Filmkritik: Freddy/Eddy

in Filmkritik/Kino/Neustarts

Es ist beschämend, aber auch bezeichnend für die an düsteren Genregeschichten arme deutsche Kinolandschaft. Obwohl Tini Tüllmann mit ihrem Debütwerk „Freddy/Eddy“ auf diversen Festivals für Furore sorgte (unter anderem erhielt sie den Heinz-Badewitz-Preis auf den 50. Hofer Filmtagen), muss die junge Regisseurin ihren kleinen, garstigen Psychothriller, der ohne staatliche Fördermittel entstand, nun im Selbstverleih auf die Leinwand bringen.

Mal wieder ein Beleg für die hierzulande grassierende Scheu vor unbequemen Stoffen und für den fehlenden Mut, eben diesen Missstand entschlossen zu bekämpfen. Um den Zuschauer unter Strom zu setzen, greift Tüllmann auf ein klassisches Motiv des Spannungskinos zurück. Schon immer haben Doppelgänger-Erzählungen Menschen gefesselt und erschüttert, da sich darin sehr leicht ein existenzielles Gefühl des Unbehagens erzeugen lässt. Der einst erfolgreiche Maler Freddy (Felix Schäfer) wähnt sich in einem schlimmen Albtraum. Angeblich hat er seine Frau und deren Geliebten brutal zusammenschlagen und muss sich für diese Tat, an die er keine Erinnerung hat, vor Gericht verantworten. Eine Gefängnisstrafe und den Verlust des Sorgerechtes für das gemeinsame Kind kann Freddy nur deshalb abwenden, weil er sich zähneknirschend schuldig bekennt und bereit erklärt, eine psychiatrische Behandlung zu beginnen. In seinem Haus am Tegernsee versucht der nun von vielen Seiten angefeindete Künstler, etwas Ruhe zu finden, und macht dort Bekanntschaft mit der neuen Nachbarin Paula (Jessica Schwarz) und ihrer Teenager-Tochter Mizi (Greta Bohacek). Als eines Tages Eddy (ebenfalls Felix Schäfer), Freddys imaginärer Freund aus Kindertagen, plötzlich auf der Matte steht, gerät das Leben des jungen Malers endgültig aus den Fugen.

freddy, eddie, genrefilm, deutschland
Aua, da hat aber einer ein Problem. Kann er es lösen? Der einst erfolgreiche Maler Freddy (Felix Schäfer) wähnt sich in einem schlimmen Albtraum.

Dass Tini Tüllmann in den letzten Jahren vor allem im Tonbereich gearbeitet hat, ist ihrem Spielfilmdebüt deutlich anzumerken. Mithilfe eines abwechslungsreichen, nicht selten bedrohlich wirkenden Sounddesigns lässt sie das Publikum in die aufgewühlte Seele ihres Protagonisten blicken. Neben die markante akustische Aufmachung gesellen sich auch optische Kabinettstückchen wie grünstichige Flashs, die Freddys Erinnerung, aber ebenso gut seiner Fantasie entsprungen sein könnten. Eine echte Wucht ist Hauptdarsteller Felix Schäfer, der seine anspruchsvolle Doppelrolle in all ihren Facetten zu stemmen weiß. Immer wieder ist es eine Freude, dem jungen Schauspieler dabei zuzusehen, wie er mühelos zwischen Freddys Verletzlichkeit und Eddys unheimlicher Ausstrahlung changiert. Schäfers eindringliche Performance ist auch der Grund, warum man die gerade im Schlussdrittel vermehrt hervorstechenden Ungereimtheiten und Klischeeanfälle des Drehbuchs nicht allzu stark gewichten möchte. „Freddy/Eddy“ ist sicher nicht in jeder Szene rund, hätte hier und da noch etwas dramaturgischen Feinschliff gebraucht, verdient als konsequent düsterer Psychotrip jedoch eine ordentliche Portion Anerkennung. Nicht zuletzt, weil der Thriller gerade einmal 75.000 € gekostet hat. Manche etablierte Regisseure holen aus einem höheren Produktionsbudget deutlich weniger heraus als Tüllmann, der man vor allem zwei Dinge wünscht. Erstens: Viele Kinos, die „Freddy/Eddy“ in ihr Programm aufnehmen. Und zweitens: Zahlreiche Zuschauer, die sich davon überzeugen lassen wollen, dass abgründige deutsche Genrefilme nicht per se enttäuschen müssen.

Freddy/Eddy

Länge: 94 Min.

Regie: Tini Tüllmann

Darsteller:
Felix Schäfer, Jessica Schwarz, Greta Bohacek, Alexander Finkenwirth,
Burghart Klaußner, Katharina Schüttler, Robert Stadlober, Anna Unterberger

Kinostart: 1.2.18