Julia Zange: Die Reifeprüfung

in Literatur/Stadtleben

Im Herbst 2016 veröffentlichte die Autorin, Redakteurin und Schauspielerin Julia Zange ihren zweiten Roman „Realitätsgewitter“, gegen den ihre Eltern eine einstweilige Verfügung einreichten. Sie glaubten, sich im Roman wiederzuerkennen. Wir saßen mit Julia bei Bier, Kaffee und Brioche.

Beide Deiner Romane handeln in Berlin. Warum ist es diese Stadt, über der sich die ›Realitätsgewitter‹ entladen?

Das hat den einfachen Grund, dass ich seit zehn Jahren in Berlin wohne und immer mit Versatzstücken aus meiner eigenen Realität arbeite. Zufälligerweise passt es auch thematisch. In Berlin gibt es mehr Freiraum als in anderen Städten. Man kann seine Verlorenheit besser ausleben, weil die Anonymität größer ist, aber vor allem kommen hier Leute aus der ganzen Welt zusammen, die ein ähnliches Gefühl antreibt.

Sind das bestimmte Typen von Menschen, die hierher kommen?

Ich denke, die meisten kommen in einer bestimmten Lebensphase nach Berlin. Vor allem, wenn sie auf der Suche sind. Berlin umarmt einen, weil man Gleichgesinnte findet. Ich hab hier sehr viele internationale Leute kennengelernt und den Eindruck, die verbindet alle irgendwas. Man kreiert etwas Gemeinsames und das hat Auswirkungen auf einen selbst.

Bei Marla, der Hauptfigur in deinem neuen Roman, hat man das Gefühl, dass Berlin ihr nicht gut tut – weil sie sich unter all den Einsamen nur noch viel einsamer fühlt.

Klar, es gibt in Berlin natürlich auch eine gewisse Unverbindlichkeit, besonders in den Künstlerkreisen, in denen sich Marla bewegt. Und sicherlich wäre es für sie besser, sich ein anderes Umfeld zu suchen – ob nun in Berlin oder in einer anderen Stadt.

Vielleicht ist Berlin für zwei Sorten von Leuten schlecht: Für die, die zu viel denken, und für solche, die gar nicht denken.

Und, was glaubst du, ist Marla?

Ich glaube, sie denkt zu viel.

Das ist gut zu hören. Neulich habe ich diesen Kommentar gelesen: »Marla nervt mich total, sie denkt einfach nicht«. Das hat mich getroffen, weil ich glaube auch, dass sie viel zu viel nachdenkt, aber es gibt kein Abwägen darüber, ob ihr das, wie sie tut, bekommt oder nicht.

Hättest Du auch mal Lust, etwas zu schreiben, das komplette Fiktion ist?

Ich kann das nicht. Ich schreibe ein Buch, wenn es einen starken emotionalen Auslöser dafür gibt. Im ersten war es Wut, im zweiten Trauer. Jetzt gerade habe ich kein Gefühl mehr, das ich kanalisieren muss.

Ende letzten Jahres haben Deine Eltern eine einstweilige Verfügung gegen das Buch eingereicht. Das war keine Marketing-Strategie?

Ich wäre froh, wenn es das wäre, aber tatsächlich ist das ein richtig schlimmes Familiendrama. Die Klage ging von meiner Mutter aus und wurde direkt zur Veröffentlichung des Buches eingereicht, erfahren haben wir davon aber erst später. Das Verfahren ist jetzt glücklicherweise zu meinen Gunsten beigelegt worden.

Am FR 17.3. ab 20 Uhr im Mirika

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Autoren: Charlotte Krafft, Leonhard Hieronymi

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.