Filmkritik: The Florida Project | Kinostart: 15.3.2018

in Filmkritik/Kino/Neustarts

Review

Filmkritik
9/10
Overrall
9.0/10

Lebensecht, aufwühlend und wunderbar gespielt: Independent-Regisseur Sean Baker („Tangerine L.A.“) legt mit „The Florida Project“ ein kleines Meisterwerk der Alltagsbeobachtung vor und geht dafür an die Ränder der US-Gesellschaft, die im amerikanischen Kino nur selten eine prominente Rolle spielen.

Tagein, tagaus blickt die kleine Moonee (Brooklynn Prince) auf das berühmte Walt Disney World Resort in Orlando, das sich in unmittelbarer Nähe zu ihrem Zuhause befindet. Mit ihrer alleinerziehenden Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt die Sechsjährige in der abgewrackten Motel-Anlage „Magic Castle“, die vor allem Außenseiter, kaputte und gestrandete Menschen anzieht. Das trostlose Umfeld hält Moonee allerdings nicht davon ab, ständig mit ihren Freunden durch die Gegend zu streifen und Streiche auszuhecken. Da Halley keiner geregelten Arbeit nachgeht, hat sie immer wieder Schwierigkeiten, rechtzeitig ihre Miete auf den Tisch zu legen. Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) droht ihr immer wieder mit dem Rauswurf, bringt es aber nie übers Herz, die junge Mutter und ihre aufgeweckte Tochter vor die Tür zu setzen. Vielmehr hält er, wo er nur kann, seine schützende Hand über die beiden und versucht, zumindest etwas Ordnung in ihr chaotisches Leben zu bringen. Ähnlich wie das sonnendurchflutete Liebesdrama „Call Me by Your Name“ skizziert „The Florida Project“ einen Sommer lang den Alltag seiner Protagonisten und verzichtet dabei auf ein klar strukturiertes dramaturgisches Konzept. Mehr oder weniger lose verbundene Szenen lassen den Zuschauer eintauchen in Moonees prekäre Lage, die das temperamentvolle Mädchen allerdings nicht als solche empfindet. Mit unbändiger Energie und allerlei Flausen im Kopf verwandelt sie ihr eigentlich hoffnungsloses Dasein in ein aufregendes Abenteuer, das manchmal sogar märchenhafte Züge trägt.

Außen hart und innen ganz weich: Motel-Manager Bobby gespielt von Willem Dafoe.

Mit großem Feingefühl nähert sich Baker seinen Figuren, begeht dabei aber keineswegs den Fehler, das triste Setting zu romantisieren. Deutlich leuchtet er auch die Schattenseiten – besonders Halleys Verantwortungslosigkeit – aus und führt dem Publikum vor Augen, dass Moonee in einem Teufelskreis gefangen ist, aus dem es aller Voraussicht nach keinen Ausweg gibt. Weil der Film jedoch ebenso zeigt, dass die heillos überforderte Mutter ihr Kind aus tiefstem Herzen liebt, fühlt man sich ständig hin- und hergerissen zwischen Verständnis und Abneigung. Eine enorme Wucht entfaltet das mit einer unverblümten Sprache versehene Sozialdrama nicht nur wegen seiner lebendigen, erfrischend unkonventionellen Figuren. Auch das wunderbar natürliche, ungezwungene Auftreten der Darsteller, von denen manche noch nie vor einer Kamera agierten, sorgt dafür, dass „The Florida Project“ tief unter die Haut geht. Mitreißeden Darbietungen liefern vor allem die kleine Brooklynn Prince und Bria Vinaite ab. Lobend erwähnen muss man aber gleichfalls Hollywood-Star Willem Dafoe, dessen Prominenz zu keinem Zeitpunkt negativ hervorsticht. Mit einer sensibel-zurückgenommenen Performance fügt er sich bestens in das unverbrauchte Ensemble ein und zeichnet das eindringliche Bild einer guten Seele, die inmitten einer problembeladenen Umgebung eine unglaubliche Gelassenheit und Mitmenschlichkeit an den Tag legt.

The Florida Project

Foto: © Credit Promo

Länge: 112 Min.

Regie: Sean Baker

Darsteller:

Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera,
Aiden Malik, Valeria Cotto, Josie Olivo, Patti Wiley

Kinostart: 15.3.2018