Dorrit Petersen, Grethe Eltervåg, Anders Mossling, Vanessa Borgli, Oskar Pask

Kinostart: 22.3.2018