»Die Elektronische Musikkultur hat emotionale Defizite« – Westbam

in Interviews/Musik

Mit seinem Studio-Album »Götterstrasse« feierte Maximilian Lenz alias Westbam sein 30-jähriges DJ-Jubiläum. Die 14 Songs bilden eine vielstimmige Hommage an das Nachtleben und die elektronische Tanzmusik. Als Gast-Sänger konnte Westbam Stars aus Rock, Pop, Punk, Electro und Hip-Hop gewinnen wie Lil Wayne, Kanye West, Iggy Pop, Brian Molko (Placebo), Bernard Sumner (New Order), Hugh Cornwell (The Stranglers) oder Richard Butler (Psychedelic Furs). Seine DJ Karriere startete Westbam 1983 in Münster. Markante Stationen des Produzenten und Partymachers sind Loveparade, Mayday, Bass Planet, Electric Kingdom und die »A&P Berlin Summer Raves« auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Westbam über das Album »Götterstrasse«, drei Jahrzehnte  Nachtleben, Drogen und warum seine DJ-Sets eine Risiko-Veranstaltung sind.

Seit 30 Jahren wirst du in Interviews immer wieder auf Drogen angesprochen. Ist »You Need The Drugs«, die Single deines Albums »Götterstrasse«, deshalb ein Anti-Drogen-Song?
In dem Text von Richard Butler geht um ein abgefucktes Pärchen, das sich wahrscheinlich bald trennen wird. Es ist Sonntagmorgen, sie kratzen die letzten Krümel zusammen, aber es reicht nicht, und sie fahren wieder zu ihrem Dealer. Sie nörgelt und labert die ganze Zeit rum, er ist davon extrem angenervt und hat eigentlich keinen Bock mehr. Beschrieben wird in dem Lied die dunkle Seite, der Kater und Abturn und nicht das High. Aber eigentlich ist das weder ein Pro- noch ein Anti-Drogen-Song. Das wäre auch zu banal und bescheuert, ich will mich ja auch nicht über Drogen belehren lassen.

Wenn der Song weder dafür noch dagegen ist, was ist er dann?
Das ist ein Lied, in dem eine krasse Szene vorkommt, die mir vertraut ist und gefällt, weil sie in mir etwas auslöst. Im Kontext eines Albums, das über 30 Jahre Erfahrung im Nachtleben geht, darf das allemal seinen Platz haben. Das Nachtleben als Ganzes ist mehr als Glamour, auf dem Dancefloor bouncen und Spaß haben. Im Mikrokosmos Club kommt auch alles andere der menschlichen Existenz vor: Abturn, Abschied, Zusammenbruch, Kaputtsein, Dreck, Vereinsamung, Verletzung, Krankheit, Tod. Das Nachtleben ist Himmel und Hölle zugleich. 

In der öffentlichen Wahrnehmung werden elektronische Musik und das Nachleben besonders mit Drogen in Zusammenhang gebracht.
Das mag sein. Drogen sind alltäglich geworden, im Nachtleben natürlich auch, obwohl das im Vergleich zu den krassen 90ern bei den Kids von heute eher wieder abgenommen hat. Bei meinem Album geht es aber um etwas ganz anderes: Die elektronische Musikkultur hat emotionale Defizite, weil sie sich hauptsächlich zu einem Tool für diese eine Tanzfunktion macht und so vordergründig für alle himmlischen Aspekte steht. Für mich ist das aber mehr. Das Nachtleben ist ein großer Teil meines Lebens und da habe ich mehr gesehen, als nur Begeisterung und Spaß. Ich habe das Gefühl, dass mir die elektronische Musikwelt, in der ich mich bewege, nichts darüber erzählt und wollte ein Album machen, nicht für diese Welt, sondern über diese Welt aus Clubs, Nachtleben und Musik. 

Ist das auch der Grund, warum du dich bei den Albumtracks im Unterschied zu deinen DJ-Sets zurückhältst und die Show den Sängern und ihren Stimmen überlässt?
Der Dancefloor und das Album sind zwei verschiedene Dinge. Da geht es nicht darum, dass jeder Track für ein Peaktime-Westbam-Set passen muss, sondern ob die Stücke des Albums miteinander tanzen und zusammen einen Sinn ergeben. Es geht mir um emotionale Tiefen und Untiefen rund ums Nachtleben über einen großen Zeitraum hinweg. Die Musik auf dem Album ist sparsam, spartanisch, zurückhaltend, einfach, leer und konzentriert und lässt die vielen großartigen Stimmen atmen. Was ich dagegen am Samstagabend als DJ spiele, ist nur eine profane Momentaufnahme der jeweiligen Situation im Club. Das ist eine Veranstaltung mit Risiko. Bei meinen Sets passiert es ganz selten, dass die Leute auf eine Box springen und sich die T-Shirts vom Leib reißen. 

Woran liegt das?
Weil du nie ganz sicher sein kannst, was ich als nächsten Track spiele. Da ist zwischen einem Sven Väth und seinem Publikum eher eine Vertrautheit da. Das hast du bei mir nicht. Ich weiß: Das ist eine Zumutung. Daher habe ich für meine Kritiker auch ein gewisses Maß an Verständnis, freue mich aber natürlich mehr über Leute, die da etwas mehr Geduld mitbringen. 

Der Video-Clip von »You Need The Drugs« zeigt Original-Filmmaterial aus den 80ern und stammt aus der Rockumentary »B-Movie« von Mark Reeder. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Jörg Hoppe, der den Film zusammenbastelt, hat von allen möglichen Quellen Material gesammelt, und suchte die dazu passende Musik. Neben »You Need The Drugs« läuft in dem Film von meinem Album auch der Song »Iron Music« mit Iggy Pop. Das sind dann auch für mich glückliche Umstände. Ein schöneres Video zu »You Need The Drugs« hätte es nicht geben können. Es führt mir die Welt vor Augen, aus der ich eigentlich komme: Dieser seltsame Westberliner Underground der frühen 80er aus Post-Punk, New Wave und Geniale Dilettanten in Läden wie Ex’n’Pop oder Risiko. Ich bin da auch kurz zu sehen, als 19-jähriger DJ mit Haaren im Metropol und erkenne auch viele Leute aus dem Video wieder, die ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Diese Bilder passen zu meinem Album, weil sie etwas Allgemeingültiges über das Nachtleben zeigen, solange ich es kenne. 

Das Interview führte Stefan im März 2013 anlässlich der Veröffentlichung des Albums »Götterstrasse« (Vertigo Berlin). 

Foto ©: Andreas Bleckmann